"Hosenkauf ist immer eine Tragödie gewesen", bemerkt die titelgebende Figur in "Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen". Der Dramatiker Thomas Bernhard erwies sich in dem Dramolett nicht nur als Gourmet (Rindsuppe!), sondern leistete auch wertvolle Hilfe in textilen Fragen: Unaufhörlich fragt sich die Bühnenfigur Peymann, ob die Hose, die er sich gekauft hat, auch wirklich passt. Eine Hose, so Bernhards ewiggültiger Ratschlag, dürfe ausschließlich eine bestimmte Farbe haben, und zwar Schwarz.

Der reale Peymann hat sich ebenfalls an den Rat gehalten – und befindet sich damit in guter Gesellschaft. Legionen von Theater- und Filmemachern, Architektinnen und Bildenden Künstlerinnen bevorzugen die lichtlose Farbe als Arbeitsgewand, vielleicht eine der letzten noch gültigen Kleidungsnormen.

Wie kam es dazu, dass Schwarz bei Kunstschaffenden und Geistlichen, bei Existenzialistinnen und Faschisten, bei Rockern und Büßern derart hoch im Kurs steht? Wie kann eine Farbe zugleich Rebellion und Konformität ausdrücken, Sünde und Heiligkeit?

Antworten darauf finden sich in den Büchern der interdisziplinären Koloritforschung. Der Wissenschaftszweig belegt, dass die Symbolkraft einer bestimmten Farbe keineswegs ewiggültige "Wahrheiten" abbildet, sondern kulturhistorischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Zuschreibungen unterworfen ist. Farbe unterliegt einem vielfältigen Gewirr aus Zeitgeist, Philosophie und ökonomischen Möglichkeiten.

 

Farbengefühl

Technisch gesehen sind Schwarz und Weiß keine Farben, vielmehr Schattierungen, die Farben ergänzen. Farben sind Reflektionen sichtbaren Lichts – außer Schwarz. Wissenschaftlich betrachtet, bedeutet Schwarz das Fehlen von Licht. Farbe ist ein Phänomen des Lichts. Weiß wird gelegentlich als Farbe gesehen, da weißes Licht alle Farben des sichtbaren Lichtspektrums enthält. Wo kein Licht, ist Schwarz.

Eine Farbe kommt selten allein. Schwarz beispielsweise erfährt seine eigentliche Bedeutung erst im Wechselspiel mit Weiß. Buchseiten zeugen davon; Stevie Wonder und Paul McCartney sangen von der perfekten Schwarz-Weiß-Harmonie. Kampfsportarten operieren gern mit Farbhierarchien: Anfänger bekommen weiße Gürtel umgelegt; das schwarze Band muss man sich in jahrelangem Training erarbeiten. Die Sprache folgt der Kampfzone, spricht etwa von weißen Westen und Schwarzfahrern, vom Weißbuch und Schwarzgeld.

Farben lösen Gefühle aus. Eine Alltagsprobe: Weiße oder zumindest sehr helle Hautcremes trägt man tagtäglich auf, man fühlt sich gepflegt; tiefschwarze Kosmetikprodukte haben sich hingegen nicht wirklich durchgesetzt. Ein Richter in zitronengelbem Talar? Die erste Schreibseite eines neuen Schulheftes in Hellbraun? Manches hat indes mehr mit Aberglauben als mit kulturell geprägtem Farbempfinden zu tun: Eine schwarze Katze verheißt Unglück, während ein rußiger Rauchfangkehrer Glück bringen soll. Wer’s glaubt.

Der Blick in den Wäscheschrank wiederum offenbart, wie radikal veränderbar Farbkonventionen zuweilen doch sind. Über einen sehr langen Zeitraum hatten Unter- und Bettwäsche, Hand- und Taschentücher reinweiß zu sein, alles andere galt als unhygienisch und anrüchig. Wer heute Bett und Bad farblos hält, gilt als ideenlos. Als sprichwörtliche Relikte haben sich bestenfalls Brautkleid und Festtagstischtuch erhalten.

Elementarer Gegensatz

Der Gegensatz zwischen Schwarz und Weiß, Tag und Nacht, Helligkeit und Finsternis ist gegenwärtig auch gesellschaftspolitisch aufgeladen: Die "alten weißen Männer" sind in Misskredit geraten, während sich die "Black Lives Matter"-Bewegung gegen Gewalt gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe einsetzt und die "Critical Whiteness Studies" sich mit den Folgen der Kolonialisierung auseinandersetzen. Virulente Probleme des 21. Jahrhunderts, die in dieser Form während vieler Jahrhunderte überhaupt nicht existierten.

Die Menschen der Prähistorie, der antiken Welt und des frühen Mittelalters erblickten in Schwarz und Weiß noch keine farblichen Gegenspieler.

Der französische Farbforscher und Mittelalterhistoriker Michel Pastoureau erläutert diesen Umstand in seiner großangelegten kulturgeschichtlichen Studie "Schwarz: Geschichte einer Farbe" (2008) etwa am Beispiel des Schachbretts: Die Felder und Figuren waren ursprünglich in Rot und Schwarz gehalten, später in Rot und Weiß, erst im Mittelalter schwenkte man auf das bis heute gültige Schwarz-Weiß um. Die katholische Theologie dürfte diese Opposition von Schwarz und Weiß herbeigebetet haben, indem sie Tod und Verderben mit Schwarz, Gott und die Erlösung dagegen mit Weiß in Verbindung brachte. Ein folgenschwerer Gegensatz.

Folgt man Pastoureau, war diese Diskrepanz vor dem katholischen Zugriff nicht dermaßen relevant. Auf Nacht folgt Tag, ein Naturgesetz, kein Gegensatz. Überhaupt dürfte es Jahrhunderte gedauert haben, bis im engeren Sinne von Schwarz und Weiß die Rede war.

Die alten englischen und romanischen Sprachen kannten noch eine Vielzahl an Beschreibungen für unterschiedliche Erscheinungsformen von Hell und Dunkel; im Althochdeutschen unterschied man "swarz" (dunkles Schwarz) von "blach" (leuchtendes Schwarz), "wiz" (mattes Weiß) von "blank" (strahlendes Weiß). Man weiß, dass bei den Inuit bis heute zahllose Ausdrücke für die Farbe Weiß im Umlauf sind.

Dresscode: Schwarz

Die gesellschaftlichen Farbcodes und -symboliken entstanden auf Grundlage von Farbhierarchien. Jahrhundertelang war Kleidung sozial geregelt: Anzuziehen war, was Stand, Geschlecht, Alter und Herkunft vorschrieben, bestimmte Farben und allzu gewagte Farbkombinationen waren verpönt. Buntheit signalisierte Exklusivität.

Die Regelungen basierten weitgehend auf dem ökonomischen Wert der einzelnen Farben, der von Handelsweg, Entwicklungsstand der Färberei und später der chemischen Industrie bestimmt war. Gegen Ende des Mittelalters stand schwarze Kleidung für Eleganz und Luxus – nur Adelige und andere Würdenträger konnten sich solche Kleidungsstücke leisten. Das Schwarzfärben war bis zur Erfindung chemischer Färbemethoden im 16. Jahrhundert überaus kostspielig, äußerst kompliziert und galt in der Färberzunft übrigens als Königsdisziplin. Der Dresscode des Goldenen Zeitalters in Spanien war folgerichtig Schwarz.

Ende des 17. Jahrhunderts entfaltete Isaac Newton mit der Entdeckung der Spektralfarben eine neue Ordnung der Farben, in der Schwarz und Weiß fortan keinen Platz mehr fanden, vielmehr als Unfarben galten. Newton rief die chromatische Revolution aus – und widersprach damit auch Aristoteles, dessen Lehrmeinung, wonach alle Farben ihren Ausgang in Schwarz und Weiß hätten, seit der Antike für das Sehen der Welt bestimmend gewesen war.

Abneigung vor Farben

Die formale Trennung zwischen Schwarz-Weiß und Bunt erfolgte zu einem Zeitpunkt, als die chemische Farbherstellung zunehmend einfacher und somit kostengünstiger, die Mode farbenfroher wurde.

Schwarz versank in Bedeutungslosigkeit, dem 18. Jahrhundert gehörten die Farben. Erst im 19. Jahrhundert feierte Schwarz zunächst in Künstlerkreisen ein Comeback als Ausdruck der Melancholie – der Grundstimmung der Romantiker.

Das Farbenfrohe wurde mit Oberflächlichkeit und Banalität gleichgesetzt, wahre Tiefe versprachen allein Schwarz und Weiß. Philosophen und Schriftsteller teilten diese Auffassung. Nietzsche sprach sich gegen die "unsägliche Buntheit" aus, "durch welche nur der oberflächlichste Blick sich beglückt fühlen kann". Goethe hielt in seiner einflussreichen Farbenlehre fest: "Gebildete Menschen haben einige Abneigung vor Farben." Schwarz-Weiß avancierte zum Ausdruck von Wahrheit und Authentizität.

Eine umfassende Renaissance erlebte das Farbenduo schließlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In Kunst, Mode und Industrie – Schwarz und Weiß sind die Farben der Moderne. Die großen Erfindungen wie Eisenbahn, Auto, Telefon und Schreibmaschine waren anfangs nur in Schwarz erhältlich. Auch viele Künstler der Jahrhundertwende setzten auf Schwarz – Malewitschs "Das Schwarze Quadrat" (1915),Alexander Rodtschenkos "Schwarz auf Schwarz" (1918), Pablo Picassos "Guernica" (1937) – in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts tauchte eine Vielzahl an Malerinnen und Malern ihre Pinsel in tiefschwarze Farbtöpfe, zu den bekanntesten Schwarzmalern dürfte Heimo Zobernig zählen. Schwarz war nun endgültig rehabilitiert.

Die Bilder wurden also schwarz, die Wände weiß. Innenarchitekten setzten auf die neutrale Hintergrundfarbe in Privathäusern und öffentlichen Gebäuden, Spitäler und Schulen erhielten einen Weißanstrich, Ausstellungsräume verwandelten sich in "white cubes". Die farblose Wand stand für optimierte Lebenswelt, Nüchternheit und Kühle – im Unterschied zum opulenten Farbenrausch des 19. Jahrhunderts mit seinen gemusterten Wandbespannungen und flächendeckenden Bilderhängungen.

Im Weißrausch

Die Literatur der Zeit verlor sich ebenfalls auffallend häufig im Weißrausch. In Herman Melvilles "Moby Dick" begeben sich die Walfänger auf einem schwarzen Schiff auf die Jagd nach dem titelgebenden weißen Wal, auf ihrer abenteuerlichen Reise werden sie geblendet vom "unendlichen Leichentuch" der Eiswüste; Thomas Mann lässt seine "Zauberberg"-Protagonisten in einen verheerenden Schneesturm geraten, in dem das Weiß eine "tödlich sakrale Zone" eröffnet, einen "Entgrenzungszauber". Adalbert Stifter berichtet in der Erzählung "Aus dem bairischen Walde" über Grenzerfahrungen im Schnee, und in Hans Christian Andersens Märchen "Die Schneekönigin" verwandelt sich eine Welt aus Schnee und Eis in eine seelenlose Landschaft.

Neuerungen in Fotografie und frühem Film bestätigen die Schwarz-Weiß-Dominanz. Gerade die Fotografie hielt bis vor einigen Jahren am Schwarz-Weiß-Verdikt fest: Farbfotos, monierten renommierte Vertreter der Branche, fehle es an Intensität; sie verdoppelten die Realität, was diese nicht wahrer, sondern bloß banaler werden lasse.

Nahezu unbemerkt fand im Lauf des 20. Jahrhunderts eine Revolution statt, bei der es zu einer Entideologisierung des Farbdenkens kam. Konventionelle Farbhierarchien und ihre soziale Kodierung wurden zunehmend obsolet. Die Mode stellte bisher gültige Regeln des guten Geschmacks bei der Kombination von Farben auf den Kopf. Schön ist, was gefällt, auch wenn es ein wilder Komplementärfarben-Mix ist. Die Ordnungsmacht der Farben bröckelt langsam, was man beispielsweise in den Schulen merkt: Die längste Zeit hatten Schülerinnen und Schüler mit blauer Tinte zu schreiben, die Korrekturen erfolgten in Rot. Langsam werden selbst Schulhefte bunter und es soll inzwischen auch Lehrkräfte geben, die dem Rotstift nicht mehr allzu viel abgewinnen können.

Schwarz und Weiß bleiben jedoch die Freischwimmer im Farbenmeer. Für jede konträre Position, ob tatsächlich oder nur eingebildet, sind sie zu haben, kein Gegensatz ist ihnen zu groß oder zu billig. Nur grau darf’s nicht werden.