Unter dem Schutt der Twin Towers begraben sind nicht allein die Toten. Auch die Denkungsart - soll man sagen: der oder einschränken auf vieler? - Künstler hat sich verformt wie die Stahlgerüste des World Trade Centers. Mit einem Mal musste man sich in einer Welt, die man weitestgehend säkularisiert glaubte, mit Religion auseinandersetzen. Und nicht allein das: Gerade den Islam galt es, neu zu bewerten, ausgerechnet die Religion, die man traditionell ganz anders sah.

Zum besseren Verständnis dessen, was der Anschlag des 11. Septembers in Künstlerpsychen ausgelöst hat, bedarf es einer Rückblende.

Seit der Aufklärung war das Christentum, speziell dessen katholische Ausprägung, der Feind der Wissenschafter und Künstler. Zu lange hatten Päpste und geistliche Kongregationen in Rom festgesetzt, wie die Welt aussieht und auf welche Weise künstlerisch erfasst werden darf. Giordano Bruno wurde im Jahr 1600 auf dem Scheiterhaufen verbrannt, weil er den göttlichen Schöpfungsakt als auch das Jüngste Gericht bezweifelt hatte. Nikolaus Kopernikus und Galileo Galilei sind weitere Leidtragende kirchlicher Doktrinen.

Doch nicht allein die Wissenschaft stand unter Glaubensdruck: Auf dem "Index librorum prohibitorum" (Verzeichnis der verbotenen Bücher) landeten auch Werke der Literatur, wenn sie gegen die römischen Sittenlehren verstießen. Rund 6.000 Titel umfasste das Verzeichnis. Erst 1965/1966 wurde es vom Zweiten Vatikanischen Konzil stillgelegt.

Angesichts solcher Vorzeichen verwundert es wenig, dass sich in der Aufklärung und deren Vorfeld im Denken der Künstler die Überzeugung eingenistet hatte, das Christentum würde zumindest die Voraussetzung einer Maßregelung der Kunst bis zur Unterdrückung schaffen. Doch es gäbe eine Religion, die ganz anders sei, offen aufgeschlossen und tolerant: der Islam.

Lessings Religion der Vernunft

Tatsächlich schafft der Islam in seiner Frühzeit die Grundlage für solch eine Überzeugung. Die blutigen Eroberungsfeldzüge der Osmanen blendet man geflissentlich aus - christliche Herrscher hatten sich nicht grundlegend anders verhalten. Im Verständnis der aufgeklärten europäischen Künstler lässt der Islam die Wissenschaften blühen, und die Literatur der Antike war in Bibliotheken der islamisch geprägten Regionen bewahrt worden.

Selbst die beiden Türkenbelagerungen Wiens ändern wenig an der Begeisterung. Im Gegenteil: Militärisch war man als Sieger hervorgegangen - jetzt konnte man das Gute von den Besiegten übernehmen; und wenn es der Luxus von Kaffee und Blätterteig war.

Die Islamophilie greift um sich: Gotthold Ephraim Lessing glaubt, im Islam die "Religion der Vernunft" zu erkennen, und Johann Gottfried Herder beschreibt ihn als "poetische Religion". Selbst den Religionsskeptiker Johann Wolfgang von Goethe erfasst die Islambegeisterung: Wollte er das Land der Griechen mit der Seele suchen, verfährt er nun so mit dem Islam. Und wie Goethe vermieden hat, den seelischen Griechenland-Eindruck durch die Realität zu zerstören, so wird er auch kein Muslim, doch er dichtet aus seinem Islam-Verständnis heraus den "West-östlichen Diwan".

Immer häufiger schreiben Dichter Dramen und Komponisten Opern, die aufklärerische und freimaurerische Ideale in einen märchenhaften arabischen Raum verlegen mit toleranten muslimischen Potentaten, die ihre Herrschaft auf der Basis von Vernunft und Güte ausüben.

Dass im Islam nicht alles so perfekt ist, wie es der freigeistige Künstler haben will, erfuhr man allerdings vor dem 11. September. Da gab es den Fall von Salman Rushdie. Der indisch-britische Schriftsteller wurde vom iranischen Staatschef Chomeini am 14. Februar 1989 zum Tod verurteilt, weil sein Roman "Die satanischen Verse" gegen den Koran und damit gegen den Islam gerichtet sei.

Ein Schock für die Künstler: Der Islam gebärdet sich wie die Kirche des Mittelalters. Da aber der Islam keinen obersten Geistlichen mit allumfassender Lehrbefugnis kennt, gibt es von islamischer Seite Widerspruch zu Chomeini. Die Erregung legt sich. Noch einmal kann man sich mit dem überkommenen Verständnis vom toleranten Islam arrangieren.

Über den Terror des 11. Septembers freilich kommt man nicht mehr hinweg. War zwar die Reaktion Chomeinis im Fall Rushdie als barbarisch gewertet worden, so hatte der Autor doch in eigener Person die Muslime provoziert. Was aber hatten die 2.977 Toten und mehr als 6.000 Verletzten des World Trade Centers dem Islam angetan?

Der Terror - ein Kunstwerk?

Wie groß die Verwirrung bei manchen Künstlern war, lässt die Reaktion des deutschen Komponisten Karlheinz Stockhausen erkennen: "Also, was da geschehen ist, ist natürlich - jetzt müssen Sie alle Ihr Gehirn umstellen - das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat." Auch der britische Konzeptkünstler-Star Damien Hirst sieht es so: "Die Sache mit 9/11 ist die, dass es im Grunde schon für sich genommen ein Kunstwerk ist." Beide relativieren, nachdem ihnen der mediale Gegenwind zu Bewusstsein gebracht hat, wie sehr sie sich ins Out manövriert haben.

Doch Stockhausen und Hirst artikulieren bloß laut und ungeschickt die Ratlosigkeit, wie man auf den 11. September künstlerisch reagieren soll. Verstummt die Kunst angesichts der übermächtigen dokumentarischen Bilder? Oliver Stone unternimmt in seinem Film "World Trade Center" einen Aufarbeitungsversuch, Bruce Springsteen einen mit seinem Album "The Rising", Don DeLillo einen im Roman "Falling Man". Bei den Komponisten sollte man eine Flut an Trauermusiken erwarten - doch sie bleibt aus. Gerade einmal Steve Reich reagiert mit "WTC 9/11", John Corigliano komponiert "One Sweet Morning" und Anthony Davis "Restless Mourning", während John Adams’ "On The Transmigration of Souls" die einzige große Auseinandersetzung mit 9/11 auf dem Gebiet klassischer Musik bleibt.

Es ist keine Gleichgültigkeit, sondern Koordinatenverlust. Den Islam vor dem Islam retten, scheint jetzt die unausgesprochene Devise. Denn da sind tatsächlich die aufgeklärten Muslime, die sich mit Abscheu von den Terrorakten abwenden.

Viele Künstler geben sich vorerst einer neuen, einer differenzierten Islamophilie hin. Katalysator ist die Hetze ultrarechter Gruppierungen gegen unterschiedslos alles, was islamisch ist. Im Gegenzug will man immer noch in Vernunft und Toleranz das Grundprinzip des Islam erkennen - im Gegensatz zu christlichen Bekenntnissen, die ihre liebe Not haben mit Künstlern wie Hermann Nitsch, George Tabori oder Gottfried von Einem. Freilich fällt es, nach den Konflikten um die Mohammed-Karikaturen und den Anschlag auf Charlie Hebdo, immer schwerer, dem unterdrückerischen Kreuz einen befreienden Halbmond entgegenzuhalten. Immer öfter muss man zurückgreifen auf glorreiche, aber vergangene Zeiten, in denen sich der Islam auch in einer Machtposition freiheitlich gebärdete.

Doch gerade in der Verteidigung zeigt sich, wie problematisch das Verhältnis der Künstler zum Islam tatsächlich geworden ist. Goethe konnte noch schwärmen - aber nach den Anschlägen auf das World Trade Center sind die klaren Linien aufgeweicht. Welche Position auch bezogen wird, sie lädt zum "Ja, aber" ein.

Eigentlich müsste gerade das ein Feld sein, das die Künstler nur zu gerne beackern. Dennoch liegt es brach. Vielleicht aber ist auch das Verstummen eine Aussage. Ein Verstummen, das nichts mit einer fehlenden Auseinandersetzung mit dem Islam zu tun haben mag, sondern mit dem Terrorakt selbst. Denn jede künstlerische Aufarbeitung wäre eine Ästhetisierung. Wie aber sollte man, wie könnte man dem Terror, egal, von welcher Seite er ausgeübt wird, mit Ästhetisierungen begegnen?