Wien ist dabei, eine Lösung für das umstrittene Denkmal für den früheren Bürgermeister und bekennenden Antisemiten Karl Lueger (1844-1910) in der Innenstadt zu erarbeiten. Als ersten Schritt werden nun Fachleute aus verschiedenen Bereichen über mögliche Szenarien sprechen. Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) hat dazu für Freitag zu einem runden Tisch ins Rathaus geladen.

Spraydosen haben das Wiener Lueger-Denkmal mit Kainsmalen überzogen. - © apa / Herbert Pfarrhofer
Spraydosen haben das Wiener Lueger-Denkmal mit Kainsmalen überzogen. - © apa / Herbert Pfarrhofer

Das insgesamt 20 Meter hohe Denkmal mit einer vier Meter hohen Bronzefigur Luegers am Stubentor wurde 1926 errichtet und sorgt seit Jahren für Debatten. Inzwischen ist mehrmals das Wort "Schande" auf das Bauwerk gesprayt worden. "Seine" Straße hat der frühere Stadtchef übrigens bereits 2012 verloren, als der Lueger-Ring in Universitätsring umbenannt wurde.

Nicht zuletzt die Aktivistinnen und Aktivsten der #aufstehn-Kampagne machen sich seit geraumer Zeit für einen anderen Umgang mit dem Ort und seinem Erinnerungsbauwerk stark. Zuletzt wurde darauf gedrängt, die Statue vom jetzigen Ort zu entfernen.

Was letztendlich mit dem kontroversiellen Objekt geschieht, ist aber noch offen. Nun wird erstmals auf Einladung der Stadt darüber diskutiert. Rund 30 Personen werden sich dazu am Freitagnachmittag treffen, wobei hier noch keine Entscheidung über die Zukunft des Denkmals gefällt wird, wie im Vorfeld betont wurde.

Ambivalente Figur

"Seit einigen Monaten erleben wir weltweit eine intensive Debatte über Rassismus und Identitätspolitik. Die Black Lives Matter Bewegung hat auch in Wien dazu beigetragen, diese oftmals vergessene oder auch verdrängte gesellschaftspolitische Auseinandersetzung im öffentlichen Raum erneut zu entfachen", hielt die Kulturstadträtin in ihrer Einladung fest. Kein anderes Denkmal eigne sich für diese Auseinandersetzung so gut wie jenes von Karl Lueger - auf der einen Seite Bürgermeister, der wichtige kommunale Errungenschaften auf den Weg gebracht hat, auf der anderen Seite Vorreiter des politischen Antisemitismus.

"Diese Ambivalenz von Lueger und seines politischen Vermächtnisses ist jedoch am Denkmal nicht sichtbar, nicht ablesbar, nicht wahrnehmbar. Dies gilt es zu ändern, und zwar jetzt", stellte Kaup-Hasler fest. "Ich bin der festen Überzeugung, dass eine Meinungsfindung auf einer breit aufgestellten gesellschaftlichen Basis fußen muss, um in Zukunft tragfähig zu sein. Es braucht daher einen Brückenschlag zwischen Wissenschaft, Kunst, Politik, Verwaltung und Denkmalschutz. Nach zahlreichen Einzelgesprächen, unter anderem mit den Rektoren der Kunstuniversitäten, dem Bezirksvorsteher der Inneren Stadt und Vertretern der Jüdischen Hochschülerschaft, möchte ich nun zu einem gemeinsamen Gedankenaustausch einladen." Dabei solle über einen adäquaten Umgang mit dem Denkmal, über mögliche Formen von Kontextualisierung und über die Vermittlung im öffentlichen Raum gesprochen werden. (apa)