Wir müssen uns Gedanken machen, wohin sich unsere Gesellschaft bewegt", mahnte der Dirigent Franz Welser-Möst bei einer prominent besetzten Diskussionsrunde im Rahmen der "Salzkammergut Festwochen Gmunden". Sie beschäftigte sich am Sonntag in der Gmundener "Villa Lanna" über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Kultur. "Wir sind jetzt verantwortlich für das, was in der Zukunft geschieht" - so der Titel der Veranstaltung. "Künstler neigen dazu, in einer Blase zu leben", so Welser-Möst weiter. Aber anstelle von "dämlichen Aktionen" wie den Protestvideos von Schauspielern zu Covid-Beschränkungen sollten sich Kulturschaffende mehr Gedanken "als nur über den nächsten Auftritt" machen. "Die Diskussion, wozu Kunst eigentlich da ist, wird tunlichst vermieden", so Welser-Möst. Überdies sei Geld als Voraussetzung dafür, dass große Kunst stattfinden könne, eine "unheilvolle Beziehung."

Bogdan Roščić, Direktor der Wiener Staatsoper, sprach von einem "Sachzwang", der nach Überwindung der Pandemie dazu führe, dass wieder Opernaufführungen stattfänden und "das Haus voll" sei. Immerhin habe die Staatsoper während der Pandemie mehrere Opernvorstellungen im Fernsehen übertragen und damit mehr als sechs Millionen Menschen erreicht. Doch Kulturinstitutionen müssten nun am möglichen Ende der Pandemie darauf achten, dass neue Publikumsschichten gewonnen würden und ein Diskurs mit Kulturkonsumenten stattfinde. Sonst würde sich lediglich Helmut Qualtingers Parole erfüllen, wonach "egal was auf der Welt passiert, jedes Jahr der Jedermann stirbt", so Roščić.

Eine prominente Diskussionsrunde: Bogdan Roši, Franz Welser-Möst, Karin Bergmann und Jolanda de Wit (von links nach rechts). Lahodynsky
Eine prominente Diskussionsrunde: Bogdan Roši, Franz Welser-Möst, Karin Bergmann und Jolanda de Wit (von links nach rechts). Lahodynsky

Rein ökonomische Rechnung

Die von 2014 bis 2019 amtierende Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann, neue Theater-Intendantin der Salzkammergut-Festwochen, stellte die Frage, was in und nach der Pandemie als "Normalität" empfunden werde. Sie sorge sich, ob das gemeinsame Gefühl, sich miteinander verbunden zu fühlen und gemeinsam empfinden zu können, fortbestehen werde. Zu schnell bleibe man bei der reinen ökonomischen Rechnung, wieweit sich kulturelle Investitionen lohnen würden. Sie habe in ihrer Amtszeit eine "paradoxe Situation" erlebt: Je mehr Geld das Burgtheater zur Verfügung hatte, desto weniger Chancen gab es, neue Wagnisse für Projekte einzugehen.

In einem Punkt waren sich alle Teilnehmer einig: Die Pandemie werde bald für einen Kahlschlag in den Kulturinstitutionen sorgen. So werde in Deutschland die Hälfte der Rundfunkorchester eingespart werden, warnte Welser-Möst. Brigitte Hütter, Rektorin der Kunstuniversität Linz, beklagte, bereits vor Covid-19 sei die Kunsterziehung an den Schulen deutlich eingeschränkt worden. Dies sei auch an der Uni zu bemerken, etwa wenn sich Studierende um ein Thomas-Bernhard-Stipendium bewerben würden, ohne ein einziges Werk des Autors gelesen zu haben. Bei der Präsentation der Abschlussarbeiten sei die durch die Pandemie verursachte Angst vor sozialer Exklusion "in fast jedem Werk" erkennbar gewesen. Nach der Wiedereröffnung seien Lehrveranstaltungen und Uni-Werkstätten regelrecht gestürmt worden.

In der Pandemie sei die wichtigste Frage gewesen, wie man die Mitglieder der kulturellen Vereine und ehrenamtlich tätigen Funktionäre nicht verliere, erklärte Jolanda de Wit vom Offenen Kunst- und Kulturhaus Vöcklabruck. Schnell sei klar geworden, wie sehr offene Räume für Kulturverbände in der Corona-Zeit vermisst worden seien.

Der international tätige Dirigent Welser-Möst bedauerte, dass Österreich in der Pisa-Studie bei den kreativen Gegenständen auf dem letzten Platz liege, was mit der sonst vorherrschenden Meinung, Österreich sei eine Kulturnation, schwer in Einklang zu bringen sei. In China würden fast 80 Prozent der Jugendlichen ein Musikinstrument erlernen, weil dort mit dieser Kompetenz auch weitere Fähigkeiten in Verbindung gebracht würden.

Zwei Mandate weniger

In Europa könnten dagegen mit Kulturthemen keine Wahlen gewonnen werden, merkte Uni-Rektorin Hütter kritisch an. Worauf Welser-Möst daran erinnerte, dass Herbert von Karajan in den 1960er Jahren beim damaligen Salzburger Landeshauptmann Josef Klaus den Bau eines neuen Festspielhauses angeregt habe. "Das wird mich zwei Mandate kosten, aber wir bauen es", soll Klaus geantwortet haben. Und bei der Besetzung der Leitung des Kulturressorts in Regierungen würden immer noch irgendwelche zu versorgende "Parteisoldaten" und nicht echte Kulturexperten bestellt werden, so Welser-Möst. Ein zentrales Problem für alle Kultureinrichtungen sei das Gewinnen von neuen Kulturinteressierten. Denn vor allem bei der Rekrutierung junger Leuten sei hohe Qualität beim kulturellen Angebot unverzichtbar. Kinder und Jugendliche würden Alibiaktionen mit mediokren Darbietungen sofort durchschauen.

Staatsopernchef Roščić forderte die Entfernung von "Zugangsbarrieren" zur sogenannten Hochkultur. Wenn sich bei Wagner-Opern "übergewichtige Männer fünf Stunden lang anschreien", dann müsse man sich über mangelndes Interesse bei jüngerem Publikum nicht wundern. Er habe einen seiner heranwachsenden Söhne auf bestimmte Opernarien zur Überwindung von Liebeskummer hingewiesen. Mit Erfolg: Der Sohn höre sich jetzt so manche dieser Arien auf Spotify an.

Die Vorliebe für digitale Angebote und Soziale Medien wurde unterschiedlich beurteilt. Während Bergmann und Roščić auf die Vereinsamung junger Leute hinwiesen, betonte die Rektorin der Linzer Kunstuni die Vorteile von virtuellen Konferenzen. "Wie sonst kann man eine Marina Abramovic, die sonst nie nach Linz kommen würde, zwei Stunden lang für eine Diskussion mit unseren Studierenden bekommen?"