Kaum ein Privatleben eines Komponisten ist in Wort und Bild ähnlich gut dokumentiert wie das von Alban Berg. Musste man bisher die Bilddokumente in den diversen biografischen Publikationen über Berg selbst und die beiden anderen zentralen Komponisten der sogenannten Zweiten Wiener Schule, also Arnold Schönberg und Anton Webern, zusammensuchen, legt nun Daniel Ender im Böhlau-Verlag eine Bilddokumentation zum Eheleben von Helene und Alban Berg vor. Es ist mehr ein Buch zum Durchblättern als zum Lesen.

Locher und Würstchen

Dennoch sind die einzelnen Aspekte ungeheuer spannend: Bilder von der Füllfeder des Komponisten etwa oder von seinen Stempeln. Ein anderes Bild zeigt, man hält es vor Spannung schier nicht aus, Alban Bergs Locher der Marke "Victor". Oder welch eine Erregung des Betrachters verschafft das Foto eines Steingut-Warmhalters für Würstchen!

Man stelle sich vor, etwas Ähnliches würde heute über Richard Wagner oder Anton Bruckner veröffentlicht: Es wäre sofort von einem längst überwunden geglaubten Geniekult die Rede. Wie kommt es, dass ein Musikwissenschafter und -kritiker vom Rang eines Daniel Ender für ein Buch steht, das über weite Strecken Alban Berg nicht porträtiert, sondern vor ihm auf Knien liegt?

Die Zusammenhänge enthüllen sich, wenn man auf der Vorsatzseite erfährt, dass der Geldgeber der Veröffentlichung die Alban-Berg-Gesellschaft ist, als deren Generalsekretär Daniel Ender fungiert. Anders gesagt: Der Autor ist am Finanzier und der Finanzier an der biografierten Person zu nahe dran, um ein distanziertes Verhältnis zu ermöglichen. Denn während man von jedem Richard-Wagner-Verband oder, um einen Komponisten des 20. Jahrhunderts zu nennen, von jeder Forschung über Benjamin Britten erwartet, dass fast nur noch die dunklen Seiten ausgeleuchtet werden, blüht im Fall von Alban Berg die Hagiographie. Das hat Tradition, denn schon Bergs Witwe hatte für Faltenfreiheit gesorgt. Dass Berg etwa seinen Schüler Theodor W. Adorno als Postillon d’amour instrumentalisierte und seine Affäre mit Hanna Fuchs tonsymbolisch in der "Lyrischen Suite" verewigte, durfte man erst durch musikwissenschaftliche Indiskretionen nach dem Tod von Bergs Witwe erfahren.

Und wenn Berg doch ein Heiliger gewesen sein sollte (mit ein paar Seitensprüngen, verziehen, mein Gott, der Mann war schließlich Künstler)?

Statt über die Einrichtungen der Häuser, Glücksbringer und die nach seinem Tod von seiner Frau Helene abgeschnittene Haarlocke erführe man vielleicht gerne mehr über die Behauptung des US-amerikanischen Berg-Spezialisten Douglas Jarman, dass der Komponist sein Violinkonzert ursprünglich auf dem Motto "Frisch, fromm, fröhlich, frei" aufbauen wollte, das der NS-nahe deutsche Turnerbund auf seine Fahnen schrieb.

Dennoch: Das Buch ist eine Fundgrube an Bildmaterial und führt Bergs großbürgerliche Lebensumstände vor Augen. Schnappschüsse (Berg mit Kühen, beim Bad im See, im Gras sitzend und so weiter) mag man als Farbtupfer verstehen, das Kapitel über den Militärdienst ist lesenswert, andere Kapitel (über die Instrumente, die Bibliothek oder auch das Alltagsleben) wünscht man sich breiter ausgeführt. So bleibt dem Leser nur übrig, will er dem Menschen Alban Berg näherkommen, zum Buch von Soma Morgenstern zu greifen und "Zu Hause bei Helene und Alban Berg" als dessen Bild-Sonderband zu betrachten.