Seit nun mehr einem Jahr sind wir dieser Pandemie ausgeliefert. Und wir haben was dazugelernt. Auch sozial.

Zwar hat man die Freundinnen und Freunde seit einem Jahr nicht mehr umarmt, den Lieblingswirt seit dem Sommer nicht mehr gesehen (und da hat er schon nicht sehr fröhlich gewirkt), die Verwandtschaft musste man sowohl zu Ostern als auch zu Weihnachten vermissen (soweit möglich), wen man aber sehr viel besser kennengelernt hat, war der oder die große Unbekannte von nebenan: der Nachbar.

An und für sich pflegt man ja in der Stadt ein distanziertes Verhältnis zum Nachbarn. Immer schon. Am Land, da ist das anders. Da sind alle freundlich zueinander, grüßen brav, treffen sich in der Freiwilligen Feuerwehr, in der Faschingsgilde oder im Schützenverein, jeder weiß von jedem alles, es herrscht ein leben und leben lassen und wenn man sich über die Nutzungsrechte des Zufahrtsweges zum Grundstück neben dem Haus auch vor Gericht nicht einigen kann, dann schießt man sich eben gegenseitig bei nächster Gelegenheit über den Haufen.

Aber ansonsten lässt man sich in Ruhe.

Denn man muss sich am Land weitaus mehr anstrengen, um der Nachbarschaft ordentlich auf die Nerven zu gehen. Darum gibt es auch in jedem Haushalt schweres Gerät: Kreissäge, Laubbläser, Steinschleifer. Sie lassen im Umkreis von bis zu 500 Metern jeden wissen, dass es dich gibt.

Die Nachbarn bleiben fit

In der Stadt ist das anders. Da ist immer einer. Mindestens. Meistens hat man ja nicht nur einen Nachbar links und einen rechts, sondern gern auch noch einen oben und einen unten. Mit Pech kommt noch einer links oben und einer rechts unten dazu, von denen rechts oben und links unten wollen wir gar nicht reden. Und die Gegenüber gibt es ja auch noch.

Wenn man also zu einem dieser zahlreichen Nachbarn ein gutes, freundschaftliches Verhältnis aufbauen würde (man lädt einander zum Kaffee ein, bringt Geschenke, tauscht Partner), dann würden sich alle anderen - oben, unten, links, rechts, gegenüber - sofort denken: "Aha, mit mir macht er das nicht, bin ihm also nicht gut genug." Und schon hat man statt einem befreundeten Nachbarn, mindestens fünf beleidigte dazu.

Da geht man lieber auf Distanz. Je geringer der räumliche, desto größer der psychische Abstand. Obendrein ist man ja sowieso nie zuhause, weil man ständig im Büro hockt. Normalerweise.

Wenn man allerdings aufgrund einer Pandemie gezwungen ist, zuhause zu bleiben, dann lernt man einander kennen.

Und es ist schön, zu sehen, dass die Nachbarschaft auch in Zeiten der Pandemie versucht, fit zu bleiben. Wenn allerdings die Nachbarin über einem ihre Leidenschaft für Capoeira entdeckt, merkt man dass die mitteleuropäische Bausubstanz vibrationstechnisch weder für brasilianische Kampfkunst noch deren rhythmische Begleitung ausgelegt ist. Dass der Nachbar unter einem einen Putzzwang entwickelt hat und tagtäglich einen Staubsauger anwirft, der akustisch ein Abfallprodukt der Flugzeugturbinenforschung ist, rundet das Hörerlebnis ab.

Doch auch ausbleibende Geräusche können einen irritieren. So ist zwar genau zu hören, wie der Nachbar links über einem die Wohnung betritt und auch wie er dreieinhalb Minuten später sich auf der anderen Seite am Fenster in den Fauteuil fallen lässt. Wie aber ist er von der Tür zum Fenster gekommen? Da war nichts zu hören! Kann der schweben? Oder hat er seine Wohnung zu einem Dschungel umgebaut, in dem er sich - lautlos - von Liane zu Liane schwingt. Solche Gedanken hat man sich vor der Pandemie nicht gemacht.

Die Nachbarn kochen

Apropos Urwald:

Ein Freund, der in die Nähe des Zoos umgezogen ist, berichtet, dass im ersten Sommer all morgendlich ein tierischer Laut durchs Fenster zu ihm gedrungen ist. Unerklärliches, röhrendes Quieken. Zuerst hat er den Brunftschrei des Zwergelefanten, dann die akustische Reviermarkierung des männlichen Moschusrinds oder die Flatulenzen des ägyptischen Flusspferds hinter dem Geräusch vermutet. Bei jedem Zoobesuch hat er die Tiere in der Nähe seiner Wohnung in Ohrenschein genommen. Vergeblich. Keines davon hat zum akustischen Fingerabdruck gepasst. Erst als das Wetter schlechter wurde, die Fenster geschlossen blieben und das seltsame tierische Geräusch plötzlich durch die Decke zu ihm hereindrang, erkannte er, dass es sich eigentlich um seinen Nachbarn handelte, der sich jeden Morgen schnäuzte.

Aber auch optisch ist der Nachbar bisweilen aufdringlich. Vor allem der von gegenüber. Sind im Sommer die Fenster geöffnet, droht die geballte Hässlichkeit des Katalogs des Möbeldiskounters einen anzufallen, Vorhänge mit augenfeindlicher Musterung wehen im Wind und geben den Blick frei auf die Erbsünde des Interieurdesigns: die Lampe über dem Esstisch. Die hat sich mal die Oma gekauft und noch dieser Tage hat der Enkel angesichts dieses Beleuchtungskörpers keinen Appetit mehr.

Doch irgendwann wird es Nacht oder Winter oder beides, dann werden die Fenster geschlossen und das Einzige, das man noch sieht, ist das Flackern fußballfeldgroßer Fernseher, die einen auch quer über die Straße am TV-Programm gebührenfrei teilhaben lassen.

Ein Vorteil zum Land: Den Nachbar in der Stadt riecht man im seltensten Fall. Während der rurale Anwohner gern mal Gülle auf dem angrenzenden Feld verteilt, Kühe oder Schweine hält oder die Obsternte sich olfaktorisch ankündigt, bleibt der Nachbar in der Stadt geruchlos.

Und wenn man ihn mal riecht, ist es meist zu spät.

Nur Kochkünste lassen sich erahnen, wenn im Stiegenhaus von Stock zu Stock die Dünste wechseln. Krautfleckerln im ersten, übergegangene Milch im zweiten, Rindsuppe im dritten, irgendwas mit viel Knoblauch und Kreuzkümmel im vierten bis man endlich im fünften Stock angelangt ist, wo man selber wohnt und einem der Geruch verrät, dass man diesmal wirklich vergessen hat, den Herd abzudrehen.

Die Nachbarn - sind wir auch

Also schon wieder umziehen ... aber wohin? Vielleicht doch aufs Land?

Natur, Ruhe, Tiere, Wald ... und die Steinschleifmaschine vom Nachbarn, der am Hügel gegenüber wohnt und sich eine neue Terrasse baut. Vielleicht auch eine Rekonstruktion der antiken Römerstraße im Maßstab eins zu eins. Man könnt ihn ja verklagen. Aber lieber nicht. Der ist seit Jahren im Schützenverein.

Nein, man wird in der Stadt bleiben. Denn so schlimm ist das ja alles nicht. Selber ist man ja auch einer von denen. Ich hab mir einmal ein E-Piano gekauft, weil ich gern Klavier spiele wie andere singen. Dreistimmig: Laut, falsch und mit Begeisterung.

Bis mir mein Nachbar Wochen später angeboten hat, er könne mir helfen. Er würde ja in dieser Firma arbeiten. Die wären Marktführer. Europaweit. Über ihn könne ich verbilligt welche bekommen. Kopfhörer. Super Klang - nach innen. Und nach außen dringe quasi nichts.

Da hab ich gewusst: Ich bin einer von ihnen. Ich bin Nachbar.

* aus Severin Groebners "Lexikon der Nichtigkeiten" (Satyr Verlag 2018)