Oh mein Gott", sagt Chris mit weit aufgerissenen Augen. "Oh. Mein. Gott." Er schaut um sich, hat die große Burg des gefürchteten End-Gegners Bowser in seinem Rücken, erkennt vor sich die vermeintlich entführte Prinzessin
Peach. Die Farben um ihn herum sind quietschig, die Formen kindlich rund, die Musik aus den Lautsprechern klingt wie ein Klingelton früherer Handygenerationen. "Ich bin so aufgeregt", hechelt Chris, auf dessen Mundschutz passend zum Anlass Verzierungen mit Figuren aus der Welt von Nintendo prangen. "Ich übertreibe nicht. Ich bin wirklich so begeistert, wie es gerade wirkt!"

Vielen scheint es ähnlich gegangen zu sein. Mehr als drei Millionen Personen haben das Video des Vloggers, dessen YouTube-Kanal "TDRExplorer" 55.000 Abonnenten zählt, im vergangenen Monat angesehen. Anfang Februar durfte der auf Freizeitparks spezialisierte Influencer als einer der wenigen Privilegierten einen ersten Blick in das neue Fanparadies werfen, das in der südwestjapanischen Metropole Osaka kurz vor der Eröffnung stand. Mit dem 18. März ist es nun vollbracht, auch normale Fans und deren Begleitpersonen dürfen rein - in die Super Nintendo World.

Weltweit ist es der erste Vergnügungspark, der die Helden aus dem beliebten Videospieluniversum rund um Super Mario in die Realität hebt. Seit den 1980er Jahren begeistert Mario Generationen von jungen und mittlerweile auch nicht mehr jungen Menschen in etlichen Ländern. Das erste Videospiel mit Mario als Charakter erschien 1981, damals noch als Nebendarsteller in "Donkey Kong" auf einer Arcade-Maschine, die mit Münzeinwurf funktionierte. Es war ein Schlüsselmoment in der jüngeren Popkulturgeschichte.

Held des Jump’n’Run-Fachs

Zwei Jahre nach "Donkey Kong" kam der Klempner Mario erstmals selbst als Hauptperson heraus: Im Arcadespiel "Mario Bros." müssen er und sein Bruder Luigi in einem Kanalisationssystem diverse Monster bekämpfen. Diesen Urtyp-Mario beerbten bei Nintendo über die nächsten Jahrzehnte eine kaum mehr zählbare Menge an Fortsetzungen und Adaptationen.

Zunächst folgte auf der Heimkonsole "Famicon", die in Europa unter dem Namen Nintendo firmierte, das Spiel "Super Mario Bros.", in dem Mario und Luigi die entführte Prinzessin Peach aus den Krallen des Bösewichts Bowser befreien müssen. Neuauflagen und Weiterentwicklungen erschienen auf jeder Konsole aus dem Hause Nintendo. Super Mario ist seither der wohl einflussreichste Jump’n’Run-Held der Videospielgeschichte.

Die nun eröffnete Super Nintendo World ist so aufgebaut, dass sich Fans der Spiele sofort zurechtfinden. Tatsächlich entsteht eine Atmosphäre wie in der Welt der Videospiele - ob man diese nun während der 1990er Jahre in 2D-Grafik oder in viel anspruchsvollerer Auflösung auf den jüngsten Konsolen kennengelernt hat. Denn seinem grundlegenden Design aus vollen Farbtönen und popartigen, Comic-ähnlichen Charakteren sind die Designer von Super Mario immer treu geblieben.

Diese Mühe haben sich offenbar auch die Planer beim Vergnügungspark gemacht. Per App kann sich jeder Gast einen Account anlegen und bei diversen Aktivitäten Punkte sammeln, entsprechend den klimpernden Münzen aus den Videospielen. "Hier stehe ich vor der Burg von Bowser", sagt Shigeru Miyamoto, der Schöpfer von Super Mario, in einem PR-Video vom Ende Dezember, als das Gelände eigentlich schon zur Eröffnung bereit war, "und drinnen ist der Kurs von Mario Kart!"

Die Kartbahn, die auf dem gleichnamigen Heimkonsolenspiel basiert, wird als eine der Hauptattraktionen des Parks angepriesen. Zwar kann man seinen Gegnern - anders als im fiktionalen Original - keine Bomben legen und auch keine Bananenschalen auf den Asphalt werfen, damit diese langsamer ans Ziel kommen. Ansonsten aber ähnelt das Konzept jenem aus "Mario Kart". Im regulären Eintrittspreis von 7.315 Yen (rund 56 Euro) ist eine Fahrt immerhin enthalten.

Die Super Nintendo World ist bei weitem nicht der erste Vergnügungspark, in dem eine fiktionale Welt physisch greif- und erlebbar wird. Im Jahr 1971 öffnete im US-amerikanischen Florida der erste Themenpark von Disney, mit Micky und Minnie Maus als Zentralgestalten. Das Konzept hat sich seither ausgezahlt und ist weltweit expandiert. Seit gut zehn Jahren bietet das Universal Orlando Resort den Superlativ in Form eines Multi-Themenparks: Dort finden Besucher unter anderem die Welten aus "Harry Potter", "Jurassic Park", Helden aus dem Marvel-Universum wie etwa Spiderman oder Hulk. Immer wieder handelt es sich um Achterbahnen, Labyrinthe und andere Attraktionen, die mehr oder weniger den Originalgeschichten nachempfunden sind.

Massive Verluste wegen Covid

Bis zur Öffnung von Super Nintendo World in Osaka ist das Durchhaltevermögen der Fans reichlich getestet worden. Ursprünglich sollten die Tore schon Mitte 2020 öffnen. Als im Frühjahr Japans Regierung wegen der Pandemie einen nationalen Ausnahmezustand verhängte, wurde die Einweihung auf ein späteres Datum im Jahr verlegt. Als sich die korrigierten Pläne aber als zu optimistisch erwiesen, verschoben die Verantwortlichen auf Anfang Februar. Jener Termin wurde dann - pandemiebedingt - wenigen ausgewählten Gästen vorbehalten. Erst nun, mit 18. März, läuft der reguläre Betrieb. Die Super Nintendo World ist auch nicht der einzige Vergnügungspark, der unter der Pandemie schwer zu leiden hat. Disneyland im bevölkerungsreichsten US-Bundesstaat Kalifornien wurde Anfang des Jahres zu einem großen Impfzentrum umfunktioniert. Das Äquivalent Disney World im US-Bundesstaat Florida musste den Betrieb vorübergehend einstellen, ebenso die Dependance in Paris. Die Kosten dieser pandemiebedingten Schließungen betragen jeweils mehrere Milliarden Euro.

Wohl auch aus ökonomischen Überlegungen wollten die Universal Studios Japan, die Super Nintendo World betreiben, nicht noch länger warten und argumentieren die Öffnung mit ihrem Sicherheitskonzept. Während des gesamten Aufenthalts besteht Maskenpflicht, bei jeder Attraktion stehen Desinfektionsmittel bereit, Menschenansammlungen sollen vermieden werden. Wobei gerade die letzte Behauptung naiv anmuten mag, sobald man ans Anstehen vor der Kartbahn oder bei einem Essensstand denkt.

Zwar soll jedem, der mit einer positiv auf das Coronavirus getesteten Person in Kontakt war, der Eintritt verwehrt bleiben. Natürlich garantiert aber selbst dies kaum, dass die Pandemie nicht auch hier eingeschleppt wird und sich verbreitet. Hierüber wird womöglich erst dann laut nachgedacht, wenn es tatsächlich so weit ist. Erst einmal soll man sich freuen. Der End-Gegner kommt zu seiner Zeit.