Wonach riecht Chanel N° 5? Auf Google wollen das gar nicht so wenige Leute wissen. Gibt man "Wonach riecht C" ein, erscheinen als Suchvorschläge erst einmal "Wonach riecht Chlor" und "Wonach riecht Crystal Meth", aber dann schon bald das berühmte Parfüm. Weiter hinten im Ranking stellt sich auch die Frage, wie Corona riecht. Das ist schwerer zu beantworten als die Frage nach dem Duft. Wobei. "Der Duft ist blumig-pudrig" ist die gängigste Antwort. Aber: Wie riecht "blumig-pudrig"? Google, ganz plötzlich auch per Du mit einem, wahrscheinlich weil man so viele depperte Fragen stellt, weiß auch hier Bescheid: "Pudrige Düfte kannst du dir als matt, pulverig, trocken und satt vorstellen. Es sind (im Gegensatz zu frischen Düften) besonders kräftige, lang anhaltende Parfums. Was viele pudrige Parfums gemeinsam haben: Der Duft nach hellem Moschus und Jasmin."

Na gut. Tatsache ist jedenfalls, dass Chanel N° 5 nach etwas riecht. Und als es vor 100 Jahren erstmals verkauft wurde, die damaligen Nasen einigermaßen überrumpelte. Denn Chanel N° 5 war so etwa wie ein Pionierparfum. Bereits um 1900 begannen Chemiker, künstliche Duftstoffe herzustellen. Vanillin konnte Naturvanille ersetzen, auch Veilchenduft und Moschus konnten bereits abgelöst werden. Da dachte sich Madame Coco: Warum nicht ein Bouquet gestalten?

Und so kam mit Chanel N° 5 das erste Parfum mit Aldehyd Duftstoffen, also synthetischen Duftstoffen auf den Markt. Noch im Fin de Siècle war es üblich, dass Parfums nach nur einer Blume rochen. Man kann sich die Sinnesexplosion heute kaum vorstellen, die dieses neue Gebräu, das gleich 31 Duftelemente enthielt, hervorrief. Das genaue Rezept ist eines der bestgehüteten Geheimnisse der Welt. Wikipedia listet trotzdem die einzelnen Noten akribisch auf, ein kleiner Auszug soll genügen: Jasmin, Rose, Maiglöckchen, Ylang-Ylang, Veilchen, Iris, Neroli, Tonkabohne, Vetiver, Sandelholz, Patchouli, Vanillin, Moschus, Eichenmoos und Zimtrinde.

Geheimnisvolle Fülle

Nichts davon kann man tatsächlich als eigenständigen Duft herausriechen. Die Menschen, die auf Google ratlos sind, sind das also nicht grundlos. Und das war Gabrielle Chanels volle Absicht. Das Geheimnisvolle ist schon Programm. Sie beauftragte Ernest
Beaux, einen Parfumeur, der für die russischen Zaren bereits mit Aldehyden gearbeitet hatte. Tatsächlich ist Chanel N° 5 eine Weiterführung des "Bouquet de Catherine", das Beaux für Zarin Katharina kreiert hatte. Und nicht etwa, wie mancher Gründungsmythos besagt, das Produkt eines übermotivierten Laborassistenten, der einfach alles, was da war, zusammengeleert hat. Nun, Unabsichtlichkeit würde auch so gar nicht zu Coco Chanel passen. Die Modeschöpferin musste freilich erst einen Sinneswandel durchmachen, denn in ihrem grundsätzlichen Rebellentum gegen alles bisher als weiblich-elegant Eingestufte hielt sie auch nicht viel von Parfums: "Frauen parfümieren sich nur, wenn sie schlechte Gerüche zu verbergen haben." Beaux freilich betraute sie nun mit der Mission eines Parfums "für Frauen, die wie Frauen riechen sollen, und nicht wie eine Rose". Der Ansatz war schon ein hochmoderner, er vermittelte nämlich eine Vielseitigkeit, die man Frauen damals nicht nur olfaktorisch nicht zugestehen wollte. Das Parfum war also auch ein wohldosiert zu versprühendes Statement für ein selbständiges Frausein.

Schnuppert man heute - jetzt geht es ja wieder - in einem Fachgeschäft an Chanel N° 5, sind es keine feministischen Revolutionen, die einem bei diesem eher madamigen, nicht übermäßig modernen Duft in den Sinn kommen. Dass seine Kreation in die Zeit des Kubismus, des Dadaismus und des Surrealismus fällt, woran ein Imagefilm des Luxuslabels dieser Tage erinnert, also eine Zeit, in der die Sinne von der Avantgarde ganz neu bespielt wurden, ist aber auch kein Zufall.

So wie auch der Flakon nicht zufällig so aussieht: Der diamantartige Verschluss erinnert in seiner Form an den Place Vendôme in Paris. Dort wohnte Coco Chanel im Ritz. Das Fläschchen selbst, zumindest in seiner ursprünglichen Form, hatte einen sehr persönlichen Hintergrund: Die Glasmanufaktur sollte es nach dem Vorbild eines Flakons, der Boy Capel gehört hatte, designen. Capel war Liebhaber der Modeikone, er verunglückte mit dem Auto - angeblich am Weg zu einem Weihnachtsstelldichein 1919 mit ihr. Die klare Erkennbarkeit der Flasche führte zu ihrer Warholisierung - sein Siebdruck von Chanel N° 5 brachte den Duft als erstes Parfum ins Museum of Modern Art. Die fast schon klinische Einfachheit des Äußeren, die im Widerspruch zum üppigen Inneren steht, soll wiederum von den Nonnen, bei denen Gabrielle Chanel aufgewachsen ist, inspiriert worden sein.

Weit entfernt von Nonnen wiederum war die berühmteste Fürsprecherin des Dufts, die Frau, die Aerosole zu Nachtwäsche adelte. Übrigens eine Vorstellung, die Coco Chanel auch schon ihrem Duftmischer als Leitbild mitgab: "Ich bin Schneiderin. Ich will ein Parfum, das wie ein Kleid ist." Marilyn Monroe interpretierte das Monroe-like, auf die Frage, was sie im Bett trage: "Nur ein paar Spritzer N° 5." Sie musste nicht einmal den Markennamen sagen, um ebendieser Marke einen der nachhaltigsten inoffiziellen Werbeslogans der Geschichte zu schenken.

Glückszahl 5

Apropos die Zahl 5. Was wurde eigentlich aus Chanel Nr. 1 bis 4, mag der eine oder andere arglos fragen. Nichts. Denn es gab sie gar nicht. Verschiedene Gründe werden für die Namenswahl überliefert, der pragmatischste ist der, dass von den Entwürfen, die
Beaux Chanel vorlegte, ihr der 5. am besten mundete. Oder sagt man da naste? Charmanter ist da schon der Bezug auf Coco Chanels Zahlenmystik. Die 5 war ihre liebste Zahl, ihre Glückszahl. Sie veranstaltete ihre Modeschauen am 5. Februar und am 5. August. Das Parfum mit dem Namen 5 hatte das ultimative Datum für eine Lancierung: den 5. 5. Man kann wohl getrost sagen, selbst wenn die 5 nicht schon vorher Chanels Glückszahl gewesen ist, dann konnte sie sie nachher als eine solche betrachten. Chanel N° 5 ist das erfolgreichste Produkt der Parfumindustrie.

Wie sehr nach Chanel N° 5 riecht nun die Welt? Interessanterweise riecht ausgerechnet Frankreich gar nicht so sehr danach. In den meistverkauften 30 Düften der Drogeriekette Sephora fand sich zuletzt nicht ein einziges Parfum des Mode- und Kosmetikhauses. Das zeigt, dass ein Duft manchmal gar nicht gerochen werden muss, um sich im Gespräch zu halten. Es reicht, ein Symbol für etwas zu sein. Und Chanel N° 5 hat ein reichhaltiges Identifikationspotenzial. Man kann es auftragen, weil man sich mondän fühlen will oder weil man sich nostalgisch fühlen will oder weil man sich zumindest irgendetwas von Chanel leisten will.

Das geht, weil das Parfum nach allem und gleichzeitig nach nichts riecht. Eine Freiheit der Wahl, die Coco Chanel den Frauen geschenkt hat. Auch wenn die sie heute eher dafür nützen, sich von Naomi Campbell beduften zu lassen. Riecht übrigens pudrig-süß.