Die Sorge für einander hat an Gewicht gewonnen. Und damit die Frage, was einzelne Disziplinen dazu beitragen können - auch Architektur. Es ist daher weniger eine neue Ästhetik des Bauens, die aktuell im Architekturzentrum Wien (AzW) zur Schau gestellt wird, als eine neue Haltung des Bauens, eine neue Haltung der Koexistenz. Mit einer klassischen Architekturausstellung hat "Tatiana Bilbao Estudio" daher auch wenig zu tun - zugleich Reiz wie Hürde des poetischen, detailreichen Konzeptes, das man sich als Besucher aktiv erarbeiten, ja erstöbern muss.

Im Zentrum der Arbeit der 1972 geborenen mexikanischen Architektin Tatiana Bilbao stehen Menschen, die einen Raum einmal nutzen werden: "Wir müssen zuerst die Geschichte eines Ortes verstehen, um auf ihn reagieren zu können, um aus ihm einen Raum entstehen zu lassen", erklärte Bilbao bei der Ausstellungseröffnung. "Für uns zählen diese Geschichten mehr als Zahlen", so die Architektin. "Wir versuchen bei allen Projekten, die Umstände aus verschiedensten Perspektiven zu analysieren. Jedes Projekt hat eine völlig unterschiedliche Herangehensweise. Wir versuchen, mit den künftigen Bewohnern in Kontakt zu kommen, führen viele Gespräche und versuchen, Dialoge anzuregen."

Architektin und Forscherin Tatiana Bilbao. - © Tataiana Bilbao
Architektin und Forscherin Tatiana Bilbao. - © Tataiana Bilbao

An die Natur geschmiegt

Und wie lassen sich diese Gespräche und Geschichten dann in Architektur verwandeln? "Das ist tatsächlich nicht immer einfach", lacht Bilbao. "Es passiert uns mitunter, dass wir am Ende der Recherche stehen und sagen: Und jetzt?" Diese Offenheit, Fragen zuzulassen und nicht mit fertigen Konzepten in ein Projekt zu gehen, macht den Reiz der Arbeitsweise aus. Was die dabei entstehenden Häuser, Siedlungen und Parks verbindet, ist nicht eine einheitliche Ästhetik, es ist das Konzept von Fragen und Zuhören. In der Schau präsentieren sich die verschiedenen Wege wie der Blick in die Sammlung eines Weltmuseums: Bunte Webproben für einen Teppich liegen neben Lehm-Proben, knorrigen Wurzeln und getrockneten Samen, Gesteinsproben ergänzen Vasen und Haushaltsgegenstände. Renderings gibt es keine, Pläne kaum, die Wände über den Schubladen und offenen Schaukästen sind von farbenfrohen Collagen dominiert, gefertigt aus getrockneten Blättern, bunten Zeichnungen, verschachtelten Holzblöcken. Im Zentrum dann doch Architekturmodelle, verteilt auf einer großen weißen Fläche, die händisch mit einer Landschaft bemalt ist, die die Objekte mit ihrer Umgebung verknüpft, sie in sie einschreibt.

Kraftvolle organische Collagen statt kühler digitaler Renderings kamen auch bei der Planung des Meeresforschungszentrums Cortes in Mexiko zum Einsatz. - © Tatiana Bilbao Estudio
Kraftvolle organische Collagen statt kühler digitaler Renderings kamen auch bei der Planung des Meeresforschungszentrums Cortes in Mexiko zum Einsatz. - © Tatiana Bilbao Estudio

Die präsentierten Projekte sind allesamt sehr landschaftlich, leben von der Koexistenz von Natur und Kultur, scheinen beinahe organisch aus ihrer Umgebung heraus zu wachsen. Das Meeresforschungszentrum in Cortes scheint sich aus der Erde zu schälen, im Einfamilienhaus in Nuevo León scheinen Natur und Wohnraum wie verwachsen, ein Hotelkomplex in der Baja California scheint sich förmlich an die Topografie anzuschmiegen.

Traditionelles Handwerk und absolute Naturnähe beim Wohnhaus "Los Terrenos" in Monterrey, Nuevo León, Mexiko, realisiert 2012 bis 2016. - © Rory Gardiner
Traditionelles Handwerk und absolute Naturnähe beim Wohnhaus "Los Terrenos" in Monterrey, Nuevo León, Mexiko, realisiert 2012 bis 2016. - © Rory Gardiner

Landschaft versteht Bilbao als Summe von Geschichte, Gesellschaft, Wirtschaft, Natur und Kultur, Architektur als die Materie gewordene Identität, die in der Interaktion all dieser Elemente entsteht und wieder auf sie einwirkt, "sich in den Boden einkerbt".

Neben dem sorgsamen Umgang mit Ressourcen steht für Tatiana Bilbao auch die soziale Verantwortung im Fokus: "Architektur hat große Macht, Leben zu beeinflussen - in guter und in schlechter Weise. Ich habe meine ganze Karriere daran gearbeitet, wie wir diese Macht für jene nutzen können, die keine ökonomische Macht besitzen."

Ausstellungsansicht "Tatiana Bilbao Estudio" im Architekturzentrum. - © Lisa Rastl
Ausstellungsansicht "Tatiana Bilbao Estudio" im Architekturzentrum. - © Lisa Rastl