Das Schwimmbad der belgischen Stadt Turnhout macht seinen Besuchern wenig Freude. Ein Mädchen wird an den Haaren in die Pumpe der Filteranlage gesogen, in den Technikräumen steht regelmäßig das Grundwasser, die Lüftung funktioniert nicht, immer wieder fällt der Strom aus, das Wasser ist eigenartig getrübt und tropft durch den undichten Beckenboden.

Über Jahre reiht sich ein Mangel an den nächsten, monatelang ist das Bad geschlossen, und kaum ist es geöffnet, zeigt sich ein neues Gebrechen. Der Architekt des Unglücksschwimmbades hat sich tragisch erhängt; zumindest erzählt man sich das, und niemand mag daran zweifeln. Denn wenn ein Gebäude spektakulär misslingt, trägt der Architekt die Schuld und muss daher büßen. So verlangt es zumindest das Klischee, oder besser die Urban Legend, die ebenso dankbar wie ungeprüft weitererzählt wird.

Das Scheitern begegnet uns in allen Teilen des Lebens, dem Alltag, der Liebe, der Technik und der Kunst. Oft ist das Scheitern schon eingepreist, wie etwa Scheidungsstatistiken zeigen, und doch finden sich immer wieder Menschen, die denken, eine bittere Erfahrung, die jeder Zweite macht, beträfe sie sicher nicht. Wir haben dafür keine Kultur. Scheitert eine Geschäftsidee, ist in den USA die Idee schuld, bei uns der Gescheiterte.

Doch zurück zu den unglücklichen Baukünstlern, die mit Leib und Leben für ihr Werk einstehen. Denn anders als bei einem Lyriker, dessen missglückte Zeilen bald wieder vergessen sind, scheitert ein Architekt in viel größerem Maßstab, monumental in Stein und Beton, "unverhohlen vor Tausenden von Augen", wie die belgische Lyrikerin Charlotte Van den Broeck in ihrem Buch "Wagnisse" (auf Deutsch vor kurzem bei Rowohlt erschienen) schreibt, "und das während eines ziemlich langen Zeitraums" - so lange nämlich, bis das verpatzte Gebäude abgerissen wird oder die eingestürzten Reste weggeräumt sind.

"Ein Künstler, der im Schlaf stirbt, bleibt niemandem im Gedächtnis", lässt Van den Broeck einen gewissen Starr Kempf sagen, der sein schöpferisches Leben damit verbrachte, gewaltige Metallskulpturen zu gießen, mit denen die Nachwelt nicht viel anfangen konnte. Diese Zurückweisung der Welt vermochte er nicht zu ertragen. "13 tragische Bauwerke und ihre Schöpfer" - keine andere als die Pechzahl 13 wäre hier angemessen - sind die traurigen Helden von Van den Broecks Buch. Aber nicht alle Architekten, deren Spuren sie folgte, haben sich umgebracht. Von manchen hat man es nur behauptet, einer wurde wahnsinnig, der Geist eines anderen soll noch lange in seiner Villa gespukt haben.

Nicht fehlen dürfen die glücklosen Schöpfer der Wiener Hofoper, Eduard Van der Nüll und August Sicard von Sicardsburg. Deren Schicksal war zweifellos tragisch: Das prestigeträchtigste Bauprojekt auf der Ringstraße hatte die beiden finanziell und persönlich aufgerieben, die Presse überschüttete den neuen Musiktempel mit Spott - viel zu niedrig, technisch ungenügend, stilistisch ein Graus -, und ein Jahr vor der Fertigstellung erhängte sich Van der Nüll, wenig später starb Sicard an den Folgen eines Nervenzusammenbruchs. Zwei, drei Jahrzehnte später fand an dem einstigen "Königgrätz der Baukunst" niemand mehr etwas auszusetzen, im Gegenteil.

Bloß nicht Mittelmaß!

Zu scheitern ist aber immer noch besser, als sich mit dem Mittelmaß zu begnügen. Und manchmal, wie im Fall der Wiener Oper, wird das Scheitern posthum zum Triumph, der tote Schöpfer zum verkannten Genie, zum Opfer, damit das große Werk gelingen kann. Der Tod, vor allem der tragische, adelt das Werk über den trivialen Erfolg hinaus, sodass die Niederlage später kostbarer schimmert als der schale Ruhm des Tages.

Wie bei Robert Falcon Scott, dem klassischen Helden der Niederlage. Wer war der erste Mensch am Südpol? Scott war es nicht, doch er ist der Heros dieses Unternehmens. Verhungert und erfroren am Rückweg vom südlichsten Punkt der Erde, den er nur als Zweiter erreicht hatte. "(...) nichts aber erhebt dermaßen herrlich das Herz als der Untergang eines Menschen im Kampf gegen die unbesiegbare Übermacht des Geschickes, diese allezeit großartigste aller Tragödien, die manchmal ein Dichter und tausendmal das Leben gestaltet." So feiert Stefan Zweig den Nachruhm des gescheiterten Scott in den "Sternstunden der Menschheit". Im nationalistischen Überschwang erhob Großbritannien den Unglücklichen zum Helden, dessen Untergang die gelungene Expedition von Roald Amundsen überstrahlte. Wohl auch, weil die englische Presse jener Tage wirkmächtiger war als die norwegische.

Doch wird schon lange an Scotts Monument gesägt. Tatsächlich war sein Marsch zum Pol 1912 schlecht organisiert, Scott setzte auf unerprobte Motorschlitten und auf Ponys, die für die Antarktis ungeeignet waren, und traf verhängnisvolle Fehlentscheidungen, die letztlich ihn und vier Gefährten das Leben kosteten. Manche vermuten, er habe den Tod in Kauf genommen, um nicht als Zweiter heimkehren zu müssen.

Aber es muss nicht immer um Leben oder Tod gehen. Unabdingbar ist jedoch: Zum Scheitern gehört Größe, die Größe des Unternehmens oder als visionärer Kopf größer zu sein als die Kleingeister der Gegenwart. Das unterscheidet das Scheitern von der ordinären Erfolglosigkeit. Scheitern ist etwas Heiliges, Hohes. Scheitern ist nämlich nicht einfach das Gegenteil von Erfolg, sondern das Kippbild der Perfektion. Gespielt wird mit hohem Einsatz bei allerhöchstem Risiko: Der Vierte im Wettbewerb, der das Siegerstockerl verpasst, ist uninteressant - doch der Favorit, der ausscheidet, rührt an das Empfinden, oder der ewige Verlierer, der zuverlässig Letzter wird und trotzdem nicht aufgibt.

Es gibt eine Passage von Samuel Beckett, aus der Erzählung "Worstward Ho", die zu einem existenzialistischen Kalenderspruch geworden ist: "Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." Das war von Beckett zwar nicht als Ermutigung gemeint, wird aber gerne als solche (miss)verstanden. Ganz besonders dort, wo man Fehlschläge als Teil der Selbstoptimierung versteht: im Silicon Valley. 2008 rief die Start-up-Unternehmerin Cassandra Phillipps die "FailCon" ins Leben, ausgerechnet im Jahr der weltweiten Finanzkrise, um frei und offen, in einer Art smarten Selbsthilfegruppe, über berufliche Fehlschläge zu reden.

"Embrace Your Mistakes"

"Embrace Your Mistakes. Build Your Success." Wer nicht ein paar Mal auf die Nase fällt, kommt nicht vorwärts. Alles ist besser, als stillzustehen. "Die größten Erfolge entspringen der Freiheit zu scheitern": Also sprach Mark Zuckerberg in einer Rede in Harvard. Der Freiheit - oder den finanziellen Reserven? Mit einem guten Draht zum Risikokapital kann man es sich wohl leisten, zwei oder drei Unternehmen an die Wand zu fahren. Die prekäre Alleinerzieherin in der Ich-AG, die der falschen Idee gefolgt ist, sieht das sicher anders.

"Das Silicon Valley glaubt, dem Scheitern den Stachel genommen zu haben", befindet Adrian Daub in seinem Buch über die Tech-Ideologie - indem es dem Umstand, dass viele in einer hochkompetitiven Branche einfach Pech haben, einen Sinn abgewinnen möchte. Und der liege nicht darin, aus gescheiterten Projekten etwas zu lernen, sondern sie als Vorboten des Erfolges zu begreifen. Niederlagen sind o.k., solange man im Spiel bleibt. Hätte Zuckerberg sein Studium nicht abgebrochen, wäre er nicht Mr. Facebook geworden. Der neoliberal-disruptiv-digitale Turbokapitalismus frisst eine Erfahrung, die einen aufs tiefste erschüttern kann, und macht sie zum Larvenstadium des Spitzenunternehmers. Ja, wenn das Scheitern nicht wäre. Wo wären wir? Die Berliner Liedermacherin Uta Köbernick singt es: "Wenn das Scheitern nicht wär’, wo wären wir da? Und wär’ ich jetzt gescheiter? Oder nicht? Oder bla-bla... Und wo nähme ich denn meine ganze Kraft her - wenn das Scheitern nicht wär’."