Die Inuit, die "Eskimo" zu nennen die politische Korrektheit verbietet, hätten - Moment, wie viele Wörter für "Schnee" waren das doch gleich? Dreißig? Vierzig? Wer hat Peter Hoegs verunglückten Meteoritenurzeitwürmer-Thriller "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" oder dessen gleichermaßen verunglückte Verfilmung (Julia Ormond als Inuit-Frau... - es soll nur gesagt sein, so am Rand) noch gut genug im Gedächtnis?

Außerdem - einfach ausprobieren nach den Regeln der Inuitsprache: Schneeflocken, Schneeverwehung, Tiefschnee, Pulverschnee, Leichterschnee, Wässrigerschnee, Gefrorenerschnee und so weiter. Da braucht man kein Schneeexperte zu sein. Auf vierzig Schneearten kommt auch ein Tiroler und ein Vorarlberger, wenn er die Beschreibung des Schnees auf Inuit-Weise mit dem Wort Schnee zusammenzieht.

Und überhaupt stimmt’s nicht.

An der Sache mit den zig Schneewörtern der Inuit ist nicht so arg viel dran. Wer das aus kundiger Feder erfahren will, greife zum Buch "Die seltsamsten Sprachen der Welt" von Harald Haarmann. Menschenskind, was der deutsche Sprachwissenschafter da alles zusammengetragen hat! Und schreiben kann er! Das ist so amüsant wie informativ (oder umgekehrt), und wer sich vorher nicht für Sprachen interessiert und dennoch zu dem Buch greift, allein schon wegen des hohen Unterhaltungswertes, der interessiert sich nachher für Sprachen. Garantie darauf!

Pardon, die kleine Abschweifung musste aus Gründen der Begeisterung sein, solch ein Buch kriegt man wahrlich nicht jeden Tag vor die Augen.

Aber weiter mit den x Wörtern für Schnee: Das Volk, das sie tatsächlich hat, sind die Samen, die man aus sehr guten Gründen nicht mehr "Lappen" nennt, denn das könnte nun, obwohl etymologisch ungesichert, wirklich eine Spottbezeichnung sein und eine Eigenschaft beschreiben, die der des deutschen Lehnworts "läppisch" entspricht. Im Prinzip ist es ganz einfach: Die Inuit leben in Gebieten, die stark vereist sind, ergo beschreiben sie sehr genau die Beschaffenheit von Eis. Die Samen hingegen leben in Gebieten mit viel Schnee, daher beschreiben sie wortreich dessen Eigenschaften.

Bitterer Beigeschmack

Haarmann geht es um die Sprache. Aber die schneeige Angelegenheit hat einen bitteren Beigeschmack, den man auf den ersten Blick nicht merkt. Wie sagte Helmut Qualtingers Travnicek über die Samen (die er natürlich "Lappen" nannte, zeitimmanent, aber er würde es wohl auch heute noch machen, der Herr Travnicek)? - "G’scherte im Pelz". Völlig egal, welche Völker es sind, da oben im Norden, alle gleich, ihre Eigenarten sind den Zentraleuropäern egal, Samen, Inuit, Ewenken, Korjaken, Tschuktschen - alles das gleiche, alles dasselbe gar. Schon was von Itelmenen und Jukagiren gehört? Eben! Tofalarisch müsste man sprechen können... (Vielleicht eine interessante Aufgabe für den nächsten Lockdown: Orokisch lernen.)

Deshalb sind solche Bücher über Sprachen etwas Großartiges. Nicht nur, weil man über Sprachen an sich etwas erfährt, sondern, weil die Sprache die Basis jeder Kultur ist. Man denkt in Sprachen. Selbst ein Mathematiker denkt in Wörtern, denn wenn er zwei-und-drei addiert und dann eine Quadratwurzel aus siebenundneunzig-komma-vierundsiebzig zieht, so sind das Wörter: zwei, drei, siebenundneunzig-komma-vierundsiebzig. Geschrieben in Ziffern, geschenkt, aber gedacht und gesagt in Sprache.

Apropos Mathematik, apropos Kultur: Wie käme man sich als Österreicher vor, wenn man zwar Deutsch spräche (halt Österreichisches Deutsch), aber zählen würde: odín - dva - tri - chetyre (sprich: tschityrie) - pyat’ und so weiter, weil nach 1945 russische Besatzungstruppen im Land waren? Absurd? Die Filipinos machen es, nur nicht mit Russisch, sondern mit Spanisch. Obwohl ihr eigenes Tagalog durchaus Zahlwörter kennt, hat sich eingebürgert, in Spanisch zu zählen, weniger, weil die Spanier die Inseln 1544 in Besitz nahmen (die Unabhängigkeit kam, nach einem 45 Jahre dauernden US-Intermezzo, erst 1946), sondern weil die Spanier auf den Inseln Handelsstützpunkte hatten. Handel hat nun einmal mit Zahlen zu tun - daher kam’s. Und ward nimmer aufgegeben.

Jede Sprache stößt an ihre Grenzen - nicht bei Zahlen, sondern bei Natur- und Tierlauten. Da versagen die Wörter und die Nachahmung beginnt. Allmählich standardisiert sie sich. Daher platscht der Stein ins Wasser, obwohl er subjektiv vielleicht eher tschitscht. "Tschitschen" ist eine Worterfindung? Ja, sowieso - und "platschen" vielleicht nicht (nur halt eine etwas ältere Kreation)?

Wie macht der Hahn? - Kikeriki. Und Kukko, der Finne? - "Kukkokiekkuu". (Nicht einmal das Geflügel kann von den typisch finnischen Buchstabenverdoppelungen lassen!) Was hingegen Mr. Cock eingefallen ist, "cock’a’doodl’doo" zu schreien, könnte wohl nicht einmal ein William Shakespeare erklären. Vielleicht hat den Laut ein Londoner erfunden, der Hähnen bestenfalls im Zusammenspiel mit Pfefferminzsoße begegnet ist. Monsieur Coqs cocorico hingegen kann man verstehen, ohne viel Französisch gelernt zu haben.

100 verschiedene Ichs

Oh, diese wunderbare Welt der Sprachen und ihrer Absonderlichkeiten! 40 Arten, den Schnee zu beschreiben (die Samen machen’s, nicht die Inuit, wie gesagt)? - 100 Arten, "ich" zu sagen! Eine Studie über das Selbstbild der Khmer könnte interessante Ergebnisse zeitigen. Im Sumerischen sprachen die Frauen Emesal, die Sprache der Göttinnen, die sich vom normalen Sprachgebrauch wesentlich unterschied. Und die Rongorongo-Schrift der Osterinsel lässt sich bis heute nicht vollständig entschlüsseln - da hilft nicht einmal eine computergestützte Analyse.

Und was ist das erst für eine irre Sprache, die gleich acht zungenbrecherische Konsonanten aneinanderreiht zu "chtsschm"?

Deutsch. Das ganze Wort wird im Dezember aktuell. Es lautet: Weihnachtsschmuck.