"Ohne Kultur ist die Region Payerbach-Reichenau wie Kitzbühel ohne Schnee." Jahrzehntelang hatte Heinz Hübner, Hotelier aus Payerbach, von den Festspielen Reichenau, die jährlich 40.000 Gäste anzogen und das wirtschaftliche sowie gesellschaftliche Leben in den beiden Sommerfrischegemeinden am Fuß der Rax mitbestimmten, profitiert. Und der "Schnee" war, wie er sagt, pulvrig und reichlich. Als aber die Festspiele im Mai ihr Aus verkündeten, traf ihn das wie der Schlag. Noch eine Saison ohne Kulturprogramm und Gäste konnte sich der 60-Jährige ebenso wenig wie die übrigen Tourismusbetriebe im Tal leisten.

Anstatt auf Impulse durch die mittlerweile von Burgschauspielerin Maria Happel übernommene Festspiel-Leitung zu warten, taten sich die Touristiker von Payerbach und Reichenau mit Schauspielern und den Bürgermeistern zusammen und stellten binnen weniger Wochen ein Ersatzprogramm auf die Beine. Während die mit Blick auf Kulturveranstaltungen bereits erfahrenen Leitbetriebe "Schloss Wartholz" und Seminar-Parkhotel Hirschwang ihr Angebot ausbauten, lud das im Vorjahr vorübergehend geschlossene Hotel "Marienhof" spontan die Festspiel-Schauspieler und Schriftsteller Michael Dangl und Miguel Herz-Kestranek zu "Gemeinsamen Abenden" der Kultur ins Haus ein.

Auf Initiative von Heinz Hübner ein Engagement im "Payerbacherhof" kurzfristig angenommen hat auch die österreichisch-französische Sopranistin Johanna Arrouas. Unter dem Titel "Eine Reise nach Paris" entführt sie das Publikum am 21. Juli (19 Uhr) gemeinsam mit Herbert Stippich auf einen Streifzug durch das französische Chanson. Dabei ist die Darbietung nicht der einzige "Tribut", den Hübner den Festspielen Reichenau zollt. Der Idee des zurückgetretenen Intendantenehepaars Loidolt folgend, den Schwerpunkt bei ihren Produktionen auf Künstler und Schriftsteller zu legen, die in Payerbach und Reichenau gewirkt haben, hat er dieses Konzept um die Musik erweitert und gemeinsam mit dem Dirigenten Guido Mayer für den 30. und 31. Juli (Payerbach/Reichenau jeweils 19 Uhr) kurzfristig ein Kammerorchester-Konzert organisiert.

Das Konzert versteht sich demnach als Hommage an die Komponisten Richard Strauss, Alexander Zemlinsky und Franz Schreker, die in Payerbach, Reichenau und Prein einst schöpferisch tätig waren. Die Grundidee sei es, erklärt Mayer, "Meisterwerke von Komponisten, die zur Gegend in biografischem Bezug stehen, auf professionellem Niveau und zugleich in allgemein verständlicher Art zu präsentieren". Gespielt werden die "Metamorphosen" von Strauss (1945), "Waldgespräch" von Zemlinsky (1896) sowie die Kammersymphonie von Schreker (1916), an der Aufführung beteiligt sind 37 Musiker und eine Sopranistin. Billig ist das nicht. "Unser Budget beläuft sich auf rund 20.000 Euro", sagt Hübner und hofft, mithilfe von Sponsoren und Förderungen durchzukommen. Zumindest hat das 2020, als man im Rahmen eines Pilotprojekts Arnold Schönbergs "Verklärte Nacht" an seinem Entstehungsort in Payerbach "uraufführte", gut funktioniert.

Kitzbühel hat Schneekanonen, um der "Schneekrise" zu trotzen, die Sommerfrische-Region Payerbach-Reichenau hingegen "Kulturkanonen" wie Hübner, Mayer und Co. Und vielleicht wird diese Art kreativen Erfindergeists ja noch zu einem Fixpunkt im Tal?