Im Prinzip hat Inspector Columbo alles richtig gemacht: Seinem Hund hat er den Namen Hund gegeben. Weil der Hund ein Hund ist. (Und kein Mensch, dem man einen Namen gibt.)

Die Bezeichnung als Name: Das erinnert an einen Witz (falls bekannt, einfach den Absatz überlesen). Treffen sich zwei Hunde. Sagt der eine: Hast Du schon einen Namen für Deine neue Leinenhalterin? - Sicher. Warzenschwein. - Wie kommst Du auf die Idee, dein Frauchen Warzenschwein zu nennen? - Warum nicht? Sie nennt mich ja auch Leo.

Ja, wahrlich, einen Hund "Löwe" nennen - auf solch eine Idee muss man erst kommen. Geschieht aber erstaunlich oft.

Namens der Physik

Dann schon lieber Pauline für ein Faultier. Das hat sich der Tierpark Schönbrunn einfallen lassen. Das junge Faultier ist süüüß (bitte, je nach eigenem Geschmack weitere üs hinzufügen, drei sind aber die Mindestmenge). Aber muss man eine Fauline wirklich Pauline nennen? Damit haben allfällige Paulinen zumindest in der Schule den Faultier-Spott weg. Gepriesen sei das Distance Learning!

Andererseits: Wie soll der Nachwuchs von Alberta und Einstein heißen? Lise nach der Atomphysikerin Lise Meitner? Oder Galilea nach Galileo Galilei? So quasi, damit der Name im Umkreis von Physik- und Mathematikgenies bleibt.

Namen für Tiere - das ist sowieso ein ganz heikles Kapitel. Manche wollen's originell machen. Dann heißt ein Nilpferd schon einmal Bulette, womit der Berliner Zoo die Frage aufkeimen ließ, ob lieber mit oder ohne Mostrich.

Zoos sind in jüngster Zeit dazu übergegangen, ihren Tieren Namen aus deren Heimat zu geben. Ein Leipziger Gorilla-Weibchen beispielsweise heißt "Kianga", was in einer der afrikanischen Sprachen "Sonnenschein" bedeutet. Die Schönbrunner Koalas wiederum haben Namen aus den Aborigines-Sprachen: Das Weibchen heißt Bunji (Freunde), das Männchen Wirri-Wirri, also Wirbelsturm, was bei einem Tier, das ein gefühltes Dreivierteljahr braucht, um von einem Eukalyptusbaum zum anderen zu kommen, immerhin einfallsreich ist.

Manchmal sind die Namen von Zootieren absolute Haupttreffer. Der Idealfall war der Berliner Eisbär Knut. Beim tapsigen Jungtier assoziierte man unwillkürlich "knuddelig", zum ausgewachsenen Bären passte der Name auch: nordisch, irgendwie wikingerhaft. Der Nürnberger Versuch, mit der Eisbärin Flocke einen vergleichbaren Hype zu entfesseln, schlug fehl. Flocke ist eher ein Name für weiße Schafe, vielleicht für einen Schimmel, der Voltenreihen so leichthufig dreht, als wäre er eine tanzende Schneeflocke. Aber Flocke als Name für ein 200-plus-Kilogramm-Raubtier? Oder war der Fehlschlag (war gar keiner - nur gab's keinen knutgleichen Hype) nicht am Namen gelegen, sondern an zu viel Eisbär in zu kurzer Zeit?

Bei Zootieren hat sich eine mehr oder minder demokratische Namensfindung eingebürgert - zumindest, wenn man an ihnen etwa PR aufhängen kann: Das Zoopersonal darf mitentscheiden, am Ende können die Zoobesucher (oder die ganze Bevölkerung via Internet) mitbestimmen. Es sei denn, ein Tierpate bildet sich einen Namen ein. Geld regiert Welt wie Wisent. Muss man Rasselinchen für die Klapperschlange befürchten? Oder Jaws für die Krabbenaugen-Grundel? Wenigstens sind die Schönbrunner Beulenkrokodile um Schnappi herumgekommen. Sie heißen Puebla und Durango.

Auf der Kehrseite desselben Blattes stehen die Namen der Tiere in den eigenen vier Wänden. Prinzipienreiterisch könnte man einwenden (auch bei Zootieren, natürlich), dass Namen für Tiere der erste Schritt zur Vermenschlichung sind. Kein Tiger spricht seinen Artgenossen mit Kevin an und kein Schakal seinen Kumpan mit Hanno-Detlev. Das machen Menschen, weil Menschen auf Namen fixiert sind.

Rettende Namen

Namen bewahren Tiere in der Regel auch vor dem Kochtopf - nicht nur in Lewis Carrolls "Alice", sondern auch ganz real. Nach der Frage: "Wie schmeckt Dir Donald Duck?" hat schon mancher sein Lebtag lang auf Ente verzichtet, und, ganz persönlich angemerkt, die Idee meiner Großmutter, den Weihnachtskarpfen in spe "Bruno" zu nennen, hat zur Freude ihres damals sechsjährigen Enkels zu einem vegetarischen Weihnachtsessen und einer Heilig-Abend-Fischbefreiung in der Alten Donau geführt.

Namen sind so menschlich wie das Irren. Der Name gehört zur Identität eines Menschen dazu. Das überträgt der Mensch auf seinen tierischen Mitbewohner, dem sein Name indessen völlig gleichgültig ist. Katzen und Hunde reagieren, wenn man sie ruft (und die Katze aufgelegt ist zu reagieren), nicht auf den Namen, sondern auf die Intonation, den Klang.

Um auf einen Namen zu reagieren, bedarf es der Selbstwahrnehmung - und wie weit es mit ihr im Tierreich her ist, bedarf noch klärender Untersuchungen. Bei den maßgeblichen Spiegeltests gut abgeschnitten haben bisher Krähen, Elstern, Putzerfische, Orang-Utans, Schimpansen, Elefanten, Delphine und (man behalte das beim nächsten Einkauf oder beim nächsten Restaurantbesuch im Gedächtnis:) Schweine.

Ob man also seine Katze Felix nennt, Nero oder Minette, sagt mehr aus über den versklavten Dosenöffner als über die Katze. Bei Hundebesitzern ist es ebenso. Wer seinen Hund "Leo" nennt, gibt lediglich zu verstehen, dass er nicht Latein kann, und wer ihn "Balu" nennt, dass er weder Kiplings "Dschungelbuch" gelesen noch Disneys Verfilmung gesehen hat. (Apropos: Ist der Zeichentrickfilm eigentlich noch politisch korrekt? King Louie singt ethnisch den Schwarzen zugeordneten Jazz - und King Louie ist ein Affe.)

Wie also das Heimtier nennen? Ein Internet-Ratgeber schlägt vor, Eigenheiten in eine wenig bekannte Sprache zu übersetzen. Also den Goldfisch nicht Flossi zu nennen, sondern beispielsweise Pini, also Flosse auf Georgisch. Und die Katze könnte man Ashi nennen, was Pfote auf Japanisch heißt. Der Samt liegt im Klang des Wortes.

So etwas funktioniert auch bei Hunden. Bello bellt, also (niederländisch) Schors - oder wie wäre es mit (mongolisch für Bellen) Choltos? Inspector Columbos Lösung wäre Kuri, das bedeutet Hund auf Maori. Obwohl: Für den glasäugigen Mörderschreck wäre da wohl schon wieder zu viel Name in der Bezeichnung.

Selbst wenn die Online-Übersetzer Mist bauen - es ergibt interessante Namen. Wobei man seine Katze natürlich auch Munkustrap oder Bombalurina nennen kann. Ein Ausweis als elitärer Kenner der englischsprachigen Literatur, konkret von T. S. Eliots "Old Possum's Book of Practical Cats", ist das freilich nicht mehr, man könnte ebenso gut ein Musical-Fan sein und keine Ahnung haben, woher die Verse von Andrew Lloyd Webbers "Cats" stammen.

Wie man Hunde in früheren Zeiten genannt hat, wissen wir dank W. H. Audens Gedicht "Dance of Death (Hawking for the Partridge)": Duty, Dancer, Sugar, Tricker - warum nicht? Und auch noch German und Jew.

Dann schon lieber Leo oder Hund.