Die Chinesen sind uns schon wieder voraus. Die haben bereits 2008 ein Training bekommen, wie man sich anständig anstellt. Vor den Olympischen Spielen in Peking sollte einem ganzen Land beigebracht werden, wie man diszipliniert Schlange steht - damit sich die Regierung nicht für ihr Volk genieren musste vor aller Welt, wenn genau diese einmal genauer hinschaut.

Jetzt muss man aber sagen: Die Chinesen brauchen diese Übungsstunden auch dringend. In der internationalen Hitliste der unverschämtesten Drängler liegen sie nämlich zweifellos an der Spitze. Dass das kein hingesagtes Nationalitätenklischee ist, das belegt nicht nur die erwähnte Lehrstunde (sie fand übrigens an jedem 11. des Monats 2008 statt, weil die beiden Einser aussehen, als würden sie höflich hintereinanderstehen), sondern auch der ein oder andere Chinareisende, der sich zum Beispiel beim Mausoleum von Mao angestellt hat und keinen Zentimeter weitergekommen ist, während ganze Dörfer an Einheimischen bereits rüde an ihm vorbeigezogen sind. Aktuelle Bilder von chinesischen Impfstraßen zeigen freilich keine sprunghaften Lernerfolge. Gut, ist ja auch schon wieder 13 Jahre her.

Nicht gewöhnt, dass man sich Konsum erst erwarten muss

Die Warteschlange ist spätestens seit vergangener Woche auch für uns hierzulande an bisher unerwarteten Stellen zum neuen Alltag geworden. Schon am ersten Tag der Lockerungen des Lockdowns für den Handel bildete sich wieder eine Schlange vor einem Marken-Outlet auf der Mariahilfer Straße - wie bereits vor Weihnachten. Wer da noch gehöhnt hat, ist wahrscheinlich am Wochenende drauf selbst vor einer Ladentüre gestanden. Weil schon zwei andere Personen im Geschäft waren und man eben warten muss, bis diese wieder 20 Quadratmeter für die nächsten frei machen.

Als Kinder der freien Marktwirtschaft sind wir es nicht gewöhnt, dass man sich es erst standfest verdienen muss, dass man konsumieren kann. Das ist nicht überall so. In manchen Bereichen Deutschlands fühlte man sich bereits im vergangenen Sommer an Zeiten erinnert, in denen die Warteschlange nicht nur ein Symbol für die Krise, sondern auch für die Mangelwirtschaft war. Anekdotisch erzählt man sich gerne, dass man sich in der DDR bei Anblick einer Schlange einfach mal dazugestellt hat - könnte ja etwas Brauchbares geben. Außerdem förderte die Ansammlung die Kommunikation. Das kann man bei den sich derzeit bildenden Schlangen weniger behaupten. Der mittlerweile pubertierende Babyelefant soll das bekanntlich verhindern.

Ein Vorbild, und das lernt man schon mit den ersten Vokabeln in der Schule, kann beim Schlangestehen immer England sein. Die aus hiesiger Sicht absurde Idee, sich für den Einstieg im Bus in einer Reihe anzustellen, hat schon manchen London-Touristen auf dem falschen Wartefuß erwischt. Der Brite liebt es, sich korrekt anzustellen - schon wieder nur ein Klischee? Nun, zumindest eine klitzekleine Mystifizierung, meint der Sozialhistoriker Joe Moran, der ein Buch mit dem Titel "Queuing for Beginners" geschrieben hat. Er kann aber immerhin die Geburt der Kultur des Schlangestehens terminisieren: die Industrielle Revolution. Im frühen 19. Jahrhundert zogen mehr Menschen vom Land in die Städte, früher übliche informelle Märkte wurden zu Geschäften, Massen kumulierten auf engerem Raum und man musste sich etwas überlegen, wie man dieser Massen in strukturierter Art und Weise Herr wurde. Und so entstand die Warteschlange - allerdings vor allem für die arme Bevölkerung. "Demokratischer" wurde die Warteschlange dann während des Zweiten Weltkriegs, denn Rationierungen trafen alle. Und von dieser Ära rührt auch die Legende von der britischen Schlangenliebe. Die Kriegspropaganda sorgte dafür, dass man sich beim disziplinierten Anstellen gut und wichtig fühlte, als jemand, der so sein Scherflein beiträgt. Sozusagen in Abwandlung des beliebten damaligen Durchhaltespruchs "Keep calm and carry on" zu "Keep calm and wait in line".

Nicht die Briten, die Franzosen!

Die erste Überlieferung der Warteschlange findet sich übrigens mitnichten in England, sondern in Frankreich. In der historischen Abhandlung "Die französische Revolution" von 1837 schreibt der schottische Essayist Thomas Carlyle über "Warten im Gänsemarsch": "Werfen wir jetzt einen Blick auf Paris, so fällt eins besonders auf: Die Bäckerläden haben ihre Queues oder Schweife, d. h. lange Reihen von Käufern, die hintereinander stehend einen Schweif bilden, sodass der Erste zuerst bedient wird [. . .]".

Kaum woanders als in der Warteschlange hat man so oft das Gefühl, dass man am falschen Ort ist. Nämlich in der falschen Warteschlange. Stellt man sich bei der kürzeren Kassenschlange an, entpuppt sie sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit als die zeitintensivere. Mit solchen Phänomenen beschäftigen sich Mathematiker, um zu zeigen, dass es sich dabei nicht nur, wie man gemeinhin grummelnd denkt, um Karma oder schlichtes Pech handelt. Es liegt lediglich an Unregelmäßigkeiten wie etwa Bar-, Karten- oder "Nehmen Sie sich’s bitte aus dem Börsl selbst raus, meine Liebe"-Zahlung. Exakt berechnen lassen sich Warteschlangen übrigens mithilfe von Molekülen. Das ist aber im Alltag beim Billa ein bisschen aufwendig. Aus der Misere helfen würde eine Kulturtechnik aus den USA: die Eine-für-alle-Warteschlange. Die ist wiederum mit der Wiener Mentalität nur schwer vereinbar, wie nicht wenige: "Stehen Sie bei dieser Kassa an? - Wir stehen alle für alle Kassen an. - Ja, fragen wird man ja noch dürfen!"-Dialoge untermauern.

Einfach mal einen Goofy zum Einkaufen mitnehmen

Gut, das ist wenigstens eine Ablenkung von der grundsätzlich eher unterhaltungsarmen Beschäftigung. Aber auch das ist nicht überall so: In den Themenparks von Disney zum Beispiel hat man es sich zur Aufgabe gemacht, das Warten auch zum Vergnügen zu machen. Nicht nur, indem plötzlich ein Goofy neben einem Faxen macht, sondern auch mithilfe von interaktiven Spielen auf Bildschirmen, die neben der Schlange aufgereiht sind. Auch das ohnehin omnipräsente Smartphone wird eingesetzt: In der Warteschlange zu einer Show kann man einen Gagvorschlag per SMS schicken, der dann vielleicht in der Show nachher vorgetragen wird.

Natürlich sind die Disneylands dieser Welt nach wie vor aus den bekannten Gründen geschlossen. Aber gut, einen Witz kann man sich immer selbst erzählen, auch in der Schlange vor der Buchhandlung. Oder dem Spirituosengeschäft.