Das Ziel des Besuchs in diesem Tempel des Konsums, dem Dreh- und Angelpunkt der alles umfassenden Warenströme, ist es, nicht mit leeren Händen nach Hause zu gehen. Von Ausstellungsraum zu Ausstellungsraum, der eine schlendernd, der andere hetzend, geht es vorbei an zeitgenössischen Gemälden oder Objekten. Allesamt hergerichtet in puristisch anmutender Innenarchitektur des 21. Jahrhunderts. Der Besucher ergattert bereits während der Ausstellung das, was ihm gefällt. Zu diesem Zweck tragen alle Ausstellungsstücke nicht ausschließlich ihren Namen und den ihres Erschaffers am unteren Ende, sondern ebenso einen Preis. Dieser Besuch kommt somit weder dem eines Museums noch einer Galerie gleich. Bei Letzterem muss man zwar genauso wenig einen Eintrittspreis entrichten, die Preise für die Schaustücke werden allerdings in einer gesonderten Tabelle parat gehalten.

Im ersten Schauraum, den Stillleben, zeigt sich das Schauspiel der Natur. Achtlos aufeinander getürmt finden sich hier Obstsorten aus nah und fern, gespickt mit Gemüse und Gewürzpflanzen aller Art. Bevor der Alterungsprozess einsetzt, kann man die Objekte auf purem Stroh, in Holzkörben, Papiertragen und Plastikstellagen in schönster Präsentation des Schattenspiels in Augenschein nehmen.

Ausgehend vom späten 18. Jahrhundert Hollands geht es hinüber zur Contemporary-Art. Gerupfte Hühner, Innereien, Muskelstücke, Würste und Schinken werden auf kaltem Metall in einem Glaskasten zur Schau gestellt. Neben dem üppigen Rot finden sich auch Sülze und Schmalz. Nur die Schlachtung wird dem Betrachter erspart und Wasser im Mund macht sich breit. Auch von Hermann Nitsch und der Radikalität des Wiener Aktionismus hat hier herinnen scheinbar noch keiner gehört.

Dada und das Porträt

Im Bereich des Lichtspiels geht es schon etwas ruhiger zu. Marmorierte Stücke aus sattem Orange bis Braunrot oder geschupptes Silber sind auf beleuchtetem und kristallklarem Material präsentiert. Es ist Wasser in seiner schönsten Erscheinungsform - dem Eiskristall. Beim Betrachten dieser Objekte versinkt man in stiller Andacht an die Klimaerwärmung, den Anstieg des Meeresspiegels und die Überfischung der Weltmeere.

Fernab der Präsentation dieses bedrohten Lebensraums zeigt sich etwas Unkonventionelles: Käse in seiner vollen Bandbreite. Das Sehorgan - also nicht nur - kommt endlich auf Hochtouren. So wild wie hier alles präsentiert wird, muss man die Holzbretter dazwischen lange suchen. Jedes Käsestück macht die Summe der Gesamterscheinung aus. Normen und Ästhetik scheinen diesseits genauso wenig gefragt wie im Dadaismus.

Anders geht es bei den Porträts zu. Hier ist alles exakt nach Höhe der Objekte positioniert. Es wird das reine Optimum an Platz und Leerraum, also eben keinem Leerraum, verfolgt. Die herausstechende Form ist bekanntermaßen das Rechteck. So reihen sich lachende Buben an Prinzen, Drachen, violette Kühe, Katzen sowie goldene Bären und Eier mit Gesichtern. Aber auch Mozart und Sissi sind vertreten. Je nach Jahreszeit gesellen sich in die Ausstellung Hasen und bärtige Männer mit weißem Haar. Bei den Farben kennt man keine Grenzen. Über Neongrün bis Schwarz ist jede Farbe vertreten. Neben Papier kommen auch neue Materialien wie Cellophan und Aluminium als Malunterlage zum Einsatz. Eventuell handelt es sich sogar um Pop-Art. Zwar sind in diesem Bereich keine Suppendosen von Andy Warhol zu sehen, aber die Warenwelt doch sehr präsent.

Antikes und Modernes

Auch eine Schaufläche der Antike mit ihrem Kultobjekt Wein darf nicht fehlen. Hier kommen Rot-, Weiß- und Roséweine zur Präsentation. Auf Etiketten der modernen Vorratsgefäße deutet sich die Technik längst vergangener Malerei und Schrift an. Aufgrund des erhöhten Materialgewichts ist, neben der Präsentation auf und in Weinfässern, ebenso auf das Kräftegleichgewicht in den Regalen zu achten. Aber nachdem um die Geburtsstunde von Jesus Christus bereits namhafte Mathematiker am Werk waren, stellt die Lagerung keine große Herausforderung dar.

Zu optischen Täuschungen kommt es im Bereich der antialkoholischen Getränke. Die von oben mit künstlichem Licht beschienene Präsentationsfläche grenzt zur linken und rechten Seite mit einer reflektierenden Glasoberfläche ab. Ein Effekt der Vervielfältigung tritt in Erscheinung. Der Betrachter wird der Realität entrissen und ist bemüht, den Zustand zu stabilisieren. Unterlegt wird die Illusion von einem surrenden Motorengeräusch. Es wirkt zunehmend als Performance, die einen gewissen Kühlungseffekt aufweist.

Warm ums Herz wird es einem bei der Thematik Brot. Besonders durch den Ausdruck des Mangels an Brot und den Hunger in der Kriegs- und Nachkriegszeit berührt einen diese Ausstellungsfläche ganz besonders. Brot war immer Teil der Kunst und als Grundnahrungsmittel Nummer Eins in seiner vielfältigen Bedeutung nicht zu leugnen. Um sowohl sein eigenes Existenzgefühl zu stillen als auch etwas Funktionales mit nach Hause zu nehmen, kann man in dieser Abteilung zahlreiche Weißbrotkrumen erwerben. Sie sind der Vorreiter des Radiergummis und können zu Pandemiezeiten den eigenen künstlerischen Ausdruck Zuhause verbessern.

Ramen und Rahmen

Wie in allen Sammelausstellungen ist auch an dieser Stelle die Auswahl an Objekten viel zu hoch, als dass man sie mit einem Besuch erfassen könnte. Doch bevor es zum Ausgang geht, sollte man noch bei der Hartweizengries-Ausstellung vorbeischauen. Erst hier zeigen sich die zahlreichen Formen, die Kunst anmutig erscheinen lassen: Röhren, Platten, Spiralen, Sterne, Windungen, Reliefs und vieles mehr. Denn Kunst, so wissen wir seit Leonardo da Vinci, ist das Verhältnis der Teile zu ihrem Ganzen. Der Sinn für Proportionen ist etwas ganz Natürliches. Diesen in der Nachahmung exakt auszubalancieren, ist hohe Kunst.

Die ganzheitliche Dimension dieser Werkausstellung wird insbesondere durch die Gleichförmigkeit der Innenarchitektur umrahmt. Zwar sind die Gestelle der Ausstellungsobjekte im Idealzustand nicht mehr zu sehen, doch sind sie die eigentliche Kunst im Verborgenen; variable Stecksysteme der Schwerlastregale mit Metalleinlegeböden und einer Verkleidung aus Holzbrettern. Erst diese sich wiederholenden Grundelement geben den Ausstellungsstücken ihre wahre Bedeutung, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Quasi das Regal als neutrales Modell unter den Ausstellungsstücken.

Gefördert wird diese Werkschau von der freien Marktwirtschaft und der von ihr abhängigen Gesellschaft. Bei der Wahl eines Objekts für zuhause sollte man daher genau überlegen, welchen Sinn und Zweck es in den eigenen vier Wänden erfüllt. Alle Werke dienen somit einem Angebot für den eigenen Denkprozess und der ethischen Verantwortung bei der freien Wahl. Der einzige Zustand, der einem in Pandemiezeiten geblieben ist. Oder ist auch in diesem Fall die Freiheit bereits durch Werbung für diese Ausstellung gebrochen?