Der Tag der Crêpe ist heute in Frankreich. Jawohl, der Tag der Crêpe, bitteschön, und nicht der Tag der Froschschenkel.

Mon Dieu, schon wieder dieses Klischee mit den Franzosen und den Froschschenkeln. . .! Dabei gab es auf dem Fernsehsender Arte vor einem gefühlten halben Jahrhundert einmal eine Aufklärungssendung: Die meisten Froschschenkel würden gar nicht die Franzosen selbst vertilgen, sondern die Deutschen, wenn sie nach Frankreich kommen und glauben, sie würden etwas Bodenständiges schnabulieren. Also eben Froschschenkel.

Der Tag der Crêpe freilich deutet in eine ganz andere Richtung.

Die Franzosen lieben halt doch am meisten ihre Palatschinken.

Pardon, quel faux-pas! Wer eine Crêpe eine Palatschinke nennt, nennt auch ein Viermast-Vollschiff einen Kahn. Wobei weder gegen einen Kahn etwas gesagt sei noch gegen eine Palatschinke. Hat beides seine Berechtigung.

Nur ist eine Crêpe halt etwas Besseres. Eine Crêpe ist die Haute couture unter den Palatschinken. Eine Crêpe nämlich hat einen so dünnen Ei-Mehl-Teig, dass die Sonne durchscheinen kann.

Das hat mit ihrer Herkunft zu tun. Die Crêpe ist nur eine entfernte Verwandte der ungarischen und damit alt-österreichischen Palacsinta. Die Mutter der Crêpe ist die Galette, die ihrerseits von der bretonischen Buchweizensuppe abstammt, deren Reste, mit einem Ei als Bindemittel vermengt, auf einem flachen erhitzten Stein herausgebacken wurden.

Ist das etwas anderes als Froschschenkel? - Und ob!

Und doch hält sich die Sache mit den Froschschenkeln penetrant. Wie wird ein Klischee zum Klischee? - Moment, ganz so einfach geht es auch wieder nicht.

Zumal Essen sowieso für Klischees in Hülle und Fülle sorgt. Kein Wunder: Essen muss jeder. Und was vermeintlich in einem Land am meisten gegessen wird, wird der ganzen Nation auch gleich mehr oder minder spöttelnd übergestülpt.

Deutsches Kraut

Zum Beispiel bespötteln die Englischsprachigen die Deutschen als "Krauts". Für die Gleichsetzung von Deutschen und Sauerkraut bedurfte es keines Kriegs. Als James Cook die von Vitamin-C-Mangel hervorgerufene Seemannsgeißel Skorbut mit Sauerkraut bekämpfen wollte, protestierte die Mannschaft: Man werde kein "deutsches Kraut" essen, Pökelfleisch allein sei die Seemannskost, die Kraft verleihe. Das Blatt wendete sich, als Cook und seine Offiziere selbst das Kraut aßen. Jetzt wollte die Mannschaft natürlich auch Offiziersmahl schmausen. Und Cook war der erste Seefahrer, der auf langen Strecken keinen Fall von Skorbut hatte.

Das Essen als Teil einer nationalen Identität? - Gewiss. Stichwort Italien. Woran denkt man eher: an Spaghetti und Pizza oder an den Erfinder der Oper, Claudio Monteverdi, und den Maler der Mona Lisa, Leonardo da Vinci? Zugegeben: Leonardo liegt gut im Rennen. Aber gegen Spaghetti und Pizza ist er chancenlos.

Nur so nebenbei: Man stelle sich kurz vor, der gewisse Genuese wäre, wie geplant, in Indien gelandet und nicht in Südamerika. Dann hätte Cristoforo Colombo zwar Gewürze mitgebracht, aber keinen Paradies-Apfel, also keinen Paradeiser, den die indigene Bevölkerung "Tamatl" nannte. Nun gut, eine Pizza bianca nur mit Käse wäre immer noch drin gewesen und Spaghetti aglio e olio auch. Oder es wäre gar die altrömische "Vittellina fricta" das italienische Nationalgericht geworden: gebratene Kalbsschnitzel gewürzt mit Liebstöckel, Oregano und Kreuzkümmel, abgeschmeckt mit Fischsoße. Monteverdi und Leonardo hätten reale Chancen, im Bekanntheitsgrad die Nationalspeise zu überholen.

Aber ganz im Ernst: Dass Nationen mit Speisen verbunden werden, ist Alltag. Die Ungarn und ihr Gulasch zum Beispiel - und das trotz des gravierenden Missverständnisses: Was unsereinem ein Gulasch ist, ist dem Ungarn ein Pörkelt, während sein Gulasch unsere Gulaschsuppe ist.

Das Kaiserreich des Schnitzels

Apropos "uns" und "wir": Der Wiener und sein Schnitzel - die Geschichte einer Affäre heiß genug, um das Butterschmalz zum Sieden zu bringen. Wieso ausgerechnet das Schnitzel? - Gegenfrage: Wieso ausgerechnet Kaviar und Borschtsch für Russland und nicht die Kohlsuppe Schtschi? Irgendwie kommt es halt, und das "Irgendwie" ist meistens unerklärlich. Zum Beispiel sollte man als Österreicher eher mit dem Tafelspitz identifiziert werden, weil das doch das Lieblingsessen von Kaiser Franz Joseph war, und den Kaiser Franz Joseph hat man als Österreicher ("irgendwie") in den Knochen.

Manchmal ändern sich auch die Klischees: Die USA sind jetzt wohl eher Burger als Steak. Griechenland: Gyros oder doch Moussaka? Ganz klar ist hingegen: Schweiz - Fondue. Und Türkei = Döner. Gut so, dann können Falafel ja für Israel stehen.

Englische Delikatessen

Aber das ist nichts gegen die üblen Witze, die man über die Engländer und ihr Essen reißt. René Goscinny hat es nicht nur in "Asterix bei den Briten" auf die Spitze getrieben mit gekochtem Wildschwein in Pfefferminzsoße (und dazu lauwarme Cervisia): In "La potachologie" (Die Pennälerkunde, fantasieloser deutscher Titel: "Prima, Prima, Oberprima!") teilt er ein paar englische Rezepte mit. Aus dem Gedächtnis zitiert: Fisch auf englische Art - man bringe Wasser zum Kochen und lege den Fisch hinein, bis er gar ist; Rindfleisch auf englische Art - man bringe Wasser zum Kochen und lege das Rindfleisch hinein, bis es gar ist; Schweinefleisch auf englische Art - man bringe Wasser zum Kochen. . .

Dabei: England ist nicht gekochtes beliebiges Fleisch, sondern Fish ’n’ Chips, gewürzt mit Malzessig. Wie deliziös dieses Festmahl ist, weiß jeder, der Steak and Kidney Pie versucht hat. Schmeckt das den Engländern wirklich?

Wie war das mit dem Mechanismus, der Klischees zu Klischees macht?

Aber in Frankreich feiert man die Crêpes. Punktum.

Oder dienen die Teigumschläge am Ende doch nur dazu, die Froschschenkel zu verbergen?

Bon appétit!