Schüler verbringen immer mehr Zeit in der Schule, dadurch steigen auch die Anforderungen an Schulbauten: Die Räume müssen das Lernen alleine und in der Gruppe, Konzentration und Erholung möglich machen. Auch soziales Lernen spielt eine größere Rolle als früher. "Die Schule wird immer mehr zum Lebensraum", sagt Verena Konrad, Leiterin des Vorarlberger Architekturinstituts. Ab Freitag beleuchten die Architekturtage 2021 ein Jahr lang das Verhältnis von Architektur und Bildung.

AHS Wien West von Shibukawa Eder Architects - © Hannes Buchinger
AHS Wien West von Shibukawa Eder Architects
- © Hannes Buchinger

Bis zu 15.000 Stunden verbringen Kinder und Jugendliche im Lauf ihrer Schulkarriere in Schulbauten, um dort zu lernen und soziales Miteinander zu erleben. Dementsprechend dürften diese heute auch keine "Belehrungs- und Aufbewahrungsorte" mehr sein, wird im Konzeptpapier für die Architekturtage betont. "Sie sind Orte einer neuen Lernkultur, an deren Gestaltung höchste Ansprüche gestellt werden."


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Architekturtage 2021
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Die Bauten sollen dafür nicht nur den Bedürfnissen der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen vor Ort entsprechen, indem etwa auch Raum für Kleingruppenarbeit oder gemeinsames Spielen bzw. im Fall der Lehrer Arbeitsplätze vorgesehen sind. Auch Licht, Farbgestaltung, Einsatz vielfältiger Materialien, Frischluft und - an einem Ort mit so vielen Menschen besonders relevant - die Akustik spielen eine wichtige Rolle.

Ort der Achtsamkeit

In der Praxis ist man wegen des großen Bestands an maria-theresianischen Gangschulen, in denen übersichtlich und mit vor allem pflegeleichten Materialien ausgestattete Klassenzimmer aneinandergereiht sind, vom Ideal eines "Orts der Achtsamkeit" ein gutes Stück entfernt. Bei den ganz neuen Bildungsbauten gebe es jedoch eine Vielzahl sehr qualitätsvoller Einrichtungen, die die Beziehungsarbeit in der Schule unterstützen, wie Architekturtage-Sprecherin Konrad gegenüber der APA betont. Man sei hier in Österreich auf einem ganz guten Weg. Allerdings sei es wichtig, die bisherigen Bemühungen nicht durch eine "rückwärtsgewandte Bildungspolitik" zu konterkarieren.

Die Entwicklung in der Architektur von Bildungsbauten verlaufe - wie in der Bildungspolitik auch - in Wellen. "Es ist eben ein kontroversielles Thema, wie Kinder lernen sollen." Die Öffnungsschritte zu offenem Lernen und alternativpädagogischen Konzepten in den 1960ern und 1970ern hätten sich in Österreich zum Teil auch in die Schulbauten eingeschrieben. Derzeit gebe es allerdings wieder konservativere Strömungen (verpflichtende Ziffernnoten ab dem Jahreszeugnis in der zweiten Klasse Volksschule etc.) und das schlage sich eben auch im Schulbau nieder.

Immerhin sei es für die architektonische Gestaltung sehr wichtig, welche pädagogischen Konzepte in einer Schule umgesetzt werden sollen und welche Erfahrungen und Lernatmosphäre man den Kindern und Jugendlichen mitgeben wolle. Gleichzeitig warnt Konrad vor überzogenen Erwartungen an die Wirkung der Architektur auf das Lernen. Der Raum gilt zwar nach den Mitschülern und den Lehrern als dritter Pädagoge. "Aber ein guter Raum alleine reicht nicht." Teilweise würden hier von der Architektur zu viele Antworten erwartet. Entscheidend sei allerdings die Frage, welchem pädagogischen Konzept die Gestaltung dienen soll. "Pädagogik und Architektur müssen Hand in Hand arbeiten."

Gelungene Beispiele im Fokus

Gelungene Beispiele, bei denen Architektur das Lernen und Lehren unterstützt, sollen bei den Architekturtagen 2021 vor den Vorhang geholt werden. Auch der Frage, wie Lernorte in einer zunehmend digital ausgerichteten Welt gestaltet sein sollen, wird behandelt. Bis Juni kommenden Jahres werden sich die beteiligten Architekturhäuser digital und vor Ort am Schwerpunktthema "Architektur und Bildung: Leben Lernen Raum" abarbeiten. Sollten sich Jahreszyklus und -thema bewähren, könnte das Konzept laut Konrad auch für kommende Jahre beibehalten werden.

Den Auftakt macht am Freitag (11. Juni) das digitale Format "Architekturtage-TV": Von 16 bis 23 Uhr sind auf www.architekturtage.at Beiträge von Architekturhäusern aus ganz Österreich zu den verschiedenen Zugängen, Ideen und Umsetzungen von "Bildung und Architektur" zu sehen, von Kurzfilmen über Dokumentationen bis hin zu Kurzporträts vorbildhafter Bildungsbauten. Dazu zählen laut Konrad Kindergärten und Schulen ebenso wie Erwachsenenbildungseinrichtungen. Und auch der Weg zur Schule wird nicht ausgeblendet: So teilen in einem Kurzporträt Prominente wie Ex-Vizekanzler Erhard Busek (ÖVP) oder Künstler Marko Lulic ihre Erinnerungen an ihren Schulweg in Wien und die spezielle Wahrnehmung der Stadt, die dabei entsteht. Für den 12. Juni sind dann "analoge" Angebote wie Stadtspaziergänge und kuratierten Touren, Gespräche mit Architekturschaffenden sowie Ausstellungen, Vorträge und Diskussionen angekündigt.(apa)