Es hitlert wieder einmal auf dem Buchmarkt. Und natürlich seien die Erkenntnisse so sensationell, dass die Geschichte neu geschrieben werden müsse. Immerhin hat Roman Sandgruber mit seinem Buch "Hitlers Vater" einiges Aufsehen verursacht.

Sandgruber, 1947 geborener österreichischer Historiker und emeritierter Professor der Johannes Kepler Universität Linz, hat zwei Bücher zu Genussmitteln verfasst, eines über die reichsten Wiener im Jahr 1910 und ein wegweisendes über das Haus Rothschild. In seinem Buch über Hitlers Vater wartet er mit Enthüllungen auf, die freilich die Frage stellen, ob sie tatsächlich von 300-seitiger Relevanz sind.

Die deutsche Politik-Theoretikerin Hannah Arendt formulierte in Zusammenhang mit dem Eichmann-Prozess die "Banalität des Bösen" als Gegensatz zur Mystifizierung der Nationalsozialisten als gleichsam übermenschliche Dämonen. Die Banalisierung der "Banalität des Bösen" führte dann freilich zu Büchern und TV-Dokus über Hitlers Kindheit, Hitlers Frauen, Hitlers Sexleben, Hitlers Krankheiten und so weiter. Man kann Hitler die Windeln wechseln, Hitler eine Methamphetamin-Tablette verabreichen und durch das Schlüsselloch von Hitlers Schlafzimmer linsen.

Was alles muss man
über Hitler wissen?

Dieses Ausmaß des banalisierenden Materials bringt die Überhöhung Hitlers auf anderer Ebene zurück. Statt dem Dämon in bewundernder Abscheu zu begegnen, kann man jetzt mit dem Diktator auf Du und Du sein. Adolf erzählt einem, wenngleich unfreiwillig, alles, vom Durchfall bis zur Impotenz.

Sandgruber strebt den historischen Intimkontakt nicht an, kann ihn aber, thematisch bedingt, nicht vermeiden. Denn natürlich ist Adolf Hitler das Hauptthema und nicht sein Vater Alois. Um dessen Leben würde sich niemand kümmern, hätte nicht sein Sohn rund sechs Millionen Juden ermorden lassen und eine kriegerische Menschheitskatastrophe verursacht.

Sandgruber ist auf ein Konvolut von 31 Briefen Alois Hitlers gestoßen, in denen dieser aus Geschäftsgründen Auskünfte über seine Lebensumstände gibt. Bisher gab es drei Quellen zu Adolf Hitlers Kindheit und Jugend: Hitlers eigene Reminiszenzen in seiner Hetzschrift "Mein Kampf", die Schilderungen seines Jugendfreundes August Kubizek und Franz Jetzingers "Hitlers Jugend" auf der Basis von Gesprächen mit Bekannten der Familie.

Auch Sandgrubers Buch kann nicht mehr sein als eine faktenbasierte Annäherung. Charakterzüge von Alois Hitler zeichnen sich ab: Er fühlt sich klein, deshalb plustert er sich auf, protzt mit belesener Überlegenheit, die er sich aus Büchern und Zeitungen zusammenklaubt und für allumfassend hält. Er ist herrisch, dürfte trinken und prügeln - in "Mein Kampf" klingt diese harte Jugend an. Dennoch macht Adolf Hitler nach dem frühen Tod des Vaters eine Phase der Orientierungslosigkeit durch.

Einige Charakterzüge des Vaters kann der Sohn aufgrund seiner Machtfülle später ausleben: So versucht er, als Autodidakt dem Mief der Provinzialität zu entkommen. Aus der Rechthaberei des Vaters wird die Selbstüberhöhung des Sohns. Und die Schläge wären das Samenkorn von Auschwitz? So einfach ist es nicht, und Sandgruber will darauf auch nicht hinaus. Also eine bloße Faktenfeststellung. Doch wozu? Insgesamt nämlich entspricht diese Kindheit und Jugend Hitlers, so bitter sie war, dem Zug der Zeit. Viele haben Vergleichbares und Schlimmeres durchgemacht, ohne es mit Krieg und Massenmord zu kompensieren. Auch dürfte der Antisemitismus nicht aus dem Elternhaus Hitlers stammen.

Als Fazit bleibt: Neue Erkenntnisse - gewiss. Aber sie verändern nicht das Bild, das man bisher von Hitler hatte. Eine Kindheit als offenbar misshandelter Sohn eines Vaters, der dem Alkohol zuspricht, taugt angesichts des Ausmaßes der späteren Verbrechen schlecht für psychologische Feinabstimmungen und schon gar nicht für Mitleid. Ein Buch mehr über Hitler. Vielleicht sollte man öfter über seine Opfer schreiben.