Die Zeiten, in denen der Narrenturm nur Medizinstudierenden vorbehalten war, sind vorbei: Medizinisch Interessierte dürfen zum ersten Mal auch abseits von Führungen die pathologisch-anatomische Sammlung des Naturhistorischen Museums auf eigene Faust entdecken.

Das erneuerte Museum auf dem Gelände des Alten AKH empfängt seine Besucher in den ehemaligen Zellen der Patienten des Narrenturms, die nach behutsamer Renovierung jetzt die mehrteilige Ausstellung beherbergen. Der Aufarbeitung der Vergangenheit des "Narrenthurms" und seiner Bewohner wird ebenso Fläche gewidmet wie der Genese der sich aktuell in ihm befindlichen Sammlung, zudem gibt es Platz für wechselnde Ausstellungen. Den größten und bedeutendsten Teil macht aber die neu zusammengestellte Kollektion aus Moulagen und Feuchtpräparaten aus.

Die unter der Leitung von Karin Wiltschke-Schrotta entstandene Ausstellung führt Besucher mit der dem Thema gebotenen Sensibilität an die Exponate heran und verleiht ihnen den nötigen Kontext innerhalb des jeweiligen Krankheitsbildes. Von Raum zu Raum führt die Exposition durch unterschiedlichste pathologische Phänomene des menschlichen Körpers. Kardiologische Erkrankungen werden in ihren Ursachen, Ausprägungen und Behandlungsmethoden ebenso abgedeckt wie fötale Missbildungen und entzündliche Erkrankungen.

"Absichtlich klinisch"

Dabei soll in der aktuellen Ausstellung der Fokus nicht auf den dort präsentierten Objekten liegen, sondern auf den Krankheiten, die sie repräsentieren. Man wolle weg vom Voyeurismus und hin zur Wissenschaft, so Eduard Winter, der am fachlichen Konzept mitgewirkt hat. Daher sei das Museum "absichtlich klinisch" gehalten.

Ganz am Puls der Zeit, bietet die Ausstellung im Narrenturm neben den Exponaten der Krankheitsbilder auch moderne Elemente. Wandgrafiken geben den physiologischen Erscheinungen zusätzliche Bedeutung im Rahmen ihrer innerkörperlichen Prozesse. Zusätzlich sorgen interaktive Inhalte über Touchscreens und eine Augmented-Reality-Station für mehr Immersion ins Thema menschlicher Körper. Führungen durch die Dauerausstellung werden von jenen gehalten, die der Materie am nächsten sind: Studierenden der Medizin.

Der Wechsel von der reinen Sammlung von Unterrichtspräparaten für Nachwuchsmediziner hin zur Ausstellung für die Öffentlichkeit ergibt sich aus neuen Erfordernissen an die Exponate verglichen mit früher. Dank moderner Fotografie sei es nicht mehr nötig, die wachsende Menge angehender Mediziner anhand einzelner Organpräparate auszubilden. Trotzdem, so Winter, sei es wichtig, "den wissenschaftlichen Charakter zu wahren".

Einher geht die Wiedereröffnung der anatomisch-pathologischen Sammlung mit dem Abschluss der seit 2012 andauernden Restauration des Narrenturms unter der Schirmherrschaft von Architekt Thomas Kratschmer. Die Generalsanierung wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt ausgeführt und von Archäologen und Bauforschern begleitet. Es wurde ein Gesamtbudget von aufgerundet 7,1 Millionen Euro aufgewendet. Während beim Fassadenputz auf historische Rezepturen gesetzt wurde, achtete man bei Fensterflügeln und -stöcken auf möglichst originalgetreue Wiederherstellung. Auf moderne Baustoffe wurde verzichtet, so weit es nur ging.

Die historische Bedeutung des Narrenturms ist nicht nur gegeben durch seine Architektur, die als Manifest des Klassizismus gilt, sondern auch durch seinen Stellenwert als weltweit erste erbaute Einrichtung zum Zweck der Behandlung psychisch Kranker. Durch die neue Dauerausstellung des Pathologisch-anatomischen Museums wird es jetzt auch Laien möglich, die Komplexität des Gebäudes, aber auch der menschlichen Gesundheit zu erfassen - und sich im Souvenirshop anschließend ein Stofftier in Coronavirusform zu kaufen.