Traue keinem, der Dir einen Nussknacker schenkt! Nun gut, traue. In der Regel passiert gar nichts. Aber es gibt die regelbestätigende Ausnahme: Einen Nussknacker schenken und die Beschenkte ein paar Jahre später dem Henker zu übergeben - dazu muss man Henry VIII. sein. So machte er’s mit Anne Boleyn, Nummer zwei in der Ehefrauen-Reihe "geschieden-geköpft-gestorben-geschieden-geköpft-überlebt". Der Fall des Tudor-Ehefrauensammlers ist interessant: Da Annes Blut am 19. Mai 1536 den Boden des Tower of London tränkte, ist sicher, dass es schon Anfang des 16. Jahrhunderts die figürlichen Nussknacker gegeben hat.

Nussknacker ohne figürliche Darstellungen gab es schon in der Antike, und zwar, seit sich, so wird’s überliefert, Aristoteles nicht mehr seine Zähne an den hölzernen Schalen ausbeißen wollte. Später tüftelte auch das Multi-Genie Leonardo da Vinci an einem Nussknacker.

Legende und Realität

Ab dem 19. Jahrhundert ist das Erzgebirge die Hochburg der Nussknackerfiguren. Einer Legende zufolge war ein reicher Bauer zu faul, Nüsse zu knacken. Er versprach dem eine Belohnung, der ihm die Mühe abnehmen könnte. Ein Drechsler erfand darauf den Nussknacker und gab ihm das Antlitz des Bauern. Der war so begeistert, dass er dem Drechsler eine Werkstatt einrichtete. So ist die Legende. In der Realität weiß man einen Namen: Der Kunsthandwerker Friedrich Wilhelm Füchtner hat 1870 das erste Serienmodell des Nussknackers erfunden.

Was aber hat es mit den figürlichen Darstellungen auf sich? - Da beißen Könige und Husaren, Gendarmen und Förster, auch Napoleon und Bismarck auf Nuss. Fällt was auf? - Lauter Obrigkeiten müssen die Nüsse knacken. Ja: Der Nussknacker löckt gegen Respektspersonen. Er hat anarchistische Neigungen. Dazu passt seine ursprüngliche Bezeichnung: "Kleikotzer" hießen die Gestalten, also: Schalenerbrecher. Es war die Rache der zu jenen Zeiten armen Spielzeugmacher an den sie drangsalierenden Obrigkeiten.

Als größter Nussknacker gilt übrigens der zehn Meter hohe Ritter Borso von Riesenburg, der vor dem Nussknackermuseum in Neuhausen steht. Der größte tätige Nussknacker ist der 5,87 Meter hohe Eigenbau der Familie Löschner. Er knackt Kokosnüsse.

Dass die hölzernen Gestalten auch die künstlerische Fantasie anregten, war nur eine Frage der Zeit. Heute gibt es unzählige Märchen, Musik- und Tanzstücke und Filme, in denen der weihnachtliche Nussknacker eine Haupt-, zumindest eine Nebenrolle spielt. So hat der Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann - bekannt für den "Struwwelpeter" - 1851 "König Nußknacker und der arme Reinhold" mit eigenhändigen Zeichnungen herausgebracht. Das zentrale literarische Werk ist wohl "Nussknacker und Mausekönig" von E. T. A. Hoffmann, erschienen 1816 in Berlin in der Sammlung "Die Serapionsbrüder". Einmal mehr nimmt er sein beliebtes Motiv des künstlichen Menschen auf (siehe auch "Der Elementargeist", "Prinzessin Brambilla", "Kater Murr", "Die Pagodenburg" oder "Der Sandmann") - diesmal in der Figur des verzauberten Nussknackers.

Erste Solistin des Wiener Staatsballetts Liudmila Konovalova in Rudolf Nurejews "Der Nussknacker", der 2012 im Haus am Ring Premiere hatte. - © apa/Herbert Neubauer
Erste Solistin des Wiener Staatsballetts Liudmila Konovalova in Rudolf Nurejews "Der Nussknacker", der 2012 im Haus am Ring Premiere hatte. - © apa/Herbert Neubauer

Es ist die Geschichte von Marie und ihrem Nussknacker, ein verwandelter Prinz, der Mäuseheer und -könig besiegen und die Liebe von Marie gewinnen muss, um seine Gestalt wieder zu erlangen. Alexandre Dumas adaptiert 1845 Hoffmanns Kunstmärchen und schafft damit die Vorlage für das bis heute bekannteste Weihnachtsballett. Es waren nämlich der Choreografiemeister Marius Petipa des Marinskij-Theaters und der balletterfahrene Peter I. Tschaikowski, die mit diesem Stück an ihren Erfolg "Dornröschen" anschließen wollten. Petipa erkrankte. Lew Iwanow war es schließlich, der den "Nussknacker" am 5. Dezember 1892 in St. Petersburg auf die Bühne brachte. Das Ballett voller fantastischer, zuckersüßer Szenen, wie tanzende Schneeflocken, inspirierte vor allem im 20. Jahrhundert zu etlichen Neuversionen. Die Popularität dieses Werks liegt auch in der Partitur von Tschaikowski, die oftmals als gleichermaßen brillant wie elegant bezeichnet wird. Gleichzeitig mit dem Ballett finalisierte Tschaikowski die "Nussknacker-Suite", die noch vor dem Ballett unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt wurde. Für das Wiener Staatsballett und sein Nahverhältnis zu Rudolf Nurejew ist sicher dessen Version aus den 1960er Jahren, die 2012 Premiere hatte, von größtem Belang. Sie war die erste Version des Klassikers, die sich inhaltlich wieder an die tieferen Ebenen der Erzählung von Hoffmann anlehnt. Von den ursprünglich anarchischen Tendenzen des nüsseknackenden Holzmanns ist da freilich kaum noch etwas zu spüren.