Den Beginn meiner Sonderbar-Werdung markiert ein Geschehen, das den Wutbürger in mir aufrief, jene Person, die Tragödien nicht als Schicksal, sondern als Teil einer Verschwörung versteht. Die Tragödie: Die in meiner Mietwohnung fast dreimeterhoch residierende Kühl-Gefrier-Kombi einer italienischen Marke, die einem internationalen Konzern gehört, der in Polen fertigen lässt, fiel exakt 16 Tage nach Ende der Garantie aus, ging kaputt. Wie man in Social-Media-Foren zum Hersteller lesen kann, ist das kein Einzelfall. Wobei ich, mit meinen nur 16 Tagen, herausragend hervorrage.

Ich informierte den Konzern, der mir freundlich aber bestimmt als kulante Lösung vorschlug, den mit dunkelgrauer Plastikfolie bedrohlich aussehenden Kälteschrank für lediglich 214 Euro reparieren zu wollen. Mein Vermieter, dem das finstere Trumm gehört und der offenbar in Geld zu schwimmen pflegt wie Onkel Dagobert in seinen Geldspeichern, fand den Vorschlag des Elektro-Multis gar nicht so übel. Doch ich denke nicht im Geringsten daran, dieses Verschrott-System zu belohnen, das sich verendeter Geräte, deren Reparatur sich im Spätkapitalismus nicht lohnt, auf afrikanischen Mülldeponien entledigt - wie man in unzähligen, anklagenden Arte-Dokus sehen kann.

Original-Kühlschrank-Aussteiger-Wasserkiste mit Fressalien. Und Wein. 
- © Klimek

Original-Kühlschrank-Aussteiger-Wasserkiste mit Fressalien. Und Wein.

- © Klimek

Also schob ich den Koloss, der sich erstaunlich leicht schieben lässt - das alleine sollte schon skeptisch machen, dass diese Teile nichts mehr wiegen - aus dem rechten Ende meiner Küchenzeile in mein Vorzimmer, wo er nun dunkel und still, mit Flaschen österreichischer Qualitätsweine befüllt, seine Strafversetzung lebt.

Keine Eiswürfel

Doch was tun ohne Kühlschrank? Wie lebt man ohne industrielle Kühlung leicht verderblicher Lebens- und Genussmittel? Geht das überhaupt?

Das, was ich zuerst vermisste, das waren die Eiswürfel, die ich jeden Tag spätabends in meinen Torferde-Scotch-Gutenachtdrink-Tumbler warf. Ich weiß, Eiswürfel im Whisky sind der Frevel schlechthin. Aber ich finde, dass harte Spirituosen am besten schmecken, wenn sich ein bisschen vom Eis zu eiskalten Wasser verflüssigt und dabei beim One-Shot-Kippen den Kern des hochprozentigen Getränks nur gering penetriert. Diesen Gedanken weiter auszuführen bedarf es aber einer eigenen Geschichte, die die puristische Hartgetränke-Redaktion dieser Redaktion gewiss nicht beauftragt.

Die ersten Tage meines Widerstands gegen industrielle Kühlung im Haushalt ging ich essen und kaufte für den späten Hunger allerlei Knabberzeugs, das selbstredend, wie der verstorbene Kühlschrank, auch aus industrieller Produktion stammt. Danach, als mir das Geld zum Essengehen ausging, weil ich stets nur in Spitzenbeisln essen gehe und mich beim Weinkonsum nicht zurückhalte, kaufte ich Konserven: Linsen mit Speck, Bohnen mit Speck, Linsenbohnen mit Speck und anderes aus freilich ebenso industrieller Produktion. Nicht nur, dass dieses Zeug grässlich nach Geschmacksverstärkern riecht und schmeckt, ist die Bandbreite der Fertigkonserven, trotz Bemühung multikultureller Rezepturen, gelinde gesagt gering. Auch die etwas teurere Fertiglasagne eines etwas teureren italienischen Pasta-Produzenten wollte nicht so recht munden. Ich sah ein, dass mein bisher gelebtes Prinzip, nur mit guten, biodynamischen Grundprodukten zu kochen, auf Kühlung im Haushalt nicht verzichten kann. Fast war ich versucht, den multinationalen Konzern nach Tagen der Beschweigung doch noch eine Mail mit Terminvorschlägen zu schicken.

Wo sich die Irren treffen

Doch nix da, schrie der Wutbürger, der Querdenker in mir. Und mein ansonsten oft Moralzwerg wuchs zum Riesen an.

Das alles geschah vor wenigen Wochen, im Hochsommer. Draußen hatte es oft fast vierzig Grad, in der Wohnung nur wenig weniger. Ich musste was tun! Also ging ich in Social-Media spazieren, dort, wo sich alle Irren treffen, und fand mehrere Gruppen Modernitätsverweigerer und in jenen auch Selbstversorger, die industrielle Kühlung aus ethischen Gründen ("Stromerzeugung stützt verbrecherische Energieriesen") ablehnten. Hier fand ich mein neues Zuhause, hier wurde mir geraten, gleich mehrere Volumen (Badewanne, Waschbecken) mit kaltem Wasser aufzufüllen und zu kühlende Lebensmittel darin zu versenken. Zwar sind einige der Protagonisten dort auch mit Staatsverweigern und dem Reichsbürgertum intim, und nicht jeder kann so wie Mike M. aus Sonneberg in Sachsen über einen eigenen Kaltwasser-Brunnen verfügen, der ihn vom Schweinesystem unabhängig macht, doch will ich dann doch nicht nackt in der Wanne duschen, wo mir die eingeschweißte Bio-Knackwurst auf das Geschlechtsteil glotzt. Und auch die drei Waschbecken im Haushalt nütze ich gern anderweitig.

Also nichts wie ab in den Stadtrand-Baumarkt und drei graue Plastikkisten besorgt, jene mit Kaltwasser aufgefüllt und auf den Balkon gestellt. Nachteil: Auf Balkonien ist es genauso heiß wie am Asphalt unten. Soll ich wegen meiner Kühlprobleme jetzt eine schnelle, kühlende Begrünung meiner kleinen Terrasse einleiten? Nee!

Erstaunlicherweise bleibt das kühle Wasser in den grauen Kisten bis zu vier Stunden kalt. Das verschaffte mir Luft, darüber nachzudenken, wie dieses, mein neues System im Alltag aufrecht zu erhalten sei. Und da gab es nicht gerade viele Möglichkeiten, außer, auf die dunkle Seite des Mondes oder nach Grönland zu übersiedeln. Doch selbst Grönland oder die Antarktis sind in Sachen Kälte keine sichere Bank mehr.

Wassertausch also. Das bedeutet, die schweren Kisten alle drei bis vier Stunden vom Balkon ins Badezimmer zu tragen, dort neu zu gießen und dann die Teile wieder rauszuschleppen und dort zu positionieren, wo sie mein sorgsam ausgewähltes Interieur nicht grobklotzig konternd stören. Was tat ich: Ich ließ die größte Kiste im Bad, neben der Wanne stehen. Und füllte sie proppenvoll, was die anderen beiden Kisten arbeitslos machte. Damit beugte ich auch vor, mit einer der Kisten im Wohnbereich hinzufallen, das Parkett zu fluten und auf eine gnädige Haushaltsversicherung zu hoffen, die das Übertünchen der Nässeschäden des Nachbarn unter mir bezahlt. Auch ist mein Kreuz nicht mehr das jüngste und ich will nun wegen ein paar Fressalien kein Rückentraining buchen.

Keine Hühner, dafür Impfung

Im Bad hält die Kälte bis zu sechs Stunden an, und über Nacht die ganze Nacht. Lösung gefunden? Lösung gefunden! Gleich teilte ich meinen Erfolg in den einschlägigen, zivilisationsfeindlichen Foren, die mich zuvor auf die Idee gebracht hatten. Der Applaus hielt sich aber ab jenen Moment in Grenzen, in dem ich gestand, weiter auf die Versorgung durch Versorger zu setzen, anstatt im eigenen Balkongarten Obst und Gemüse anzubauen und Hühner zu halten wie es Cindy B. aus Meißen in Sachsen tut. Zudem bin ich geimpft und empfehle die Impfung. Das war für die meisten Mitleser dann zu viel - ich wurde ausgelacht und blockiert. Cool fanden mich nur drei Jungs aus Mecklenburg, die auf freiem Feld Pflanzen anbauen, die in Rauch- und Backwaren versteckt heitere bis halluzinogene Zustände auslösen. Doch was soll’s? Ich hatte, was ich wollte.

In Sachen Stromverbrauch ist der Verzicht auf industrielle Kühlung auch nicht ohne, wie ich begleitend googelte: Bis zu zehn Euro im Monat kann die Ersparnis betragen, ein Betrag, den ich im Dezember dann feixend in einem Sternerestaurant verfuttere. Mittags freilich, denn mit 120 Euro werde ich abends in der Luxusgastronomie gerade mal zwei Vorspeisen und eine Halbflasche Veltliner gereicht bekommen.

Der nun nahende Herbst macht mir keine Sorgen - ab Ende Oktober stehen die Kisten wieder am Balkon. Wenn Minusgrade die Welt versteinern, dann wässere ich - auch das weiß ich aus den Foren - meine Kiste gering mit Warmwasser aus dem Boiler. Der im Vorzimmer dämmernde Kühlschrank wird nur repariert, wenn die Sehnsucht nach Eiswürfel mein Fridays-for-Future-Denken in den Abfluss spült.