Und da steht der Urlauber nun. Mitten in der erträumten Erholung, im Zentrum des Laisser-faire und der Leichtigkeit des Seins und denkt sich: "Scheiße."

Schließlich hat er es schon tausende Male gesehen in der Werbung, im Kino und im Fernsehen: Das Urlaubsglück auf Bergen oder am Meer, er weiß genau, wie ein perfekter Urlaub auszusehen hat. Er hat all die Bilder im Kopf: Die sonnengegerbten Gesichter der Leute auf dem Segelboot, das befreite, natürliche Lachen der Menschen vor der Almhütte, die von dem Schauspiel der Natur staunenden Gesichter der Kanufahrer, Windsurfer, Snowboarder oder Mountainbiker, die sich dann doch kopfüber mit perfekter Ausrüstung ins Abenteuer stürzen. Er hat das alles gesehen, der Urlauber, er hat das Glück gesehen, das sich auf ihren Gesichtern gespiegelt hat, und jetzt steht er da, mitten in seinem potenziellen Glück, im Brennpunkt der maximal möglichen Erholung und jetzt merkt er gerade: Er kann das nicht. Dieses Glück. Diese Entspannung, diese Leichtigkeit.

Mitten im potenziellen Paradies blickt er auf Wellen oder Berge, auf sich auftürmende, imposante Wolkenburgen oder hinein in dramatische Schluchten und wünscht sich zurück in sein Büro. In sein Auto im morgendlichen Stau und sein zu kleines Zuhause mit der Frau, die ihn immer anbrüllt (oder er sie, je nach Geschmack und Vorliebe). Unglück, ja, das kann er, ja. Aber hier das Glück, die Weite, die Großzügigkeit, die Entspannung, das kann er nicht.

Und er hat auch gar nicht den Körper dafür.

Glückliche Körper

Denn er weiß natürlich auch, wie die glücklichen Körper aussehen. Auch die hat er ja unzählige Male in der Werbung gesehen: Sie sind schön gewachsen und klettern Felswände hoch, sie spielen Beachvolleyball am Strand, sie surfen und stecken in Lederhosen oder tanzen Rumba unter Palmen. Aber sein Körper tanzt keinen Rumba. Sein Körper ist ein Autofahrerkörper. Der kann sehr gut hupen und "Arschloch!" schreien an der Kreuzung.

Aber Erholung? So ein Urlaub ist ja Arbeit.

Man will ja zuhause auch zeigen, wie glücklich man war. Da reicht es nicht, sich einfach vor den Hotelpool zu legen und zwei Wochen lang sich um halb elf Uhr vormittags das erste Reparaturseidl reinzubechern. Nein, man darf nicht einfach langsam mit Sonnenbrand und Leberzirrhose im Liegestuhl vergammeln. Nein, man muss das zeigen, das Quantum an Glück. Den Freizeitwert als immaterielle Beute nach Hause schleppen.

Früher waren das nur Dia-Abende, mit denen man Freunde, Nachbarn und Verwandte gefoltert hat. Heute foltern alle alle. Auf Facebook, Instagram, TikTok und anderen sozialen Medien peinigt jeder jeden. Und wir sehen, wie sich die gepeinigten Peiniger gegenseitig mit den Fotos und Videos von den schöneren Altstädten, den verlasseneren Stränden, den wilderen Partys und pittoreskeren Felsformationen auspeitschen. Aber all das natürlich nur als Hintergrund, als natürliche Fototapete für das vor Entspannung verzerrte Gesicht des Urlaubers, das uns wortlos mitteilt: "Schaut her, ich bin so glücklich. Keiner erholt sich gerade so mega-maximal wie ich. Ich lebe den Traum!"

Leider ist es nicht sein Traum.

Irgendjemand hat ihn in den Urlauber hineingeschrieben. Und jetzt läuft das Programm. Wie die Männchen der Gottesanbeterin, die wider alle Vernunft einen Paarungsakt anstreben, den sie nicht überleben werden, so strebt auch der Urlauber einen Urlaubsort an, der ihn unbefriedigt wieder ausspucken wird. Und das, obwohl der Urlaubsort das Gegenteil verspricht.

Er sagt: "Die Welt ist schlecht, aber hier ist es gut. Komm!"

Und der Urlauber kommt. In den Urlaubsort.

Der perfekte Urlaubsort

Und natürlich ist der perfekte Urlaubsort nicht die verlassene Bucht irgendwo an der albanischen Küste oder das unberührte Bergdorf in den Pyrenäen. Auch die unberührten Wälder Norwegens sind nicht gemeint, so wenig wie die Flora und Fauna im Donaudelta. Denn dort würden den Urlauber zwar beeindruckende Bilder, Gerüche und Erfahrungen erwarten, vielleicht sogar ungeahnte Eindrücke, ja, aber keine Zentralheizung, kein Whirlpool und kein Nagelstudio. Und das will der Urlauber ja eigentlich. Alles, was er von zuhause kennt, alles, dem er gerade entflohen ist, möchte er wiederfinden, hier am Urlaubsort.

Und noch viel mehr. Der Urlaubsort muss eine Wohlfühlmaschine sein, ein begehbarer Uterus, der uns ständig sagt: "Kein Problem, wir machen das für Sie. Gerne!" Eine bewohnbare, eierlegende Wollmilchsau ist der Urlaubsort. Ohne dabei irgendwelche unangenehme landwirtschaftliche Gerüche auszustoßen. Ob Nordsee oder Alpenpanorama, der Tourist soll nicht denken müssen. Supermärkte, die 18 Stunden am Tag offen haben und zwei Minuten zu Fuß vom Meer entfernt sind. Fitnessstudios für die ganze Familie mit Blick auf die Berge. Der Urlaubsort ist eine einzige gebaute Dienstleistungskette aus Beton, Restaurants, Sommerrodelbahnen, Seilbahnen und Wellenbädern. Ausgestattet mit Kammerkonzerten, Küstenkabarett und Großbildfernseher auf jedem Zimmer. All Dein Abwasser und Deinen Müll nimmt man hier selbstlos auf und möchte nichts dafür - außer Dein Geld.

Und zur Abwechslung gibt es echte, authentische Traditionen und total originale Volksfeste, die extra für
den Urlauber erfunden worden sind. Der Gast bestaunt die verrückten Leute aus den Bergen in Pferdewägen mit Gamsbart oder die knorrigen Menschen an der See, die Tee trinkend Schafe hüten. Und das machen sie wirklich immer - wenn die Gäste da sind.

In dem Fegefeuer des Tourismus jedoch, das findige Geister "Zwischensaison" getauft haben, sieht es anders aus im Urlaubsort.

Alles muss schön sein

Plötzlich ist er abweisend. Er will nicht, dass Du da bist. Du störst. Wie der Investigativjournalist in der Großschlachterei, die Feministin im Puff, der Sexualforscher in der Klosterschule: Man will Dich nicht. Denn das, was hier passiert, soll niemand sehen. Vorbei ist die Leichtigkeit, das urige Laisser-faire, diese hart antrainierte, menschenfreundliche, extrem natürliche Unbekümmertheit. Jetzt wird hier gearbeitet, geputzt, ausgebessert, geschuftet, geschraubt, geschliffen und betoniert. Es herrscht gnadenloser Zeitdruck. Denn es muss alles wieder schön sein. Alles. Und zwar bald. Die Bagger müssen verschwunden, der Lack getrocknet, die Glasfaserkabel verlegt sein, bis er kommt. Er, der alles entscheidet. Durch sein Wohlfühlen, durch sein Dasein und sein Geld. Der Urlauber.

Und tatsächlich steht er dann ein paar Wochen später da, mitten in der für ihn hergestellten, potenziellen Mega-Erholung, im High-End-Fun zum Power-Relaxen, er steht da und schaut auf Berge, Seen oder das Meer und denkt sich: "Scheiße. Ich kann das nicht."

Und ist unglücklich. So wie immer, nur woanders.

Das ist Urlaub.