Wenn ausrangierte Spitzenpolitiker, im Selbstverständnis zu "Elder Statesmen" herangereift, Bücher mit Titel wie "Was jetzt geschehen muss" oder so ähnlich schreiben (lassen), in denen sie ihren Nachfolgern erklären, warum die jetzt machen müssen, woran sie selbst gescheitert sind, dann bringt das dem Leser meist wenig Erkenntnisgewinn und noch weniger Vergnügen.

Eine unerwartete Ausnahme von dieser Regel des Büchermarktes stellt das Buch "Letzte Chance - Warum wir jetzt eine neue Weltordnung brauchen" dar. Geschrieben haben es der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und der renommierte Historiker Gregor Schöllgen, der auch schon eine Biografie Schröders verfasst hat und mit diesem seither in engem Austausch steht.

Die alte Männerfreundschaft findet neuen Niederschlag in Gerhard Schröders Buch (hier trifft er im Jahr 2005 Wladimir Putin). - © dpa / W. Kumm
Die alte Männerfreundschaft findet neuen Niederschlag in Gerhard Schröders Buch (hier trifft er im Jahr 2005 Wladimir Putin). - © dpa / W. Kumm

"Der Westen liegt im Koma", urteilen sie: "Paralysiert und apathisch verfolgen Europäer und Amerikaner die weltweite Pandemische Zunahme von Krisen, Kriegen und Konflikten aller Art. Das hat einen Grund: Die Staaten der westlichen Welt, die es so gar nicht mehr gibt, sitzen in überlebten Strukturen fest und bekommen jetzt die Quittung für die Fehler der Vergangenheit. Die Folgen sind fatal."

Überlebte Nato

Zu diesen "Fehlern der Vergangenheit" zählen die beiden Autoren etwa die Unfähigkeit der Europäischen Union, ihre Interessen unabhängig von den USA auch militärisch projizieren zu können - Stichwort Europäische Armee -, ihr Unvermögen, sich endlich eine Verfassung als soliden Boden einer "ever closer Union" zu geben, oder das Fehlen einer gemeinsamen Europäischen Finanzpolitik zur Sanierung der Euro-Konstruktion. "Tatsächlich war der Euro von Anfang an mit erheblichen Fehlern und Makeln behaftet", diagnostiziert der Altkanzler heute und fordert eine "Vergemeinschaftung der Schulden" in der EU; eine Idee, die ihm in seiner Heimat nicht nur Freunde machen wird.

Auch die Nato hält er für ein Konstrukt aus der Welt von gestern, die er lieber heute als morgen abschaffen will. Sie sei nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ohne Geschäftsgrundlage und damit nur noch ein Instrument der amerikanischen Dominanz. Sie sei durch eine militärische Autonomie der Europäer zu ersetzen, fordert Schröder und erinnert daran, dass es etwa noch keiner deutschen Bundesregierung gelungen sei, die USA dazu zu bewegen, Auskunft zu geben, welche US-Atomwaffen wo auf deutschem Bundesgebiet stationiert sind.

Schröders Kritik an der Nato ist zweifelsfrei nur im Kontext mit seiner offenbar tiefen persönlichen Freundschaft mit Wladimir Putin zu verstehen und seinem ungewöhnlich weitgehenden Verständnis für Russlands Interessen und Positionen. (Boshafte Mitmenschen unterstellen ihm, dieses Verständnis sei nicht zuletzt namhaften Zahlungen geschuldet, die Schröder als Aufsichtsratsvorsitzender des russischen Staatskonzerns "Rosneft" lukriert.)

Wie von Schröder zu erwarten, zieht sich eine ordentliche Portion an Russland-Versteherei wie ein roter Faden durch das Buch, meist verbunden mit einer überaus kritischen Haltung den USA gegenüber.

Pardon für Putin

Man kann die Argumente, die Schröder und Schöllgen da vorbringen, interessant finden, auch ohne sie zu teilen. Etwa, wenn er Russlands immer aggressivere Außenpolitik als Folge einer Art von Minderwertigkeitskomplex erklärt, den Russland nach 1989 erlitten habe, mitverursacht durch eine die Interessen Moskaus zu wenig berücksichtigende Politik des triumphierenden ("Das Ende der Geschichte") Westens.

Das brachte Schröder, erwartbar, Kritik in Großhandelspackungen ein. Josef Joffe, transatlantischer Großpublizist und Edelfeder der "Zeit", murrte ebendort über das Buch: "Putin kriegt ständig mildernde Umstände. Seine imperialen Ambitionen erklären sie mit dem ,Expansionskurs‘ der Nato. Putin wehre sich bloß mit ,Nadelstichen‘. Mordanschläge und Hackerangriffe? Da heißt es: ,Ist die Beweislage eindeutig? Sind die Verantwortlichen zweifelsfrei identifiziert?‘ Bestrafung? Sanktionen seien ,keine sinnvolle Option‘. Putin dankt."

Mag sein. Eines kann man Schröder jedenfalls nicht vorwerfen: Dass er im üblichen substanzlosen Schwurbel-Stil abgehalfterter Politiker einen auf Balkonmuppet macht, ohne dabei zu riskieren, heftig in die Ziehung zu geraten. Ein Kämpfer auch im fortgeschrittenen Alter.