Man stelle sich vor, man würde mit einem Hubschrauber über die unendliche Weite der Wüste Utahs fliegen. Im Auftrag der Abteilung für öffentliche Sicherheit des Staates (Department of Public Safety, DPS) suchte man nach Ovis canadensis, dem Dickhornschaf. Es ist Zeit, die Schäfchen zu zählen. Des Weiteren imaginiere man, wie die Augen über die endlose Weite der Kupferfarbigkeit gleiten. Kein Schaf weit und breit und dann das… "Er ist wie whoa, whoa, whoa, dreh um, dreh um", ruft einer der Biologen an Bord dem Piloten zu. "Da ist dieses Ding, da ist dieses Ding da hinten. Wir müssen es uns ansehen."

Das Ding, dieses Ding, ein Monolith aus Stahl, steht nun mitten im Nirgendwo in der Wüste von Utah und lässt nicht nur die Behörden grübeln, sondern auch das Internet rätseln. Nach der Landung fanden die DPS-Mitarbeiter ein mehr als drei Meter hohes Stück polierten Metalls in Rechteckform, das fest im Wüstenboden verankert und aufrecht nach oben ausgerichtet war. Bei näherer Betrachtung kam das Team zu der Einschätzung, es könne sich am ehesten um ein Objekt aus Stahl handeln. Allerdings ließen sich keine "offensichtlichen Hinweise zum Ursprung" des Monolithen finden. Klar war nur – irgendjemand musste den Stahlkoloss dort hingestellt haben.

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Fest steht, dass Aufnahmen und Video der Hubschrauber-Besatzung im Internet veröffentlicht wurden. Um den Ansturm von Schaulustigen, Ufo-Forschern, Alien-Jägern und Stanley Kubrick-Fans einzudämmen – dieser Winkel der Wüste ist extremabgelegen, nicht erschlossen und gefährlich -, wurde der genaue Standort nicht preisgegeben. Oder auch aus Sorge, dass jemand die Stele von dieser Stelle stehle.


Doch nicht nur die Wüste scheint unendlich, auch das Wissen im Internet ist riesig: Und so fand sich ein Mann mit dem klingenden Pseudonym "Bear__Fucker", dessen liebstes Hobby wenig mit seinem Namen gemein hat, denn er löst gerne geografische Rätsel und versucht, über wenig Ansatzpunkte einen Ort zu erraten. Gesagt, getan. Aus der Meldung der Behörden wusste der Mann, dass der Monolith in einer bergigen und abgelegenen Gegend Utahs zu finden sein musste. Auf den Fotos konnte er die Gebirgsstruktur, aus der rot-weißen Zeichnung des Gesteins leitete er ab, dass es sich um eine tiefer gelegene Gebirgsebene handeln musste. Runde Formen ergaben den Rückschluss, dass es dort verhältnismäßig viel Erosion gibt. Vielleicht sogar zeitweise Wasser durch das Tal fließen könnte. Und nachdem er sich die Flugdaten des Helikopters besorgt hatte, konnte er den Flug bis zu jenem Punkt nachvollziehen, an dem der Hubschrauber zu niedrig flog, um noch vom Radar erfasst zu werden. Und schon war innerhalb einer guten Stunde das nächste Rätsel gelöst.


Es könnte Kunst sein

In Ermangelung bekannterer Alternativen wurde zunächst gemutmaßt, dass es sich um ein Objekt aus dem Weltall handeln könnte, würde es doch offensichtlich eine Parallele zum Stanley-Kubrick-Klassiker "2001: A Space Odyssey" ableiten lassen. Affen und Knochen fanden sich aber nicht, also wurden die Spekulationen bodenständiger: Es könnte doch auch Kunst sein. Stahl wäre immerhin wenig außerirdisch. Also wird nun spekuliert, welcher große Geist der Kunst- und Kulturwelt dieses Objekt, genau an diesem Punkt, exakt zu welchem Zweck hatte aufstellen lassen. Vielleicht hat auch ein kleiner Witzbold des Burning-Man-Festivals seine Spuren hinterlassen?

Anwärter Nummer Eins auf den Titel "Erbauer dieses Werkes", so spekulieren die US-amerikanischen Medien, ist der 2011 verstorbene Bildhauer John McCracken, der zu den Minimalisten der Westküste gerechnet wird, und mit Skulpturen aus einfachen geometrische Formen und Farben bekannt wurde, derart blank poliert, dass sie nahezu durchsichtig erscheinen. Eine seiner glänzenden Stahlstelen findet sich im kalifornischen Napa Valley, wurde 2008 errichtet und sieht auf Fotos wie der Zwilling der Utah-Stele aus. Der Name des Kunstwerks in Kalifornien lautet übrigens "Magic". Ein Nachruf auf den 1934 geborenen Künstler aus der "New York Times" erwähnt sein Interesse an Ufos, Außerirdischen und Zeitreisen. Er habe seine Skulpturen selbst als etwas beschrieben, dass ein Besucher von einem anderen Planeten auf der Erde zurückgelassen habe. "Es verwundert nicht", schreibt die "New York Times" weiter, "dass manche Menschen glaubten, McCracken hätte den Monolithen aus Stanley Kubricks 1968er Film '2001 – Odyssee im Weltraum' entworfen." Das hat er nicht. Aber er habe öfters gesagt, so das Blatt, dass sein Werk vielleicht den Designer des Monolithen beeinflusst habe.

Aber nachdem bisher noch kein Urheber eruiert werden konnte, erfreuen zahlreiche Wortmeldungen die Internet-Gemeinde. Unabhängig von der Herkunft des Utah-Objekts hat es die Verschwörungstheoretiker und Science-Fiction-Fans in den sozialen Medien in den Bann gezogen. "Endlich versteht es jemand!", so Twitter-Nutzer Dwight Jackson aus Calgary, Alberta. "Dies ist der 2020-Reset, auf den wir gewartet haben! Wo ist das Mutterschiff ...?" Ebenfalls auf Twitter wurde jedoch daran erinnert, dass "die Nutzung, Besetzung oder Erschließung von öffentlichem Land oder dessen Ressourcen ohne erforderliche Genehmigung illegal ist, unabhängig davon, von welchem Planeten Sie stammen".

Die wichtigste aller Fragen sei auch noch beantwortet: Den Dickhornschafen geht es gut, die Population sei stark und robust, so die Mitteilung der Biologen.