Seite 75 stimmt froh, Seite 117 weniger, Seite 137 überrascht, und zwar positiv.

Erstaunliches Wahrzeichen einer faszinierenden Stadt: Der Stephansdom verbindet Wien mit Geschichte und Gegenwart. - © apa / Georg Hochmuth
Erstaunliches Wahrzeichen einer faszinierenden Stadt: Der Stephansdom verbindet Wien mit Geschichte und Gegenwart. - © apa / Georg Hochmuth

Auf Seite 75 geht Edgard Haider nicht in die Kaiserinnen-Falle: Ganz deutlich schreibt er über die österreichische Erzherzogin Maria Theresia, und dass die Kaiserwürde für das Haus Habsburg einen Augenblick lang verloren war. Weil eben Maria Theresia die Tochter eines Kaisers, die Frau eines Kaisers und die Mutter eines Kaisers war, ihr Lebtag lang aber nie selbst eine Kaiserin, höchstens, nach wienerischem Sprachgebrauch, eine Frau Kaiser. Passt.

Der Stephansdom ist nicht genug: Manchmal stehen auch Fiaker und imperialer Glanz für Wien. - © apa / Hans Klaus Techt
Der Stephansdom ist nicht genug: Manchmal stehen auch Fiaker und imperialer Glanz für Wien. - © apa / Hans Klaus Techt

Auf Seite 117 stellt sich eine Bewertungsfrage: Haider mag den Kaiser Franz Joseph nicht, das spürt man. Zwischen den Zeilen erahnt man den Grund: Der Kaiser hat die katholische Kirche gestärkt. Das ist für die Gegenwart ein Vergehen, das geahndet werden muss. Also doch wieder einmal Geschichtsschreibung aus linker Perspektive?

Desto mehr überrascht, wie sauber Haider ab Seite 137 mit dem Wiener Bürgermeister Karl Lueger verfährt, der derzeit zum Gottseibeiuns aufgeblasen wird, wobei man über seinem tatsächlich miesen Antisemitismus verschweigt, dass er es war, der am Beginn des modernen Wien stand. So liest man es auch bei Haider.

Die vielen Facetten der Stadt

Edgard Haider also unternimmt das Wagnis, noch eine Geschichte Wiens zu schreiben. Sie ist nahezu perfekt gelungen und vom Berliner Elsengold-Verlag als prächtiger Band mit faszinierendem Bildmaterial herausgebracht worden. Ob es freilich eine gute Idee war, Weiß auf Hellblau oder Dunkelrot zu drucken, oder einen schwarzen Text in einen unruhigen Schwarz-Weiß-Hintergrund laufen zu lassen, steht auf einem anderen Blatt. Eine neue Brille schafft da nur teilweise Abhilfe.

Haider, 1949 geborener Historiker und Ex-ORF-Redakteur, beginnt seine Geschichte Wiens bei den Römern und beendet sie 18 Kapitel später mit Wien seit 1990. Die Babenberger kommen ebenso zu Ehren, wie der Habsburger Albrecht V. zu berechtigten Unehren kommt wegen eines selbst für das Mittelalter beispiellosen Pogroms, die Wiener Geserah.

Haiders großes Verdienst ist, das ganze Wien zu erzählen, nicht nur die Geschichte von Herrschern und Beherrschten, sondern auch die von Künstlern und Baumeistern, von den Steinmetzen des Stephansdoms bis zu Arnold Schönberg und Alfred Hrdlicka. Sogar Hermann Bahr wird erwähnt - zu vorteilhaft zwar, aber was soll‘s? Solche Nuancen geben dem Buch Farbe.

Auch in der Zeit nach 1945 geht Haider mit dieser Breite, Redlichkeit und einem Talent für das Erzählen von Geschichte zu Werk. Die Ausländer-Frage handelt er so sauber ab wie die späte Aufarbeitung des Nationalsozialismus und die Nostalgie, der sich manch Wiener, unabhängig von seiner politischen Einstellung, hingibt.

Diese Lektüre sei vor allem (aber nicht nur) Wienern empfohlen, die einen frischen Blick auf eine großartige Stadt werfen wollen, die in Vergangenheit und Gegenwart ein Knotenpunkt der europäischen Politik, der Kultur- und Geistesgeschichte war und ist.

Nahezu eine Editionskatastrophe ist hingegen das Fehlen eines Personenregisters. Etwas Derartiges darf bei einem 32-Euro-Sachbuch nicht vorkommen.