Morgens, halb neun in Österreich - besser gesagt im Wiener Umland. Wir stehen auf einer Beton-Terrasse, die jemand liebevoll zu einem Schanigarten umgebaut hat. Wozu teures Geld für Möbel ausgeben, wo es doch wunderbar selbst gebastelt geht? Hölzerne Euro-Paletten wurden hier zu improvisierten Sitzmöbeln gezimmert. Bunte Kissen aus dem Dekor-Markt des Vertrauens machen es hier im Halbschatten der Tankstelle richtig gemütlich. Trotz der frühen Stunde haben sich drei ältere Herren auf ein morgendliches Schaumgetränk versammelt. Die Gespräche drehen sich um Lokalpolitik, die "Scheiß-Hitze" und die neue E-Klasse, die sich ein abwesender Pensionist namens Edi gekauft hat. Die Herrschaften fragen sich: Wo hat der Edi so viel Geld her?

Drinnen in der Tankstelle hat man ein möbliertes Raucherzimmer, ein paar Sitzgelegenheiten und einen gut ausgestatteten Shop. Denn schon längst dreht es sich bei den Tankstellen nicht mehr um Flüssigkeiten mit hohen Oktan-Zahlen, die die Zapfanlagen nahezu rund um die Uhr ausspucken. Vielmehr sind es Flüssigkeiten mit Prozent-Zahlen, die hier tatsächlich stapelweise zum Verkauf stehen (was wohl den Überschuss an Euro-Paletten erklärt). Von edlen Produkten aus heimischen Hopfengärten über Weine der verschiedensten Sorten und Lagen bis zu Abendbegleitern wie Jim Beam und Johnnie Walker. Kaum eine Flüssigkeit, die diese Tankstelle nicht bietet. Und die hier gerne gekauft oder, wenn nicht gerade das Coronavirus wütet, auch vor Ort konsumiert wird. Davon zeugt auch der Verkaufsstand, der in einer geschwungenen Kurve zum Bartresen mit Kaffeemaschine mutiert.

Damit ist die Tankstelle nicht nur Service-Station für Automobile, sondern auch sozialer Ort, an denen sich Menschen der verschiedensten Lebensphasen tummeln. Rückzugsflächen für Menschen, die zu Hause nicht alleine sein wollen oder die gerade deshalb das Haus verlassen, um alleine zu sein. Letztes Habitat der Stammtisch-Bewohner, deren Wirt längst in Pension gegangen ist und dessen Gasthaus daraufhin binnen Tagen weggerissen wurde. Dort stehen nun zwanzig Anlegerwohnungen leer. Die Tankstelle als letzte Bastion des alten Mannes also, der sich im geschäftigen Ambiente der Automobil-Station wohler fühlt als im Bobo-Café oder gar im gehobenen Restaurant, wo die Tischdecken weiß und die Rechnung lang ist?

"Nicht ganz", widerspricht Martina. Und sie weiß, wovon sie spricht, denn Martina hat beim "Spritkönig" im Südburgenland gearbeitet, bis Corona den Betrieb zum Teil in die Zwangspause schickte. "Es kommen tatsächlich ganz unterschiedliche Menschen, um hier zu konsumieren" sagt sie. Denn ihre Tankstelle öffnet um halb sechs Uhr Früh. Bis acht Uhr morgens ist schon eine dreistellige Anzahl an Kaffees rausgegangen. Erst gegen zehn Uhr kommen dann die "Hardcore-Pensionisten", wie die muntere Truppe beim Personal heißt. Hier wird dann weniger Kaffee, sondern eher der Spritzer um unter zwei Euro die Dosis konsumiert. Zu Mittag müsse man dann unterscheiden: "Die, die noch eine Frau haben, müssen um halb eins nach Hause, weil da gibt’s Essen." Danach steht ein Mittagsschlaf an und dann kommen sie wieder für die Nachmittagsschicht. Wer keine Frau mehr hat, der wird auch mittags vor Ort versorgt. Toast, Würstel, Baguette. Die "Kleine Karte" als "Kleines Glück"?

Ein Ass im Ärmel

Aber auch Kartenspielrunden und Vereinstreffen finden mittlerweile auf der Tankstelle statt. Warum? "Weil alles andere zugesperrt hat", sagt Martina resignierend. "Es gibt ja nix mehr." Und abends dann kommt noch die Dorfjugend vorbei. Zum Vorglühen oder zum Shopping für die weiteren Betätigungen. Denn auch eines darf man nicht vergessen: Die Tankstelle ist auch ein Rettungsanker für jene, die jede Woche aufs Neue vom ohne Vorwarnung hereinbrechenden Wochenende überrascht werden. "Zwei Pizza, Milch und Cornflakes" oder frische Semmeln am Sonntagmorgen sind eine völlig normale Bestellung. Denn: Vielerorts ist die Tankstelle mittlerweile der einzige Platz, an der man am Sonntag frisches Gebäck kaufen kann, nachdem der Bäcker sich den Irrsinn Sieben-Tage-Woche nicht mehr antut.

Apropos "Kleines Glück". Denn natürlich blickt man als Tankstellenmitarbeiter mitunter in Abgründe. Etwa jene, die das sogenannte "Kleine Glücksspiel" hinterlässt. Jene Spielautomaten, die oft ein bisschen schamhaft abseits stehen und in die mancher schon um sieben Uhr Früh die Hunderter hineinschiebt. "Natürlich ist es nicht deine Aufgabe, da das Gespräch zu suchen, aber selbstverständlich ist dir klar, dass der da das ganze Geld der Familie verspielt", erinnert sich Martina. "Da tun sich menschliche Abgründe auf."

Und das sind nicht die einzigen Erlebnisse. So gehört es durchaus zu den unangenehmen Aufgaben der Spätschicht, die Gäste mit Sitzfleisch zum Aufbruch nach Hause zu motivieren. Manche bekomme man da gar nicht mehr hinaus, so schön ist es an der Tankstelle, die im Laufe des Abends mitunter durchaus zur "Trankstelle" mutiert ist (zur Erinnerung: Der Spritzer kostete keine zwei Euro!). Eskaliert das angesichts solcher Preise nicht auch? Mitunter ja. "Aber dass man die Polizei holen muss, ist eigentlich selten."

Die Runde um den Block

Doch nicht alle tragen ihre Eskapaden so vor sich her. So gibt es etwa Gäste, die nur auf ein Viertel vorbeikommen, es zügig, aber ohne Hast, trinken und dann wieder fahren. Freundlich, munter, gut gelaunt. Allerdings kennen auch die anderen Ausschank-Lokalitäten den munteren Gast, der hier täglich seinen Stopp macht. Denn die Runde hat mehrere Haltestellen. Und der Tag ist lang, wenn man in seinem Leben nicht mehr allzu viel zu tun hat.

Tatsächlich haben sich die Tankstellen in den vergangenen Jahrzehnten zu richtigen Multifunktions-Orten entwickelt, was auch mit einer Art Gentrifizierung zu tun hat. Die kleinen wurden weggerissen und die großen neu gebaut. Hier bekommt man alles von Zeitschriften über Telefonguthaben bis zu Zehn-Liter-Beuteln mit Eiswürfeln und Grillkohle für die perfekte Gartenparty. Und wenn man schon da ist, kann man das machen, was alle braven Familienväter bevorzugt am Samstag machen: das Auto waschen und aussaugen, eine Tätigkeit, die gerne den Kindern überlassen wird, die mit den kleinen Händen überall gut hinkommen. Und während man wartet, kann man auch gleich auf einer Euro-Palette einen Kaffee zu sich nehmen.

Man darf gespannt sein, wie sich die Ausstattung mit Schnelllade-Säulen für E-Autos auf das Biotop Tankstelle auswirkt? Denn die haben ja vor allem eines zu bieten: üppige Ladezeiten, die man überbrücken muss. Wird es dann gar eigene Tesla-Ecken geben, wo statt der üblichen Hopfenkaltschale aus Ottakring Grünkohl-Hirse-Smoothie konsumiert wird? Und statt der Autozeitschrift das Biorama-Heft zum Lesen aufliegt?

Das tangiert Edi, den Mann mit der neuen, schwarzen E-Klasse, nicht. Er tankt auch weiter Diesel. Über die Herkunft des Wagens hat man übrigens mittlerweile Konsens erreicht: Das Fahrzeug muss geleast sein.