Eine Welle von Diskussionen schwappt über Europa, und ihre moralische Gischt vernebelt den Blick: Wie haben Länder mit ihrer Vergangenheit als Kolonialmacht umzugehen? Die Standpunkte reichen von einer folgenlosen Akzeptanz der Rolle über Forderungen nach Entschuldigungen bis hin zur Restitution von Artefakten und Reparationszahlungen.

Nur vermeintlich bequem kann sich Österreich zurücklehnen. Österreich war zwar keine Kolonialmacht im herkömmlichen Sinn, aber auch in diesem Fall bedarf es eines genaueren Blicks.

Österreichs Rolle als Kolonialmacht im engen Sinn des Wortes beschränkte sich kurzzeitig auf die Nikobaren, deren Insel Teressa nach Erzherzogin Maria Theresia benannt ist. Dass der k.u.k.-Staat an Kolonien weitestgehend desinteressiert war, hatte mehrere Ursachen: Einerseits war eine der seltsamen Eigenarten Österreichs, dass es nie ein Interesse an der Schiffahrt entwickelte. Außerdem brauchte das Kernland keine Kolonien: Es hatte seine Vasallenstaaten in Form der Kronländer vor der Haustür. Gleiche Augenhöhe wurde lediglich mit Ungarn gesucht.

Enthebt die geografische Nähe der Verantwortung? Als "Völkerkerker" wurden und werden Kolonialmächte bezeichnet - und ein "Völkerkerker" war der k.u.k.-Staat zumindest ebenso in den Augen der Tschechen und Serben.

Moral ist die Stärke
des Schwächeren

Der US-amerikanische Humorist Art Buchwald schrieb während des Kalten Kriegs eine glänzende Satire auf Abrüstungsgespräche zwischen den USA und der Sowjetunion: Im Vorfeld, so Buchwald, verschrotten die Amerikaner ihr Waffenarsenal, denn nur von der Position der militärischen Schwäche lassen sich die Verhandlungen vorteilhaft für die USA führen. Denn dem Schwächeren leistet die Welt moralischen Beistand. Man steht automatisch auf der Seite Davids, und niemand fragt, ob Goliath möglicherweise im Recht gewesen sein könnte.

In der Kolonialismus-Diskussion ist Europa als alter weißer Kontinent in der Rolle Goliaths.

Ganz ohne eigenes Zutun ist das freilich nicht abgelaufen. Großbritannien, Frankreich und Deutschland setzten sich in Afrika fest, Großbritannien zusätzlich in Indien, Australien und Nordamerika, Frankreich in Nordamerika und Polynesien. Spanien und Portugal reklamierten Südamerika für sich, Portugal hatte außerdem Kolonien in Afrika und Asien. Italien hielt Libyen in seiner Gewalt und versuchte wiederholt, zuletzt unter der faschistischen Regierung, in weiteren Gebieten Afrikas Fuß zu fassen. Die Niederlande hielten Indonesien in Abhängigkeit.

Keine dieser Nationen ging besonders sorgsam mit den Ethnien ihrer Kolonien um, wobei es Abstufungen gab vom Sklavenhandel Portugals, der Ausbeutung lokaler Arbeitskräfte und natürlicher Ressourcen bis hin zum Aufbau funktionierender Infrastrukturen und Verwaltungen. Die belgische Schreckensherrschaft über den heutigen Kongo, mit Millionen von absichtlich verstümmelten Menschen und Toten, ist selbst in den unrühmlichsten Annalen europäischer Kolonialgeschichte ein Sonderfall geblieben.

Die Zeugnisse der Kolonialherrschaft über Afrika sind in den Museen der europäischen Länder zu sehen: Dort befinden sich Schätzungen zufolge 85 bis 90 Prozent des afrikanischen Kulturerbes. In den meisten Fällen handelt es sich um koloniale Raubkunst. "Koloniale Raubkunst gehört zurück nach Afrika", argumentiert die Bénédicte Savoy und bedient emotional die europäische Goliath-Rolle. Zur Freude der französischen Kunsthistorikerin hat Deutschland unlängst beschlossen, Teile der Bronzen aus dem Benin zurückzugeben.

Die Restitution der Artefakte wird von zahlreichen Regierungen als ausgleichende Gerechtigkeit verstanden, während Olivette Otele, in Kamerun geborene Historikerin, erste schwarze Geschichtsprofessorin in Großbritannien und Vizepräsidentin der britischen Royal Historical Society, meint, eine Wiederherstellung von Gerechtigkeit müsse versuchen, die Traumata der Vergangenheit "in irgendeiner Form wiedergutzumachen", etwa durch Investitionen in Bildung und Gesundheit in den ehemals kolonialisierten Ländern.

Doch so virtuos die Vertreter wie auch immer gearteter Wiedergutmachungsverpflichtungen auf der Klaviatur der zweifellos berechtigten moralischen Entrüstung spielen, so virtuos vermeiden sie die grundlegende Frage, wie weit zurück in der Geschichte ein Unrecht liegen kann, um in der Gegenwart die Forderung nach einer Wiedergutmachung zu erheben.

Selbst die Rückgabe von Artefakten sollte nicht einem Automatismus unterliegen. Denn nicht alles, was nach Raubkunst aussieht, ist auch Raubkunst im engen Sinn des Wortes. Raub beinhaltet nämlich, dass es physischer oder psychischer Gewaltanwendung bedurfte, um etwas in den eigenen Besitz zu bringen. Das Paradebeispiel dafür sind Kunstobjekte, welche die Nationalsozialisten den ursprünglichen jüdischen oder politisch unliebsamen Besitzern abpressten.

Kriegsbeute und die
Korrektur der Geschichte

Wie aber steht es um Artefakte, die zum Zeitpunkt, als sie in den Besitz anderer Nationen kamen, für das Herkunftsland ohne Bedeutung oder gar wertlos waren?

So hatte beispielsweise Ägypten unter der Osmanenherrschaft das Interesse an seinen Altertümern weitestgehend verloren. Der Grund dafür ist, dass ein fundamentalistischer Islam nur islamische Kunst für wertvoll erachtet. Franzosen und Briten konnten sich also in Ägypten bedienen, ohne auf Widerstand zu stoßen. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts erwachte in Ägypten das Interesse an der eigenen Vergangenheit wieder.

Wobei die grundsätzliche Frage nicht bei der allfälligen Rückgabe von Kulturgütern stehenbleiben kann. Es geht im Prinzip um einen in die Praxis umgesetzten Umgang mit Geschichte. In "Die Verurteilung des Lukullus" schreibt Bertolt Brecht: "Immer schreibt der Sieger die Geschichte der Besiegten. Dem Erschlagenen entstellt der Schläger die Züge. Aus der Welt geht der Schwächere und zurück bleibt die Lüge."

Der Sieger schreibt freilich nicht nur die Geschichte des Besiegten, er bereichert sich auch an ihm. Kriegsbeute machten nicht nur Griechen, Römer, Germanen, Kreuzritter und Osmanen, sondern auch Nationalsozialisten, Amerikaner und Sowjets. Die Interessen waren nur unterschiedlich gelagert, sodass nicht jede Beute als solche erkennbar ist.

So gehen manche heutigen Besitztümer ehemals adeliger österreichischer Familien auf die Schlacht am Weißen Berg (1620) zurück, die zur Entmachtung und vielfach Enteignung protestantischen böhmischen Besitzer führte.

Oder könnte das heutige Österreich Besitzansprüche an Artefakten anmelden, die über das Gebiet der ehemaligen k.u.k. Monarchie verstreut sind? - Im Verständnis der Zeitgenossen war diese Monarchie ein legitimer Staat. Dass er für illegitim erklärt wurde, hängt mit genau dem ethnisch basierten Nationaldenken zusammen, gegen das die EU - zu Recht - auftritt, freilich, ohne gegen die sogenannten "Beneš-Dekrete" Tschechiens etwas zu unternehmen, deren Aufhebung ebenfalls zu einer Flut von Restitutionsbegehren führen würde.

Die grundsätzliche Frage in der Debatte um einen Ausgleich für Unrecht, das Kolonialmächte verübt haben, muss also lauten, ob man Geschichte nachträglich korrigieren kann. Und wenn ja: Wie eine verbindliche rechtliche Basis dafür zu schaffen wäre. Denn alles andere sind bloße symbolische Gesten auf der Grundlage moralischer Bewertungen. Und moralische Bewertungen und geschichtliche Fakten vertragen sich schlecht.

Denn Goliath könnte auch im Recht gewesen sein.