Fuhr man früher mit der Bahn, zahlte jeder und jede den gleichen, fixen Preis. Wie dynamisch diese Preisgestaltung heute ist, weiß, wer schon einmal online ein Ticket gekauft hat: Die Tarife ändern sich oft im Minutentakt. Preislich gesehen sind Bahnfahrer und noch viel mehr Flugzeugflieger damit eine regelrechte "Unsolidar-Gemeinschaft", wie Richard David Precht es nennt. Das hat Konsequenzen für andere Bereiche: "Wir verschwenden immer mehr Lebenszeit damit, über Preise nachzudenken und Tarife zu vergleichen, um auf Kosten anderer zu profitieren", analysiert der Philosoph diesen omnipräsenten Mikrowettbewerb in seinem neuen Buch "Von der Pflicht". Mehr noch: Wir sind "häufig genug sogar stolz darauf".

Diese Ungleichheit ist einer der Grundpfeiler unserer Gesellschaft geworden - als unschöne Erkenntnis freilich mit hübschen Beinamen geschmückt. Absolute Individualität ist einer davon, passgenaue Lebensgestaltung inklusive. Oder auch der freie Markt, der scheinbar allen mit unendlichen Möglichkeiten und tiefen Preisen gleich offen steht und doch vor allem einen Wettbewerb um den größten eigenen Vorteil evoziert.

Von der Leistungs- zur Vorteilsgesellschaft

Was diese Argumente verbindet? Sie setzen als gesellschaftliches Modell auf geschickte Einzelkämpfer statt auf eine solidarische Gemeinschaft. Das Problem dabei: "Die Vorteilsgesellschaft verhöhnt zentrale Werte des Bürgertums, wie Treue, Fairness und Verlässlichkeit"; "Ganoventugenden werden belohnt, Konstanz und Treue bestraft." Das verändert nicht nur unser Konsumverhalten, folgert Precht, sondern auch unsere Einstellung der Gemeinschaft gegenüber - und damit zum Staat. Der deutsche Philosoph hat die Corona-Krise zum Anlass genommen, um sich über das Verhältnis der Bürgerinnen und Bürger zum Staat Gedanken zu machen und die Rechte und Pflichten zu verhandeln, die sie einander garantieren - und auch auferlegen. Eine nüchterne philosophische Analyse ist es nicht geworden, das 176 Seite umfassende Bändchen.

Richard David Precht: "Die Vorteilsgesellschaft verhöhnt zentrale Werte des Bürgertums, wie Treue, Fairness und Verlässlichkeit." - © Randomhouse/Amanda Dahms
Richard David Precht: "Die Vorteilsgesellschaft verhöhnt zentrale Werte des Bürgertums, wie Treue, Fairness und Verlässlichkeit." - © Randomhouse/Amanda Dahms

Precht macht klar, wo er steht: definitiv nicht in den Reihen von Corona-Demonstranten und Masken-Verweigerern. Precht geht leidenschaftlich in Opposition zu ihnen, indem er die Mechanismen zu verstehen sucht, die diese seltsame Allianz gegen staatliche Maßnahmen aus allen Schichten und politischen Lagern schmiedet, und sich der Geschichte von Staat und Gemeinschaft widmet.

Das Verhältnis des Staates zu seinen Bürgerinnen und Bürgern ist ein lebendiges, so Prechts Ausgangslage, es verändert sich mit dem gesellschaftlichen Wandel. Die vorherrschende Entwicklung sieht den Staat vor allem in seiner Vorsorge- und Fürsorgepflicht, die Bürger hingegen zunehmend nur noch im Recht darauf - als Kunden: "Man beginnt, den Staat als Dienstleister zu sehen. Und sich selbst als Kunden oder Konsumenten, der stets eines will: für sich selbst das Beste. Tut der Staat nicht das, was ich von ihm erwarte, kündige ich meinen inneren Vertrag mit ihm und entpflichte mich vom Gemeinwohl." Um Solidarität oder Staatsbürgerpflicht geht es dabei längst nicht mehr. Das führt, weitergedacht, in den Zerfall jedes Gemeinschaftgedankens und damit zu einem Bröckeln staatlicher Strukturen.

Die Pflicht, in der wir für andere stehen, gerade aufgrund der Rechte, die wir teilen, steht im Fokus von Prechts Überlegungen, dieses Pflichtgefühl füreinander wieder zu stärken, ist sein erklärtes Ziel. Denn damit Staaten funktionieren, ist es nötig, dass "nicht jeder seine Rechte nach Belieben interpretiert und seine Pflichten darüber vernachlässigt." Precht liefert zum Schluss seines anregenden Buches auch eine konkrete Idee, um "der sozialen Fliehkraft kapitalistischer Wirtschaft" etwas entgegenzustellen: Er plädiert für zwei Pflichtjahre im sozialen Dienst, einmal vor Eintritt in und einmal vor Ausscheiden aus dem Berufsleben. Über die "Erfahrung der Selbstwirksamkeit" dienten diese Pflichtjahre "dem sozialen Frieden, der Sinnstiftung, der Entlastung bei Sozialausgaben und dem Verständnis der Generationen für einander". Zweifelsfrei ein gewinnend schöner Gedanke, der seine Realität erst finden muss.

Neue Europäische Grundrechte

Mit der Analyse der aktuellen Situation hält sich Ferdinand von Schirach nicht auf. Es muss etwas getan werden, diese Einsicht steht zu Beginn seines nur 32-seitigen Bändchens "Jeder Mensch" schon fest. Auch dem Autor geht es darum, die Solidargemeinschaft zu stärken: Wie können wir den Herausforderungen unserer Zeit begegnen? Wie organisieren wir unsere Gesellschaft besser? Das sind seine zentralen Fragen.

Autor Ferdinand von Schirach, hier als Festredner der Salzburger Festspiele, setzt sich für zeitgemäße neue Grundrechte der EU ein. - © apa/Neumayr
Autor Ferdinand von Schirach, hier als Festredner der Salzburger Festspiele, setzt sich für zeitgemäße neue Grundrechte der EU ein. - © apa/Neumayr

Von Schirach zeichnet in "Jeder Mensch" einen möglichen Weg vor. Es braucht, so seine These, eine zeitgemäße Neuformulierung gemeinsamer Grundrechte in der EU - mit dem Gewicht der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten 1776 oder der Erklärung der Menschenrechte von 1789. Genauso utopisch und visionär gedacht, wie diese beiden Papiere zu ihrer Zeit waren, jedoch angepasst an die aktuellen Herausforderungen von Digitalisierung und Globalisierung. Es sind sechs einfache Rechte, die von Schirach formuliert: digitale Selbstbestimmung, das Recht auf eine intakte Umwelt, menschenwürdige und transparente Spielregeln für globale Warenproduktion, das Recht auf Wahrheit, auf Transparenz - sowie die Klagbarkeit der Nichteinhaltung dieser Gesetze. Die entsprechende Petition hat online bereits knapp 80.000 Unterstützer.

Die US-Unabhängigkeitserklärung und auch die Menschenrechte waren zum Zeitpunkt ihrer Formulierung im 18. Jahrhundert deutlich mehr Utopie als Beschreibung einer gesellschaftlichen Wirklichkeit. Auch die aktuellen Herausforderungen werden sich nur mit einem ähnlich visionär wünschenden Blick in eine lebenswerte Zukunft angehen lassen.