Ein Menschenfreund war Rudolf Burger, der Philosoph, wahrlich nicht. Diesem Homo sapiens ist nicht zu trauen, und jeder Blick in die Geschichte bestärkte ihn in dieser Überzeugung. Dass sich dies je ändern könnte, bezweifelte er. An ethischen Fortschritt durch Bildung glaubte er nicht wirklich. Und trotz seiner messerscharfen, den menschlichen Stolz und Ehrgeiz oft verletzenden Analysen und Zeitdiagnosen war er im persönlichen Umgang von ausgesuchter Freundlichkeit, Zuvorkommenheit und Zurückhaltung.

Seine Stärke war seine kühle Distanz; höheren Mächten jeder Art stand der 1938 in Wien geborene promovierte Physiker, der sich in Wissenschaftssoziologie habilitierte und schließlich zum Vorstand der Lehrkanzel für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst in Wien übernahm, am Ende mit unverhohlener Skepsis gegenüber. Dabei machte er zwischen weltlichen und religiösen Ideologien keinen großen Unterschied. Vertrauen in die Spezies Mensch war nicht seine Sache: Er traute den Menschen alles zu, und das immer.

"Zynismus ist eine Qualität"

"Zynismus kann durchaus eine wunderbare Erkenntnismethode sein. In Situationen moralischer Nötigung ist Zynismus durchaus eine sittliche Qualität." Das war einer seiner Lieblingssätze. Und über den Islamismus sagte Burger, der sich nicht ohne Ironie gern als katholisch sozialisierten Atheisten bezeichnete, in einem Interview mit dieser Zeitung: "Ich habe keine Angst vor dem Islamismus oder vor einem Anschlag militanter Gruppen. Ich fürchte den gemäßigten Islam, weil er sich in unsere laizistischen Sitten und den säkularen Staat einschleicht."

Für Burger bestand "die Leistung der modernen, bürgerlich-liberalen Gesellschaft in der Monopolisierung des Politischen im Staat und in der gleichzeitigen Entpolitisierung der Gesellschaft". Wer ihm mit der Kraft und Bedeutung der "Zivilgesellschaft" kam, dem antwortete er mit dem Hinweis, dass die islamistischen Terrororganisationen wie Hamas oder Al Kaida auch eine Form von lokaler Zivilgesellschaft seien.

Dass er, der unter der SPÖ-Ministerin Hertha Firnberg Karriere im Wissenschaftsministerium machte, selbst einmal als Linker galt, war spätestens im Jahr 2000 vergessen, als er die Demonstrationen gegen die erste schwarz-blaue Bundesregierung in einem Aufsatz als "antifaschistischen Karneval" bezeichnete. Der Aufschrei war ohrenbetäubend. Dabei richteten sich seine Argumente gegen eine politische Instrumentalisierung der Vergangenheit gerade als Warnung an die Linke, weil er befürchtete, dass die reaktionäre Rechte in dieser Kunst am Ende das bessere Ende für sich haben werde. In seinen Augen ist die derzeit allgegenwärtige Fixierung auf die Opfer und Sünden der Vergangenheit ein gegen die Aufklärung gerichtetes Projekt. Kant und Co. sei es dagegen "um die Stärkung des Einzelnen gegenüber der Gruppe, gegenüber allen Gruppen" gegangen. "In ihrem Ursprung ist die Aufklärung also anti-religiös und anti-historisch."

Am 19. April ist der Philosoph und öffentliche Intellektuelle Rudolf Burger in Wien verstorben, er wurde 82 Jahre alt.