Und jetzt heraus mit einem Bleistift! So, da ist er, Härtegrad HB, unlackiert, frisch gespitzt. Und jetzt will er hofiert werden, nicht, wahr? Weil heute der Tag des Bleistifts ist.

Nichts da! - Beschimpft wird er. Weil er ein Lügner ist. Ein Schwindler. Ein Hochstapler. Einer, der unter falschem Namen reist.

So einer gehört ausradiert!

"Bleistift" nennt er sich, abgekürzt nennt ihn jeder den Blei. Aber wo, bitteschön, ist das Blei vom Blei?

Seit dem 18. Jahrhundert ist von dem giftigen Schwermetall in Zusammenhang mit dem Schreibgerät keine Rede mehr. Eine Graphitmine wird verwendet, damals wie heute, nur dass seit 1839 dem Graphit Ton beigemischt wird. Dadurch lassen sich die unterschiedlichen Härtegrade erzeugen.

Der Seefahrtsgehilfe

Vorher waren es wirklich Bleispitzen. Blei nämlich färbt dunkelgrau bis schwarz ab. Und nicht nur das: Graphit wurde für Bleierz gehalten - ein Irrtum, dafür ist die Bezeichnung mit dem Schreiben verbunden, das auf Griechisch "graphein" heißt. Bezeichnungsmäßig hat der Bleistift freilich ein wenig was vom Walfisch und von der Alternativmedizin: Es ist nicht das drin, was das Wort aussagt.

Dass ein Bleistift freilich leichter einzustecken ist als ein Walfisch und insgesamt, wenn man die unterschiedlichen Verwendungszwecke berücksichtigt, hilfreicher ist als Globuli, kann niemand bestreiten.

Ja, soll er halt unter falschem Namen auftreten, aber versöhnen wir uns mit ihm. Möglicherweise sähe die Geschichte der Welt anders aus ohne Bleistift.

Allein schon wegen der Seefahrt.

Zurück zu Segelschiffzeiten. Da war es verdammt feucht auf den Schiffen, und zwar auch in den Innenräumen. Trocken waren sie nur bei leichter Schönwetterbrise. Und auch das nur mit etwas Glück. Mit welchem Schreibgerät also hätte der Kapitän seine Eintragungen ins Logbuch machen, mit welchem Schreibgerät den Kurs auf der Seekarte festsetzen sollen? Tinte zerläuft. Das ergäbe abstrakte Kunstwerke, aber keinen konkreten Kurs. Weiß der Himmel, wo Kapitän James Cook ohne Bleistift gelandet wäre! Am Ende hätte er den Nordpol für Australien gehalten.

Also Griffel und altrömische Wachstafel? - Das ist doch eher unhandlich. Was bleibt? Rötel wäre eine Alternative gewesen. Aber mit der blassroten Farbe mögen Maler für Skizzen und Zeichnungen glücklich werden: Für exakte Linien mit dem Lineal, wie sie der Seefahrer braucht, waren die splitternden und abblätternden Brocken ungeeignet.

Also ist der Bleistift das Schreibgerät des Seefahrers.

Und weil man Bleistift ausradieren und damit Logbuch-Eintragungen zurechtrücken könnte ("fälschen" ist so ein böses Wort), hat sich unter Seeleuten eingebürgert, dass in Logbüchern nie und nimmer radiert werden darf. Unter keinen Umständen. Nicht einmal dann, wenn der Skipper den Dienstag irrtümlich "Dinstag" geschrieben haben sollte.

Andere haben sich gerade wegen der Möglichkeit des Ausradierens des Bleistifts bedient. Komponisten beispielsweise. Wie schnell unterläuft da ein kleiner Fehler, das angepeilte C rutscht ein wenig nach oben, wird D - und der ganze Wohlklang wäre die reine Kakophonie (oder noch schlimmer: Einem Zwölftonkomponisten unterliefe beim elften Ton eine Tonwiederholung!), würde nicht der Radiergummi Harmonie (oder Zwölftongesetz) retten. Gleich in Tinte schreiben - das konnte ein Wolfgang Amadeus Mozart, der ja alles im Kopf fertigkomponierte, und auch Dmitri Schostakowitsch, der es von seinen Schülern verlangte: "Zuerst Nachdenken, dann hinschreiben." Mit leicht korrigierbarem Bleistift zu schreiben, würde zum Ausprobieren verführen, meinte Schostakowitsch.

Ein Hauch von Altersblässe

Dabei ging es dem russischen Komponistengenie ausschließlich um den Kompositionsprozess (welche Verachtung brächte er wohl den PC-Notationssystemen entgegen, die nicht einmal mehr die Handschrift des Komponisten abbilden?), nicht um den einzigen Nachteil des Bleistifts. Der besteht darin, dass Bleistiftgeschriebenes mit der Zeit verblasst.

Komponisten, die ihrer Ewigkeitsbedeutung gewiss waren, ließen daher alles, was sie in Bleistift geschrieben und für gültig befunden hatten, mit Tinte nachziehen. Beethoven etwa wies Kopisten an: "mit Dinte ausmahlen", während Richard Wagner diese Aufgabe seiner Frau Cosima überantwortete. Sie gerierte sich als wahre Dienerin des Meisters und zog hunderte von Seiten an Bleistiftskizzen mit Tinte nach.

Benjamin Britten, allem Missklang abhold, schrieb alle seine Partituren mit Bleistift. Er bevorzugte einen mit einem Radiergummi an einem Ende. Da brauchte er den Stift nicht weglegen, wenn er (selten genug) korrigierte. Genau dieser Britten-Blei ist es, an dem der heutige Tag des Bleistifts festgemacht ist: Am 30. März 1858 erhielt der US-Amerikaner Hymen L. Lipman das erste US-Patent für einen Bleistift mit einem am Ende befestigten Radiergummi.

Der Bleistift ist das Wunderwerkzeug der Kreativen: Er ist immer zur Hand, bedarf keiner Schutzkappe, er trocknet nicht ein, er kleckert und spritzt nicht, und verwischen kann man ihn nur mit Absicht, etwa, wenn man, um Konturen wie in Nebel zu tauchen, mit dem Daumen über die Bleistiftlinien reibt.

Die Fangemeinde

Kein Wunder, dass mancher ein richtiger Bleistift-Fan war. Der Literaturnobelpreisträger John Steinbeck etwa hatte täglich an die 60 Bleistifte griffbereit liegen. Für seinen Roman "Jenseits von Eden" soll er 300 bis zum Stummel abgeschrieben haben. Ohne Bleistift wäre Joseph Beuys nicht Joseph Beuys. Johann Wolfgang von Goethe und Karl Lagerfeld waren ebenso Bleistiftianer wie Vincent van Gogh. Der niederländische Maler schwärmte ganz besonders von den Erzeugnissen des Hauses Faber wegen ihres tiefen Schwarz.

Lothar von Faber (1817-1896) war als 22-Jähriger in die elterliche Fabrik in Stein bei Nürnberg eingestiegen. Er war es, der 1839 das Verfahren entwickelte, die Härte der Minen durch Ton-Beimischungen zu variieren. Damit eroberte der Jungunternehmer seiner Firma weltweite Bedeutung: In Franken verband sich der sibirische Graphit mit dem Zedernholz aus Florida zur Freude von Malern, Schriftstellern, Komponisten und, nicht zu vergessen, Kapitänen.

Der Bleistift - ein Menschheitswerkzeug wie Faustkeil, Löffel und Rad. Das Schreibgerät zum Notieren des Einkaufszettels, des Romans, der Symphonie, der Oper. Was wäre die Welt ohne ihn?

Lassen wir’s die Beschimpfung sein. Feiern wir ihn: Heraus mit dem Bleistift. Und jetzt geht’s frisch ans Schreiben!