Überall Pathos. Pathos überall. Solmaz Khorsand mag kein Pathos und schreibt in einem 124-seitigen Essay dagegen an. Voller Pathos.

Das weiß die Journalistin übrigens selbst. Aber wie anders sollte sie dem Pathos gegenübertreten? Leise Töne gingen ja doch nur unter.

Die österreichische Journalistin Solmaz Khorsand schrieb unter anderem für die "Wiener Zeitung", für die "Zeit" und arbeitet gegenwärtig für das Schweizer Magazin "Republik". Sie ist eine glänzende Stilistin, die wie nur wenige alle Register ziehen können von der trockenen Feststellung bis zu pikanter Ironie, sie kann anschaulich berichten und Gift und Galle spucken. Man liest ihre Texte auch dann gerne, wenn sie sich im Furor vergaloppiert.

Dass Solmaz Khorsand überall Pathos aufspürt, hängt mit ihrer Definition zusammen: Sie leitet, was legitim in unserer anglisierten Zeit ist, den Begiff von "don‘t be so pathetic" ab. Diese Redewendung umfasst mehr als der ursprüngliche griechische Begriff, der, auch als Fremdwort im Deutschen, "Leiden" und "Leidenschaft" bedeutet. Pathos ist in diesem Zusammenhang ein unablässiger Wortschwall, der ebenso gut Alltäglichkeiten überhöhen wie auch klare Manipulationsversuche unternehmen kann. Ob Reden von Barack Obama oder Donald Trump, ob die eigene Analyse oder das eigene Mimimi auf Facebook: All das ist "pathetic" und fällt damit unter Solmaz Khorsands Pathos-Begriff. Ihr Fazit: Jeder könne das Pathos in seinem eigenen Bereich mindern, indem er die eigene Lautstärke dämpft.

Wer hat das größte Stück vom Pathoskuchen, fragt Solmaz Khorsand an einer Stelle; vielleicht eine schwarze queere obdachlose Frau im Rollstuhl? "Pathos", schreibt Solmaz Khorsand, "hat das Potenzial, Machtverhältnisse, Normen und Werte neu zu verhandeln." Ihr Beispiel: Greta Thunbergs Klimaaktivismus.

Das ist der Moment, in dem der Leser, zwecks eigener Positionsbestimmung, gerne wüsste, wo Solmaz Khorsand steht. Referiert sie nur aus mehr oder weniger ironischer Distanz? Oder erreicht Greta Thunberg mit ihrem Pathos doch etwas Positives? Dann wäre Pathos in diesem Fall berechtigt. Also: Hier schlechtes Pathos, dort gutes Pathos? Wer bestimmt die Wertigkeiten? Schreit dann nicht erst recht einer den anderen nieder - und das mit vollem Pathos?

Ein Buch als Anregung zum eigenen Mit- und Weiterdenken - und aus diesem Grund rückhaltlos empfohlen.