Nicht ganz in der Mitte Europas liegt Österreich als heute relativ kleines Land, das auf eine gleichermaßen große wie teils verheerende Geschichte zurückblickt und in verhältnismäßig kurzer Zeit derart viele grundlegende Verwandlungen erlebt hat, dass einem eigentlich schwindelig werden müsste, wenn man auch nur beginnt, den Versuch zu unternehmen, dieses Land und seine Einwohnerinnen und Einwohner zu verstehen. Zumal noch, da Geschichte bekanntermaßen keine Pause macht und somit derjenige, der sie rückblickend zu verstehen versucht, selbst ja im derzeit auch nicht gerade langsamen Railjet in Richtung einer etwas unbestimmten Zukunft unterwegs ist.

In einem Wort: Sollte man eine intellektuelle Herausforderung suchen - hier hätte man sie gefunden. Gefunden und die Herausforderung angenommen haben nun glücklicherweise die Herausgeber des vorliegenden Sammelbands - Thomas Köhler, Christian Mertens und Anton Pelinka. Die Herausgeber haben ein vielseitiges Autorenkollektiv, allesamt renommierte Wissenschafterinnen und Wissenschafter (inklusive der Herausgeber), zusammengestellt und eingeladen, einzelne Schlaglichter auf das Große und Kleine des österreichischen Selbstverständnisses durch die Jahrhunderte zu werfen.

Gegliedert ist das Buch in zwei große Blöcke. Die Narrative des Reiches (der Monarchie) und die Narrative des Staates (der Republik). Ein dritter, als "Exkurse" betitelter Teil, begutachtet wertvolles Anschauungsmaterial dieser Narrative: Die offiziellen und inoffiziellen Hymnen des Landes ("Land der Erbsen / Land der Bohnen / Land der vier alliierten Zonen / Wir verkaufen dich im Schleich / Vielgeliebtes Österreich!"), seine Sprache und seine Daten.

Wer nun aber ein bloßes Abarbeiten der Geschichte und Landeskunde befürchtet, wird bald eines sehr viel Besseren belehrt. Wie die Überschriften der beiden Hauptabschnitte zeigen, unternimmt dieses Buch nämlich den wesentlich interessanteren Versuch, nicht nur die äußeren und relativ rasch nacherzählten Stationen österreichischer Geschichte oder auch Ideengeschichte nachzuzeichnen. Vielmehr stehen hier die Narrative - also die inneren Selbstverständnisse und -bilder der "Bewohner" dieser Stationen - im Mittelpunkt.

Lose Enden der Geschichte

Man ist daher kurz versucht, das etwas abgenutzte Klischee von der auf die Couch gelegten Nation zu zitieren - aber das Bild, das sich dem Leser aufdrängt, ist ein anderes. Denn erstens beschreibt dieses Buch keine Krankengeschichte, zweitens will es weniger diagnostizieren als vielmehr auf die Ambivalenz, die Vielfalt und die vielen losen Enden, die ein solcher Blick auf das Innere der österreichischen Geschichte freilegt, hinleuchten. Das Buch erinnert somit mehr an die Bemühungen eines Detektivs, der früh erkannt hat, dass es besser ist, seinen Fall gar nicht erst zu lösen, und der daher umso gelassener und neugieriger und ergebnisoffener den Zeugenaussagen lauscht.

Das zweite verbindende Element dieser Geschichten ist die offenkundig nicht mehr zufällige Tatsache, dass sie sich trotz oder wegen ihres Mangels eines gemeinsamen Nenners jenseits des bloß Geographischen letztlich irgendwie doch zum "Fall Österreich" verdichten. Dieses "Irgendwie" ist einer der zentralen Verhandlungsgegenstände dieses Buchs. Schon Fred Sinowatz wusste, dass an Österreich eigentlich so gut wie alles sehr kompliziert ist (vielleicht eine der weisesten Kurzzusammenfassungen österreichischen Innenlebens).

Angesichts dieser komplexen Gemengelage der Narrative unternimmt Thomas Walter Köhler als Geisteswissenschafter und Psychotherapeut in einem Schlüsselkapitel - "Ein Weltereignis - Politik und Kultur in Wien um 1900 aus historischer sowie tiefen- und höhenpsychologischer Sicht" - den Versuch, aus der Mitte der Geschichte heraus nachzuzeichnen, wie sich Anfang des vergangenen Jahrhunderts der vielfältige Blick auf das Innere der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieses Landes gestaltete.

Dieses (hervorragende) Kapitel sei hier auch deswegen herausgegriffen, weil es in gleich mehrerlei Hinsicht die in diesem Buch geführten Diskurse spiegelt - und damit zugleich illustriert, wie sehr das vorliegende Buch selbst sich nahtlos in die intellektuelle Tradition österreichischen Nachdenkens über Österreich einfügt.

Die Lektüre dieses durchwegs gelungenen Buchs macht deutlich, warum man sich nur wünschen kann, dass uns diese Mehrdeutigkeit erhalten bleibt. In ihrem Vorwort schreiben die Herausgeber: "Unsere Hauptthese: Österreich wohnt eine Erzählung der Weite und nicht der Enge inne." Rundum empfohlen!