Münzensammler und Briefmarkensammler haben eines gemeinsam: Sie stoßen auf völliges Unverständnis bei allen Menschen, die keine Münzensammler und keine Briefmarkensammler sind. Da die überwältigende Mehrzahl der Menschen nun aber tatsächlich weder Münzen noch Briefmarken sammelt, kann es gut sein, dass Münzensammler und Briefmarkensammler zu den unverstandensten Menschen überhaupt gehören. Nur Bierdeckelsammler werden sich noch unverstandener fühlen. (Wie steht es mit Kronenkorkensammlern?)

Egal. Jedenfalls: Ob ein Münzensammler für einen Briefmarkensammler Verständnis aufbringt (und umgekehrt) würde einer tiefgreifenden soziologischen Untersuchung bedürfen. Aber ganz unter uns: Es ist in Wahrheit noch viel diffiziler, zumindest bei den Münzensammlern. Allein schon diese Sammelbezeichnung ist in höchstem Maß beleidigend. Als ob ein römischer Sesterz das gleiche wäre wie ein Albus des Trier Erzbischofs Kuno von Falkenstein und ein Albus des Trier Erzbischofs Kuno von Falkenstein das gleiche wie eine Goldkrone von Kaiser Franz Joseph!

Dass ein Münzensammler also jegliches metallene Zahlungsmittel sammelt, ist höchst unwahrscheinlich. Münzensammler sind Spezialisten – und zwar nicht für Münzen ganz allgemein, sondern für einen kleinen Ausschnitt aus dem großen Gebiet. Der mag dabei durchaus selbstdefiniert sein.

Womit wir uns langsam der anvisierten Gegend nähern, nämlich dem Sammeln römischer Münzen und was damit alles verbunden sein kann.

Zwei Hände in antikem Gewand werfen eine große Goldmünze - © Illustration Irma Tulek
© Illustration Irma Tulek

Die meisten einschlägigen Sammler interessieren sich für die Münzen aus der Zeit ab der Herrschaft Julius Caesars. Caesar war der zumindest erste westliche Staatsmann, der sich auf Münzen darstellen ließ. Bis dahin galt es bei den Römern (wie auch bei ihren Vorbildern, den Griechen) als religiöses Tabu, einen Sterblichen auf einer Münze abzubilden. Da es ihm alle folgenden Machthaber gleichtaten, sind römische Münzen eine Sammlung von Porträts der Caesaren.

Das Konterfei auf der Münze kann ein Verhängnis sein

Bis heute sind Münzen von Königtümern und Kaiserreichen zumindest auf einer der in Umlauf befindlichen Münzen, Porträtsammlungen der Potentaten. So zeigt das englische Pfund das ziemlich idealisierte Antlitz von Königin Elizabeth II., und der dänische Euro das von Königin Margarethe II.
Bei den Römern war es nicht anders: Jeder der Kaiser ließ eigene Münzen prägen. Einige waren rein vom Erscheinungsbild her uninteressant, andere waren Kunstwerke. Münzen waren zu jener Zeit die beste Möglichkeit, das Gesicht des Herrschers zu verbreiten und, auf der Rückseite, den Herrscher in einen von ihm gewünschten Zusammenhang zu bringen.

Manchmal mit unliebsamen Folgen: Ein Silberdenar war möglicherweise der Auslöser für die Ermordung Caesars. Auf der Vorderseite des Geldstücks war sein Porträt mit der Inschrift "CAESAR DICT[ator] PERPETVO" zu sehen, auf der Rückseite Venus mit einer Siegesgöttin auf dem Arm. Caesar leitete seine Abstammung von der Göttin der Schönheit her. Im Zusammenhang konnte der Denar interpretiert werden, dass der göttliche Caesar sich zum König erheben will. In der Republik Rom war das ein Frevel. Wenige Tage, nachdem die Münze in Umlauf gebracht wurde, war Caesar tot.

Wenn ein Sammler römischer Münzen beispielsweise diesen Denar in der Hand hält, hält er ein prägendes Ereignis der Historie zwischen Daumen und Zeigefinger. Wer mag diese Münze seinerzeit in der Hand gehabt haben? Hat Marcus ­Antonius damit seinen unverdünnten Wein bezahlt? Hat ein Adeliger damit einen griechischen Sklaven gekauft? Hat er eine Giftmischerin entlohnt oder einen Auguren? Oder hat gar Brutus damit den Dolch gekauft, mit dem er Caesar den Todesstich beibrachte?

Eine römische Münze ist nie nur ein Zahlungsmittel. Sie ist immer verbunden mit dem Kaiser, der sie prägen ließ. Vespasian zum Beispiel führte eine Latrinensteuer ein. Als sein Sohn ­Titus meinte, das sei ziemlich unwürdig, antwortete der Kaiser einer zeitgenössischen Anekdote zufolge: "Pecunia non olet", also "Geld stinkt nicht".

Eine Münze aus Vespasians Zeit: Stammt sie aus einer öffentlichen Latrine oder aus einer Geldtruhe des Kaisers? Wurde ein Soldat mit ihr entlohnt oder eine Prostituierte? Bezahlte man damit einen Fischer für einen Aal oder eine Barbe? Jedenfalls hat sie Bezug zu einem der weltweit meistgebrauchten Sprichwörter.

"Ein Sammler sammelt die Objekte seiner Begierde nicht, um Gewinn zu machen, sondern um seiner Leidenschaft nachzugehen."

Natürlich werden im Handel nachgemachte römische Münzen angeboten. Sie sehen so neu und ungebraucht aus, als habe Nero höchstpersönlich sie gestern erst geprägt. Sammler römischer Münzen freilich sind Römer-Fans. Und was ein echter Römer-Fan ist, gibt sich nur im Notfall mit Repliken zufrieden. Lieber kauft er einen schlecht erhaltenen Sesterz, den ein echter Zenturio auf einem Feldzug durch Germanien ausbezahlt bekommen haben kann, als dass er eine Nachahmung ersteht, deren Geschichte nicht einmal bis zur Mondlandung zurückreicht.

Es geht um Geld, und auch wieder nicht

Ein billiges Steckenpferd ist das Sammeln römischer Münzen nicht, das sei deutlich gesagt. Obendrein: Als Anfänger macht man die typischen Anfänger-Fehler, die man eigentlich leicht vermeiden könnte.

Zum Beispiel die Internet- und Flohmarkt-Schnäppchen: Die sind … Nein, man muss differenzieren: Kennt sich jemand mit römischen Münzen aus, kann er schon etwas Interessantes finden. Nicht jeder Händler weiß, was er für seine Ware verlangen kann. Wie war das doch mit der Richard-Schaukal-Erstausgabe, die mit fünf Euro angepreist war, weil, wie der Händler meinte, ein Schmierfink sie mit einer mehrseitigen Widmung, Anstreichungen und Notizen im Buch entwertet hatte? – Gepriesen das Musikwissenschaftsstudium, in dem man die Kurrentschrift lernen musste und ergo als den Schmierfink den Autor selbst identifizieren konnte.

Aber zurück zu den Münzen: Wenn man ein ungesäubertes, also halb mit getrocknetem Schlick behaftetes Konvolut um ein paar Euro ersteht, hat man aller Wahrscheinlichkeit nach Lehrgeld gezahlt, nicht in Sesterzen und Denaren, wohl aber für Sesterzen und Denare in Euros. Gerade als Anfänger heißt es darum: Wenn man bei Münzfachhändlern kauft, fährt man besser. Dann kann man relativ gewiss sein, dass die 50 Euro für ein Vespasian-As ebenso korrekt sind wie die 5.000 Euro für einen Tiberius-Aureus.

Der Anfänger kommt jedenfalls, will er kostspielige Fehler vermeiden, um die Lektüre eines Fachbuchs, das die Grundlagen liefert, nicht herum. Eine übersichtliche Arbeit ist Florian Haymanns ­"Antike Münzen sammeln" (Battenberg Gietl Verlag, 2016, 176 Seiten, 29,34 Euro).

Römische Münzen gibt es (fast) überall

 

Auf jeden Fall gilt es (wiederum: Vorsicht beim Flohmarkt), die Rechnung und, soweit vorhanden, die Expertise aufzubewahren. Warum? – Ganz einfach: Es geht um die Provenienz der Münzen. Man braucht sich nichts vorzumachen: Viele stammen aus Raubgrabungen. Aber, und dieses Aber ist doppelt groß zu schreiben: Jedes Land hat unterschiedliche Gesetze, auf welche Weise man regulär zu den Münzfunden kommt und wie mit ihnen umzugehen ist. In Großbritannien etwa sind die Gesetze lockerer als in Österreich oder in Deutschland. Hierzulande darf man zwar mit einem Metalldetektor ­quasi ziellos gehen, man darf ihn aber nicht geplant einsetzen.

Also: Auf der Donauinsel zu lustwandeln und den Metalldetektor dabei eingeschaltet haben, ist erlaubt; in Petronell/Carnuntum mit eingeschaltetem Metalldetektor ein Feld abzusuchen, ist verboten. Sollte man in Österreich beim zufälligen Spazierengehen mit dem Metalldetektor etwas von Wert finden, muss man es abliefern.

Nun war das Römische Reich und damit das Gebiet, auf dem mit römischen Münzen bezahlt wurde, riesig. Soll heißen: Man kann den Hadrian-Aureus im heutigen Rumänien ebenso finden wie bei Neapel, bei Salisbury so wie bei Toulouse oder am Donauufer bei Krems. Da nun jedes Land andere Bestimmungen hat, wie mit Funden umzugehen ist, ist nicht jede Münze automatisch das Produkt einer Raubgrabung im rechtlichen Sinn. Die Rechnung kann, sollte es Probleme geben, als Nachweis dafür dienen, dass man bona fide, in gutem Glauben, gehandelt hat.

Eine der grundlegenden Anfängerfragen ist: Wie sammeln? Was sammeln? So einfach in den Tag hinein kaufen bei diesen Preisen will man schließlich auch zu Beginn der Sammeltätigkeit nicht. Das Sammelziel freilich ist Sache der individuellen Lust und Laune. Nur halbwegs konsequent sollte es sein: Wird der eine sich für eine Galerie der römischen Kaiser entscheiden, mag der andere nur Münzen aus der Zeit Neros oder Vespasians sammeln. Vielleicht eine Auswahl aller Kaiser, die mit dem heutigen Österreich zu tun hatten (wer war doch gleich aller in Vindobona und in Carnuntum)? – Oder lieber nur die Scheusale und alle, die als solche verleumdet wurden und werden? Aber Vorsicht, letztgenannter Vorschlag schlägt zu Buche: 1.700 Euro blättert man für einen Commodus-Sesterz hin, 3.000 für einen von Caligula, 11.000 für einen Claudius-Aureus. Lediglich bei Elagabalus dürfte dessen geringer Bekanntheitsgrad (nicht einmal verfilmt hat man das Leben des irren Priester-Kaisers) die Preise drücken, seine Sesterzen sind schon um 100 bis 150 Euro in gutem Erhaltungszustand erhältlich.

Beim Langzeit-Lümmel Tiberius wiederum dürften die 23 Jahre münzprägende Herrschaft den Preis verderben: Ein Aureus um rund 4.000 Euro ist relativ günstig. Man bedenke: Ein Lustknabe kostete 240 Aurei, ein kenntnisreicher Kochsklave 960 Aurei und eine schöne junge Sklavin war nicht unter 1.680 Aurei zu bekommen.

Die Gretchenfrage, ob sich das Sammeln auszahlt, kann freilich nur ein Nicht-Sammler stellen. Ein Sammler sammelt die Objekte seiner Begierde nicht, um Gewinn zu machen, sondern um seiner Leidenschaft nachzugehen. Ob das nun Whiskyflaschen sind oder Schuco-Autos.

Mit römischen Münzen ist es ebenso. Dass sie einmal Geld waren und, zumindest im Fall der Aurei, der Goldmünzen, einen heute aktuellen realen Materialwert besitzen, spielt dabei nur insofern eine Rolle, als man für Aurei mehr Euros hinblättern muss als für Sesterzen.

 

Ein Sparschwein mit geschlossenen Augen steht mit erhobenem Kopf da. Goldmünzen regnen auf es herab. Das Schwein ist gezeichnet und scheint aus Ton zu sein. - © Illustration Irma Tulek
© Illustration Irma Tulek

Selbstverständlich geht es auch um Angebot und Nachfrage – und das steht oft in Wechselwirkung mit dem Mythos, der den jeweiligen Kaiser umgibt. Und natürlich ist die Qualität der Prägung relevant. Die außerordentlich schönen Münzen der Herrschaft Neros etwa können gehörig ins Geld gehen: Da kostet der Aureus schon einmal 11.000 Euro und mehr, und auch der Sesterz um 500 Euro ist kein Wucher. Dass Münzen aus der Zeit Galbas verhältnismäßig teuer sind, hängt mit ihrer Seltenheit zusammen: Lucius Livius Ocella Servius Sulpicius Galba hatte nur wenig mehr als ein halbes Jahr, nämlich von 8. Juni 68 bis 15. Januar 69, Zeit, Münzen sein Konterfei aufzuprägen. Auch die beiden anderen Kurzzeit-Kaiser des sogenannten Vierkaiserjahrs 69 stehen relativ hoch im Kurs: Da kommt es schon vor, dass ein gut erhaltener und schön geprägter Vitellius-Denar seine 1.700 Euro kostet.

Ein Langweiler wie Probus hingegen, dessen größte Tat die Vinifizierung Österreichs war, ist trotz dieser segensreichen Handlung für die Heurigen-Wirtschaft (man stelle sich vor, sie müssten zu Stelze und Verhackertem Almdudler ausschenken), so billig wie ein Brünnerstraßler: Seine Münzen gibt’s schon so um die 25 Euro. Bitte genau schauen: Manche tragen die Inschrift "SOLI INVICTO", also dem unbesiegten Sonnengott gewidmet. Dessen Feiertag war am 25. Dezember. Wäre das nicht ein originelles Weihnachtsgeschenk zumindest für einen Münzsammler?

Man hat ja knapp ein Jahr Zeit, um sich’s durch den Kopf gehen zu lassen.