Tod durch Suizid", kommentiert die Maklerin, als sie den Grundriss einer geräumigen Dreizimmerwohnung auf den Tisch legt. "Schwere Krankheit", sagt sie zur nächsten, die nur etwas kleiner ist. "Mord", heißt es bei der dritten. Die Geschäftsvertreterin wirkt unbeeindruckt. Aber Yamame Yamano, der hergekommen ist, um ein günstiges neues Heim zu finden, kippt die Kinnlade runter, sein Gesicht erblasst. Und die Maklerin fragt: "Möchten Sie eine davon besichtigen?"

Yamame Yamano, ein erfolgloser Entertainer aus Japan, gibt sich einen Ruck und zieht in eine der Wohnungen ein, in der es zuvor einen Doppelmord gegeben hat. Schließlich ist ihm zugesagt worden, er könne einen Fernsehauftritt daraus machen, wenn er sein Leben in dieser "Spukimmobilie" nun filmt und dokumentiert. Und tatsächlich hat Yamano bald unglaubliches Material: Deckenlampen, die sich plötzlich einschalten, Stimmen, die zu hören sind, sich von allein öffnende Türen. "Geist, jetzt komm raus hier!", ruft der verängstigte Yamano durch seine neue Wohnung.

Diese Szenen sind in Japan berühmt. Sie stammen aus dem Film "Jiko bukken: kowai madori" - was sich übersetzen lässt mit: "Spukimmobilie - ein unheimlicher Grundriss". Im vergangenen Sommer kam er in die Kinos, wurde rasch zum Kassenschlager. Denn schon das zwei Jahre zuvor erschienene Buch, auf dem die Verfilmung basiert, war als Bestseller viel diskutiert worden. Schließlich soll die ganze Geschichte auf echten Begebenheiten basieren: Die Erlebnisse von Yamame Yamano sind die Niederschriften des Komikers Tanishi Matsubara, der im wahren Leben in eine "Spukimmobilie" gezogen ist.

Der Geist entweicht beim Tod

Denn "Spukimmobilie" nennt man Wohnungen und Häuser, in denen es zuvor ungewöhnliche Todesfälle gegeben hat. In Japan haftet ihnen ein Makel an. Denn ähnlich wie der westliche Aberglauben an Geister kennt auch die japanische Kultur Erzählungen immaterieller Gestalten. Im ostasiatischen Land besagt der traditionelle Glauben, dass einer Person mit ihrem Tod ihr Geist entweicht, sodass dieser die bisherige Lebenswelt in Frieden verlassen kann. Ist jemand aber auf eine unnatürliche Art verstorben oder konnte eine rituelle Beerdigung nicht durchgeführt werden, so verharrt der Geist weiterhin an Ort und Stelle.

Diese "yuurei" genannten Geister sind es, die in Legenden, Romanen und Filmen immer wieder für Unruhe und Furcht sorgen. "Man kann auf jeden Fall sagen, dass es kein besonders gutes Gefühl ist, in einer Wohnung zu leben, wo kurz zuvor jemand gestorben ist", gesteht Tanishi Matsubara, der Autor des Buches, auf den der nun so populäre Film folgte. "Vielleicht ist es nicht ganz so gruselig wie im Film. Aber eine vage Art von Unbehagen spürt man schon."

Auf eine Art hat dies auch Vorteile. Denn eigentlich ist Japans Gesellschaft kaum religiös und zugleich der Wissenschaft sehr aufgeschlossenen. Doch der Aberglauben über solche "yuurei" ist dennoch stark genug, dass Spukwohnungen selbst auf dem angespannten Immobilienmarkt in Metropolen wie Tokio oder Osaka kaum nachgefragt werden. Der Komiker Tanishi Matsubara etwa hat in Interviews erklärt, dass er für eine 20-Quadratmeter-Wohnung im Zentrum von Osaka rund 460 Euro Monatsmiete zahlt. Für die ansonsten noch deutlich teurere Gegend ist das ein unschlagbar günstiger Preis. Der Vormieter von Matsubaras Wohnung war plötzlich auf der Toilette verstorben. Das genügte schon, um den Wert drastisch zu drücken.

"Unschöne Vorkommnisse"

Immerhin ist nicht selten bekannt, ob es sich um eine entsprechende Immobilie handelt. Seit rund 15 Jahren informiert etwa die Website Oshimaland darüber, wo es in Wohnungen oder Häusern unschöne Vorkommnisse gegeben haben soll. "Die Angaben sind nicht komplett", heißt es von offizieller Seite. Aber User können auf der Seite Informationen hinterlassen. Demnach ist etwa in einer Wohnung im Tokioter Stadtteil Shibuya am 25. Februar 2017 "eine Leiche gefunden" worden. Nicht weit davon in einer anderen Wohnung gibt es - mit Verweis auf ein anderes Maklerbüro - "einen Raum mit Hinweisen".

Insgesamt rund 50.000 Objekte sind dort auf einer interaktiven Karte vermerkt. In Japan müssen Wohnungseigentümer über entsprechende Vorfälle informieren, sobald sie gefragt werden. Dabei listetet das im ostasiatischen Land allseits bekannte Portal Oshimaland mittlerweile auch Wohnungen im Ausland, von Südkorea und China über die USA bis nach Deutschland. Dort findet man zum Beispiel auch, dass sich in einer Wohnung am Johannes-Brahms-Platz in Hamburg ein japanischer Mann aus dem Fenster gestürzt habe, nachdem er von einer Arbeitskollegin gemobbt worden sei.

Dabei ist eine "jiko bukken"-Immobilie offiziell nicht auf ungewöhnliche Todesfälle beschränkt. Auch Wohnungen, die in der Nähe von Friedhöfen, Krematorien oder verbrecherischen Organisationen liegen, werden im Preis reduziert. Die Abschläge beginnen bei einem Zehntel, können aber je nach Schwere des Makels auch 50 Prozent erreichen. Suizid und Mord gelten als besonders gravierend. Denn solche Schicksale sollen die "yuurei" in eine besonders qualvolle und spukhafte Stimmung versetzen. Doch gerade in Krisenzeiten erfreuen sich ebendiese Wohnungen - jene mit Mord- oder Suizidhistorie eingeschlossen - verstärkter Beliebtheit.

Im Zuge der Pandemie wurde in japanischen Medien häufiger berichtet, dass die Berührungsängste mit solchen Objekten nun abnehmen. Schließlich mangelt es vielen Menschen seither an Kaufkraft für teurere Wohnungen. Dass die Problematik einer "jiko bukken"-Immobilie allmählich weniger nachzulassen scheint, dürfte aber auch damit zusammenhängen, dass ihre Zahl ohnehin jährlich steigt. In Japans alternder Bevölkerung nehmen seit Jahren die Sterbezahlen zu.

Spuk nach Corona?

Eine Ausnahme war das Jahr 2020, als im Zuge der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie weniger Menschen starben, da diese vermehrt zuhause blieben und so auch seltener krank wurden. Allerdings hat auch das vergleichsweise nur leicht getroffene Japan schon an die 8.000 coronabedingte Todesfälle zu beklagen. Ob die Wohnungen solcher Personen bald auch als Spukimmobilien gelten, ist noch nicht bekannt. Zumindest ist die japanische Literatur- und Sagengeschichte auch an Epidemien nicht arm. Die folkloristische Grundlage für entsprechenden Aberglauben wäre wohl vorhanden.