Navigare necesse est, rief der römische Feldherr Gnaeus Pomeius Magnus seinen Männern zu, und er sprach die Notwendigkeit der Seefahrt mit "k" aus, also "nekesse", denn im ersten vorchristlichen Jahrhundert hatten die Rhetoriklehrer die konsequente "k"-Aussprache im Lateinischen noch nicht getilgt. Das war erst eine Sache der Spätantike.

Während die Aussprache des Lateinischen dennoch ein Zankapfel geblieben ist, steht bis heute fest: Seefahrt tut not. Wobei am morgigen internationalen Tag der Seeleute nicht nur ein romantisch verklärter Blick auf den Beruf der Seeleute fallen soll.

Ganz ohne geht’s aber auch nicht.

Die Segelschiff-Romantik

Die "Passat" in Travemünde - wer beim Anblick dieser Viermastbark keine weichen Knie bekommt, ist das Fischbrötchen nicht wert. Ihr Schwesterschiff, die "Peking", liegt jetzt im Hamburger Hafen unweit der Elb-Philharmonie in Sichtweite des Dreimasters "Rickmer Rickmers", den man (es sei denn, Corona kommt dazwischen) ausgiebig besichtigen kann. Wenn das kein Foto für Generationen von Landratten ist! "Und da steht der Opa am Steuerrad von einem Dreimaster...!"

Apropos - eine persönliche Anmerkung sei gestattet, weil sie zum gewandelten Bild der Seeleute gehört: Mein Vater hatte die heimatlichen Salzach-Gestade gegen die Pazifikstürme getauscht und fuhr als Offizier der deutschen Handelsmarine zur See. Er hatte eine unabänderliche Auffassung von seinem Beruf: "Wenn das Steuerrad verschwindet", sagte er, "gebe ich die Seefahrt auf." Das machte er und kehrte aus den Pazifikstürmen heim an die Gestade der Salzach. Schiffe mit Joysticks steuern? - Nie und nimmer! Manch ein Seemann hatte sich damit abzufinden, dass Schiffe nicht mehr segelten, sondern unter Dampf fuhren. Auch schlimm. Aber Schiffe ohne Steuerrad - sind das noch Schiffe? Oder schwimmende Transporter?

Der Beruf des Seemanns hat sich gewandelt und ist doch auch gleich geblieben.

Gleich geblieben ist er im Umgang mit Wind und Wetter. Der Gewalt von Stürmen und Wellen können moderne Riesenschiffe ebenso erliegen wie die Segler früherer Jahrhunderte. Einem Kaventsmann, der heute, weil alles englischer Neusprech sein muss, auch auf Deutsch "Freak Wave" heißt, ist es völlig gleichgültig, ob er eine Karavelle verschlingt oder einen Fünfmaster, ob er sich auf einen Supertanker stürzt oder auf einen Luxus-Liner.

In anderen Bereichen hat sich der Beruf verändert. Längst muss niemand mehr im Gischtregen auf 50 Meter hohe Maste aufentern. Ausgereifte Ladesysteme und perfektionierte Schiffsmaschinen haben die Berufe vom reinen Knochenjob wegbewegt. Seeleute von heute brauchen neben Muskeln auch Köpfchen.

Vereinfacht hat sich auch die Navigation: Sie erfolgt nicht mehr mit Sextanten und hoffentlich korrekt gehenden Uhren, sondern mit GPS. Weite Bereiche der Schiffsführung werden von Computern unterstützt. Die Brücke eines modernen Passagierschiffs unterscheidet sich auf den ersten Blick nur in den Dimensionen vom Cockpit eines Flugzeugs. Joystick, Bildschirme, Schalter und Tastaturen, wohin man schaut. Vorbei die Zeit der Steuerräder und Maschinentelegrafen.

Und man muss heute geschlechtsneutral von "Seeleuten" reden. Früher wollte der Seemanns-Aberglaube wissen, dass Frauen an Bord Unglück bringen. Jetzt fahren Frauen in allen Rängen zur See. Speziell auf skandinavischen Schiffen sind Kapitäninnen ebenso wenig Ausnahmen wie nautische Offizierinnen, Matrosinnen und Maschinistinnen. Der Mythos vom wettergegerbten Bezwinger der See, der im Hafen mit der Rumflasche in der Hand eine Frau nach der anderen abschleppt, findet nur noch auf Buchseiten statt.

Aufgrund der riesigen Ladekapazitäten der Schiffe sind nach wie vor die Seerouten die bevorzugten Handelswege. Die Seefahrt der Gegenwart muss den Gewinn maximieren: Langes Liegen auf Reede und lange Ladezeiten im Hafen inklusive hoher Hafengebühren sind nicht drin. Schnell muss es gehen. Preiswert muss es sein. Container haben in der Frachtschifffahrt die Kunst der Stauer nahezu überflüssig gemacht - und sie verkürzen Be- und Entladezeiten. RoRo-Schiffe (von englisch Roll on Roll off) verfügen über höhenbewegliche Decks. Die Waren werden von den Lastwägen und Güterzügen nicht einmal abgeladen. Was an Stauraum verloren geht, macht das Tempo wett. Konnte der Seemann früherer Zeiten aufgrund tagelangen Be- und Entladens fremde Städte beschnuppern, lernt er heute nur noch deren Häfen kennen, die alle ähnlich aussehen.

Wachsende Umweltprobleme

Für den Handel ist die moderne Schifffahrt ein Segen. Für Umwelt und Klima ist sie ein Fluch. Denn die Schweröl-Motoren sind für etwa drei Prozent der gesamten vom Menschen verursachten CO2-Emissionen verantwortlich. Die zusätzlich ausgestoßenen Stickstoffoxide können ein überdimensionales Algenwachstum verursachen und das ökologische Gleichgewicht des Meeres in Gefahr bringen.

Immer größere Personenschiffe sind aber nicht allein für die Natur nachteilig: Die Vibrationen der Maschinen und Schiffsschrauben wirken sich auf meeresnahe Bauwerke aus. Eine Stadt wie Venedig leidet extrem unter der Menge an Luxusschiffen, die immer noch ein Stückchen näher an die Stadt heranfahren.

Neue Betriebssysteme, die wieder die Windkraft miteinbeziehen, sind in Entwicklung, aber es ist fraglich, ob und wann sie sich durchsetzen, zumal der Wind heute ein ebenso unzuverlässiges Antriebsmittel ist wie zu Zeiten der Segelschiffe. Wobei: Segelschiffe waren ein schönerer Anblick. Aber nicht mehr. Denn die Windjammer-Romantik liegt nur in den Augen landrättischen Betrachter und von Autoren, die Schiffe höchstens als Passagier kennen.

Die Frachtsegler früherer Zeiten sind weder mit heutigen Segelyachten zu vergleichen noch mit den späten Großseglern wie der "Passat" oder der "Peking", die der Mannschaft verhältnismäßig angenehme und trockene Quartiere boten.

Durchnässt und alkoholisiert

Auf weniger gut ausgestatteten Segelschiffen waren bis tief ins 19. Jahrhundert die Matrosen und Schiffsjungen permanent durchnässt, vielfach obendrein alkoholisiert, da auf langen Reisen das Wasser faulte, und das Zusetzen von Rum sowie das Erhitzen die Schadstoffe beseitigen und den Geschmack verbessern sollte. Die Männer arbeiteten, oft übermüdet, alkoholbenebelt, in vierzig, fünfzig Metern Höhe auf Masten, die durch den Seegang in ständiger Bewegung waren.

Das ist der Moment, da des zweiten Teils vom Ausspruch des Pompeius Magnus gedacht sei: "Navigare necesse est, vivere non est necesse" - Seefahrt ist notwendig, leben nicht.

Dass heute, neben der angestrebten Gewinnmaximierung, auch das Leben der Seeleute von Bedeutung ist, darf den Blick darauf nicht verstellen, dass dieser Beruf, trotz der zunehmenden Sicherheit der Schiffe und des Geräts, nach wie vor zu den gefährlicheren gehört. Die romantische Verklärung hat er eingebüßt. Am Platz war sie freilich auch damals nicht, als Schiffe fraglos noch schön waren.