Ein Gespenst geht um in Europa und der Welt. So würden angesehene deutsche Leitartikler einen Text über Woke und Idpol beginnen. Über was? Woke, was ist das, fragen Sie? Idpol? Ist das eine neue Dienststelle bei Europol? Müssen Sie das wissen? Wollen Sie das überhaupt wissen? Oder eh nicht? Weiterblättern, hier gibt es nichts zu lesen!

Ja, eigentlich ein Gänseblümchen-Thema. Denn Woke und Idpol sind zurzeit nur akademische Phänomene; Wichtigtuereien einer Promillewelt, die mit "The Real Stuff", den wir beide, Sie und ich, jeden Tag erleben, nichts zu tun hat. Noch nicht.

Denn ein Gespenst geht um in Europa und der Welt: Das Gespenst, dass ein Promilleanteil vermeintlicher Linker durch Schreien, Keifen und Denunzieren, und mit einem Internet-Gerichtshof, dafür sorgt, dass sein One-Step-Beyond-Ziel, sein irres Bisschen mehr vom Guten, Allgemeingültigkeit erhält und die Gesellschaft nachhaltig verändert. Früher wurde die Kulturrevolution von Chairman Mao ausgerufen, heute diktiert eine Gemeinschaft von echten und gefühlten Opfern, wer die Täter sind. Und frei nach Brechts Seeräuber-Jenny gilt beim Töten das Motto: Alle! Zuerst die alten weißen Männer, dann alle Männer, dann all jene, die nicht auf Spur gebracht werden wollen, danach Personen aus dem einfachen Volk – die zur Abschreckung. Unschuldige? Gibt es keine! Niemand, außer den Opfern, ist frei von Schuld.

Warum hält diesen Irrsinn keine und keiner auf? Weil Argumentieren heute als mega-ultra-weißerMann-aggressiv gilt. Und weil Brüllen zählt. Und kein Diskurs. Das Niederbrüllen sind jenen Leuten die Kanonen von Valmy.

Ah, ganz vergessen: Sie hatten ja eine Frage. Zwei Fragen sogar! Was ist Woke? Woke kommt von "Stay Woke", einem Begriff aus den späten Nullerjahren, der eine Aufforderung zu verstärkter Sensibilität in Sachen Rassismus und sozialer Ungerechtigkeit ist. Und was ist Idpol? Idpol ist die Abkürzung für linke Identitätspolitik, also für eine Politik, die sich stark für benachteiligte Menschen einsetzt, die in unserer Gesellschaft größere oder kleinere Minderheiten darstellen. Menschen anderer Hautfarbe und Religion etwa. Homosexuelle Menschen auch. Oder Transgender-Menschen.

Die lauteren Organe

Wie bitte? Noch eine Frage? Ja sind denn Woke und Idpol dann nicht Begriffe für eine gute Sache, fragen Sie? Äh, klar, eigentlich schon. Für eine richtig gute Sache sogar. Nur leider ist der Zug der guten Sache an der Weiche zwischen Diskurs und Diktat entgleist und fährt jetzt ohne Schienen in die City - Richtung einstürzender Altbauten.

Was jetzt? Noch eine Frage? Das ist aber hoffentlich die letzte? Ich muss ja am Text weiterschreiben. Sie fragen, ob denn die Identitären, dieser rechtsextreme Spuk, nicht auch zu dieser Bewegung zu rechnen sind? Natürlich nicht! Denn diesen Identitätssuchern geht es ja um völkische Identität. Und nicht um die -zigste Internationale der Entrechteten, obwohl sie sich selbst als Internationale der Entrechteten erkennen. Sie ahnen: Es ist gerade nicht so leicht zu sagen, was heute noch links oder rechts ist. Klar aber: Die, die jetzt gerade glauben, sie seien links, die haben die lauteren Organe.

Eine Opferbewegung also, die sich gegen Täter stellt, die sich erhebt, die ihre Rechte fordert, deren Selbstermächtigung auch politische Macht generieren soll. Opfer, das sind heute, wie erst neulich groß zu lesen war, auch Schauspielerinnen und Schauspieler, die einmal, in der Pubertät, mit einem gleichgeschlechtlichen Menschen einen Zungenkuss getauscht haben und sich seither als bisexuell, also als anders und besonders begreifen; auch Schauspieler und Schauspielerinnen, die man vielleicht nicht mehr so oft auf der Bühne oder vor der Kamera sieht wie früher, weil sie dem grausamen Gesetz der Schauspielerei unterworfen sind, ganz schnell einmal aussortiert zu werden. Auch für diese Aussortierten, aber Besonderen haben die von Woke und Idpol ein Ohr. Ein ganz besonders offenes sogar, weil Prominenz ja immer die Lok des Expresszugs heizt. Was jetzt? Das ist Ihnen zu polemisch? O.k., dann Schluss jetzt mit Sarkasmus.

Arschloch oder Mensch?

Stellen Sie sich vor, hierzulande eine Schwarze oder ein Schwarzer zu sein. Stellen Sie sich vor, eine Muslima mit Kopftuch zu sein - was sie vom Islam halten, spielt dabei keine Rolle. Oder stellen Sie sich, der Mann hier, vor, eine Frau zu sein, also gesellschaftlich die Mehrheit zu verkörpern. Dann wissen Sie, dass Diskriminierung nicht abgeschafft, sondern Alltag ist. Denn diese Menschen, die Mehrheit der Menschen, erfahren Verächtlichmachung und Benachteiligung 365 Tage im Jahr. Und das satt!

Und wenn Sie ein Mensch sind und kein Arschloch, dann müssen Sie Woke und Idpol recht geben, zur richtigen Zeit die richtig relevanten Themen in den Mittelpunkt gerückt zu haben. Denn um in allen Gesellschaften für Gerechtigkeit und Ausgleich zu sorgen, müssen auch jene an die Futtertröge von Politik, Wirtschaft und Kultur, die man dort über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte ignoriert und hintangestellt hat. Erst dann ist genug Luft für alle zum Atmen da; erst dann herrscht echte Freiheit. Und ganz klar auch: Es sind vor allem ältere und alte Männer, die jene Machtpositionen besitzen, andere zu Macht aufzurufen, anderen Macht zuzuteilen.

Und natürlich gibt es Männer, linke und liberale Männer, die sich seit 1968 stark für alle Entrechteten einsetzen, die Frauen ermächtigen, mächtig zu werden und mächtig zu sein, die jene Ungerechtigkeiten beseitigen wollen, an welchen sie selber leiden. Doch werden diese linken und liberalen Männer zu kümmerlichen Jammerlappen, wenn sie nicht begreifen, dass auch sie dran glauben müssen; wenn sie nicht erkennen, dass man ihnen kein Denkmal bauen wird. Der absolut notwendige Machtwechsel ist mit Woke und Idpol vermehrt in die Gänge gekommen. Und bei Machtwechseln sagen neue Machthaber selten danke, sondern "Danke für Nichts". Das mag in nicht wenig Fällen ungerecht sein. Das ist aber immer richtig so.

Alter, weißer Mann

Also doch ein "Halt’s Maul, alter, weißer Mann"? Ja! Ganz sicher sogar! Halt’s Maul und geh’. Und klammere dich nicht an deine Position, die du vielleicht einem demokratischen Prozess verdankst, der aber ohne Teilhabe aller stattfand.

Wieso starren Sie mich jetzt so ungläubig an? Weil ich Ihrer Meinung nach gerade eine 180-Grad-Kehrtwende vollzogen habe? Warum dann überhaupt Gegner von Woke und Idpol sein?

Gegner der Ziele dieser Bewegung kann man nicht sein. Vor allem als Linker nicht, denn diese Ziele sind erkannt linke Ziele - selbst in einer Zeit, wo man nicht mehr genau sagen kann, was noch links oder rechts ist. Man muss Woke und Idpol als Notwendigkeit begrüßen. Man kann und muss aber die Jakobiner bekämpfen, die Woke und Idpol gekapert haben, die mit ihrer Idee von Befreiung eine neue Justiz etablieren wollen, die das Recht zu Unrecht beugen will. Man kann und muss sich diesen vermeintlichen Linken, meist spätpubertierende Bürgerkinder, die keine drei Kernsätze vom Marx intus haben, entgegenstellen, weil sie glauben, mit Terror schneller zum Ziel zu kommen. Das haben sie von den Bolschewiki gelernt. Die Mehrheit der Linken aber waren und sind immer Menschewiki.

Auch Revolutionen unterliegen der Evolution der Maßnahmen. Diese Evolution verlangt, dass man altes Unrecht nicht mit neuem Unrecht ausgleicht. Es ist also an der Zeit, dass sich nicht nur rechte und rechtsliberale Personenschaften den Woke-Idpol-Jakobiner-Terrorhorden wehrhaft entgegenstellen, sondern, dass Linke und Linksliberale im Mitteilungsheft dieser Revolution aus dem Kapitel Gerechtigkeit den Absatz der Segmentierung streichen und dort anstelle einen Absatz der Menschlichkeit schreiben. Und den sich links wähnenden, auf ihr reiches Leben wütenden Bürgerkindern sagen, was diese den alten, weißen Männer sagen: "Verpisst euch!" Noch Fragen?