Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts gab es ums Eck von meiner Schule ein Eisgeschäft. Das Eisgeschäft gibt es immer noch, wenn auch die Besitzer gewechselt haben. Doch, und dies ist das Interessante an dieser Geschichte, befand sich daneben ein Geschäft für Briefmarken und Münzen. Als Kind bedeuteten Numismatik und Philatelie noch relativ wenig, aber eine Mickey-Mouse-Marke von den Grenadinen weckte das Interesse. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Zugegebenermaßen war das Sammeln ein einsames Hobby. Für einen Briefmarkenklub hat es nicht gereicht und irgendwann waren es nur noch Erinnerungen im Bücherregal. Doch vor einigen Monaten meldete sich ein Freund und berichtete von einem Disput mit einem seiner Verwandten rund um das Thema "Cryptomarke". Da er wisse, dass ich mich für beide Themen interessiere, wollte er gerne wissen, was es damit auf sich hat und ob es jetzt das Ende der klassischen Briefmarke sei.

 

Ein illustrative Darstellung der verschiedenen Abstandsregeln: 1 Mm ist ein sehr kleiner Käfer, 1 Zentimeter eine Fliege bis hin zu einem Meter für den Babyelefanten. Es steht außerdem Österreich und der Wert der marke darauf 2 Euro 75 Cent sowie die Aufschrift Distanz, die uns verbindet. - © Österreichische Post
Die Marke des Corona-Jahres: Aus echtem, heimischen Klopapier mit dem bekannten Babyelefanten. Auf der Rückseite des Toilettenpapiers ist eine Selbstklebefolie aus Naturfaserpapier aufkaschiert, um es reißfester zu machen und um die Briefmarke einfach ablösen zu können. - © Österreichische Post

Briefmarken als Zeugen ihrer Zeit

Die Frage nach dem Ende der Briefmarke, wie wir sie heute kennen, steht schon seit geraumer Zeit im Raum. Fax und E-Mail, SMS und WhatsApp, sie alle haben das menschliche Kommunikationsverhalten verändert. Doch der Mensch ist und bleibt ein Sammler und je seltener ein Objekt, desto mehr freut es die Experten. Und wenn man dem Coronajahr 2020 etwas Positives abgewinnen will: Es wurden mehr handgeschriebene Briefe verschickt – mit Marke. "Jeder Trend hat einen Gegentrend. Die Digitalisierung in Zeiten von Corona hat uns gezeigt, dass sich viele danach sehnen, jemanden persönlich zu sehen oder einen handgeschriebenen Brief zu schreiben. Ich bin der festen Überzeugung, dass das auch noch viele Jahre so bleiben wird. Auch wenn das Briefgeschäft ein rückläufiges ist, wird, ein persönliches Schreiben mit persönlichen Marken zu versehen, bestehen bleiben. Diesen Markt wird es weiterhin geben und den werden wir als Österreichische Post auch weiter bedienen", so Stefan Nemeth, Leitung Produktmanagement & E-Business bei der Post.

"Früher waren Briefmarken richtige Volksaktien, haben sich am Ende des Tages aber nicht als solche durchgesetzt. Heute ist es Kunst im Kleinformat und lässt die Zeichen der Zeit erkennen", so Nemeth.

Wer einen Blick auf das gerade erst erschienene Jahrbuch "Österreichische Briefmarken 2020" wirft – sofern man die Marken nicht ohnehin schon über das Jahr gesammelt hat –, wird sehen, dass es tatsächlich ein bunter Streifzug durch die wesentlichen Themen des abgelaufenen Jahres ist. Von der Corona-Briefmarke aus Klopapier, über eine Marke aus echter Skispitze (frühere Hingucker waren eine Marke mit Asteroidenstaub oder aus einer Eiche) und der Beethoven-Marke bis hin zur Gemeinschaftsmarke mit der vatikanischen Post zum Friedenslicht und der Sondermarke zum Brexit – ein geschichtlicher Abriss der aktuellen Themen.

Wie Briefmarken zu Marken werden

Doch wie kommt man eigentlich zu den Themen? Wie entsteht eine Briefmarke? "Wir starten rund sechs bis acht Monate vor der Ausgabe einer Marke mit der Entwicklung. Zunächst wird ein Themenpool strukturiert und dann im Philatelie-Kommitee diskutiert", so Patricia Liebermann, Leitung Produktmanagement Philatelie bei der Österreichischen Post.

 

Eine künstlerische Darstellung eines Kometen der auf die Erde zusteuert. Ein Bild vom All mit Steinen, die diesen Kometen auf seiner Flugbahn begleiten. - © Österreichische Post
Aus einem 19 Kilo schweren Meteoriten, der in der marokkanischen Wüste gefunden wurde, fertigte die Post 600.000 Briefmarken mit je 0,03 Gramm Meteoritenstaub. - © Österreichische Post

Um den Anspruch an die künstlerische Qualität der Sonderbriefmarken zu gewährleisten, wird das Ausgabeprogramm im Philatelie-Kommittee der Österreichischen Post festgelegt. Das Komitee besteht aus Vertretern aus den Bereichen Kunst & Kultur, Kunden & Handel sowie Unternehmensvertretern.

Die Themenvorschläge kommen meist von Vereinen, Verbänden oder Gesellschaften, wie etwa der Beethovengesellschaft, die eine Sondermarke anlässlich des Geburtstags des Komponisten vorschlug. Hierbei war interessant, dass auch darauf geachtet wurde, dass nicht alle zu erwartenden Sondermarken die gleichen Sujets zeigen und somit den internationalen Sammlerwünschen Genüge zu tun.

Gedruckt werden die Marken seit einigen Jahren in einer spezialisierten Druckerei in den Niederlanden. Der Digitaldruck erfreut die Herzen echter Sammler eher weniger, sind Fehldrucke doch eher selten. Und nicht immer passen die Sondermarken in die Alben – ein Quell für Haareraufen oder kreative Lösungen. Sammelalben, Lupen und die Pinzette mit der markanten flachen Spitze, damit man seine Heiligtümer behutsam anfassen kann, all das ist das Standardequipment der Sammler – bis heute.

"Die Bedeutung der Briefmarke als Träger von Geschichte kann man schon daran sehen, dass die Post seit 1850 ein Archiv betreibt und Interessierte gegen Voranmeldung die Briefmarkengalerie in der Post am Rochus besichtigen können", so Liebermann. Auch Leihgaben an Museen und für Ausstellungen sind üblich.

Wer sich über die Vielfalt an Briefmarken einen Überblick verschaffen will, dem empfiehlt Liebermann einen Blick ins PhilaWiki. Wer sich einmal in die unendlichen Weiten der Philatelie verstiegen hat, der weiß, wie viel Zeit man mit dem Betrachten der Kunstwerke aus der Hand der Markendesigner verbringen kann.

 

Vier glänzende Plastikkarten mit einer scheinbar geriffelten Oberfläche in rot, grün, bronze und blau und mit Tierköpfen sowie jeweils einem QR-Code sind nebeneinander zu sehen. - © Östereichische Post
Auf dem Weg in die Zukunft. Die "Crypto Stamps" der Post zeigen als Motive jene Tiere mit einem wesentlichen Bezug zu digitalen Währungen – Honigdachs, Lama, Panda und Doge. Für die Startup- und Crypto-Community spielt auch das Einhorn eine wesentliche Rolle, damit sind herausragende Produkte und Ideen gemeint. - © Östereichische Post

 

Sind digitale Briefmarken sammelbar?

Der Wert der Marke hängt oft von Kleinigkeiten ab. Zum einen natürlich die persönlichen Vorlieben – etwa dem Wunsch, komplette Sätze zu besitzen, oder bestimmte Jahrgänge. Natürlich unbeschädigt. Postfrisch oder gestempelt und dann auch noch an der richtigen Stelle gestempelt. Oder aber auch eine Seltenheit, gar ein Fehldruck aus der vordigitalen Zeit?

Ein wesentlicher Bestandteil ist natürlich der Austausch über die Sammlung oder das begehrte Gut. So ist es wenig verwunderlich, dass die Gemeinschaft der Briefmarkensammler immer noch eine sehr vernetzte und lebhafte ist. Und dies auch wenn die Zahl der klassischen Sammler schrumpft. In den Vereinslokalen herrscht immer noch ein reger Austausch, sofern nicht gerade Corona dazwischenkommt.

Und die Frage wird auch sein, ob man eine neue Generation von zukünftigen Sammlern ansprechen kann. Die in Zeiten der Digitalisierung zwar neue Technologien und Endgeräte gewohnt sind, aber die ebenso vom Sammeltrieb gesteuert werden.

Als Wegbereiter kann man die heimische Post auch bei der Weiterentwicklung der Briefmarke in das digitale Zeitalter bezeichnen. Im Interview mit dem "Wiener Journal" sind Nemeth und Liebermann dementsprechend stolz, wenn es um das Thema Kryptomarke geht. Hier verbindet die heimische Post das digitale Sammeln mit dem Thema Blockchain und Kryptowährungen.

Neben einer echten Marke, die klassisch im Album gesammelt werden kann, gibt es – auf Basis der Blockchain – einen beladenen Wert in der digitalen Währung Ethereum. Über die Blockchain können die Marken eindeutig einem Besitzer zugeordnet, aber auch versendet oder verkauft werden. Der Spagat besteht darin, die Sammler der klassischen Briefmarke zu halten und zeitgleich eine völlig neue Zielgruppe anzusprechen. "Wir dürfen niemanden, der seit Jahrzehnten Briefmarken sammelt, verlieren. Wir müssen die Kunden weiterhin bedienen. Aber auch einen Markt für die Zukunft schaffen", so Nemeth.

Eine Briefmarke in schwarz mit QR-Code in schwarz weiß und einem Goldbarren in Gold sowie einem Portrait eines Einhorns und Sternen oder Planeten in Bronze und in Weiß. - © Österreichische Post
Die Goldene Einhornmarke ist mittlerweile sogar im Guinness Buch der Weltrekorde gelandet, als jene offizielle Marke mit dem höchsten Ausgabewert. - © Österreichische Post

"Wir haben hier eng mit der Crypto-Community zusammengearbeitet und die Marken auch für diesen Bereich speziell entworfen – wie etwa die beliebte Einhorn-Marke", ergänzt Liebermann. Und tatsächlich ist die Goldene Einhornmarke mittlerweile sogar im Guinness Buch der Weltrekorde gelandet, als jene digitale Briefmarke mit dem höchsten Ausgabewert nämlich. Dieser beträgt 500 Euro was unter anderem dem inkludierten Minigoldbarren zu verdanken ist. Das Interesse der Kunden war enorm und ebenso jenes internationaler Postgesellschaften, die sich diesen Ansatz genau anschauen.

Die Briefmarke lebt also weiter. Sie wird sich wandeln; wird neue Zielgruppen ansprechen – nicht nur Blockchain-Fans, sondern etwa auch die "Fridays for Future"-Generation, die sich über ein aktuelles schwedisches Postwertzeichen mit Greta Thunberg freuen kann.

Und doch wird es immer auch ein Stück (Zeit-)Geschichte sein. Ob nun Mickey Mouse, Sehenswürdigkeiten oder Einhörner darauf gedruckt sind. Der Mensch sammelt eben gerne. Und das wird sich erst recht nicht so schnell ändern.