Does it spark joy?" - Mit dieser Frage geht Aufräumexpertin Marie Kondo an jeden Gegenstand ihres Haushalts heran. Von Kleidung bis Küchengeschirr, nichts ist sicher vor dem Ausmistwahn, der sich in den letzten Jahren erneut, auch dank des japanischen Organisationstalents, breitmacht. Wieder, weil die Tendenz zum Minimalismus dem Menschen schon lange anhängt und sich in Wellen immer aufs Neue an die Medienoberfläche hebt. Doch muss jedes Objekt im Haushalt wirklich einen Glücksfunken beim Besitzer auslösen? Und ist diese neue Wegwerf-Philosophie für jedermensch geeignet oder ist sie nicht doch eher ein Privileg, das Wohlhabenden vorbehalten bleibt?

Die zierliche Marie Kondo kommt mit mehreren riesigen Plastikcontainern angewackelt, Jim, der in die Jahre gekommene Inhaber einer ihm über den Kopf gewachsenen Baumschule, schaut perplex. Die Kisten, fast größer als die Japanerin, sind eines ihrer Markenzeichen. In die einen kommt, was glücklich macht, in die anderen, was keine Gefühle auslöst. Übervolle Kleiderkästen, Küchenladen, die vor Besteck überquellen, die jahrzehntealte riesige Kollektion an kitschigstem Weihnachtsschmuck - nichts bleibt vom erbarmungslosen Ordnungsprinzip der Autorin mehrerer Organisationsguides im Haushalt verschont. In ihrer neuesten Netflix-Serie "Glück und Freude mit Marie Kondo" erweitert sie ihr Fachgebiet vom trauten Heim auch auf Unternehmen. Freilich sortiert sie jetzt nicht Jeff Bezos berüchtigte Amazon-Lagerhallen, sondern konzentriert sich auf Kleinunternehmen und Einzelpersonen. Denen verhilft Kondo Folge um Folge zu fast schon spiritueller Ordnungs-Erleuchtung.

Überdrüssiges wird entsorgt

Marie Kondo selbst sieht sich nicht als Vertreterin des Minimalismus, agiert aber im Endeffekt nach denselben Prinzipien: Alles Überflüssige und vor allem dem Menschen Überdrüssige kommt weg und wird nicht etwa auf den Dachboden verfrachtet, sondern gleich auf die Deponie verdammt. Eine Philosophie, die zwar für ein geordnetes Zuhause sorgt, nicht aber für eine nachhaltigere Lebensweise. Denn das grundlegende Problem verdrängt die Organisationsspezialistin: Die seit Jahrzehnten gepflegte Wegwerfkultur, die sie mit ihrer Konmari-Methode weiter befeuert. Jährlich produziert ein Österreicher durchschnittlich 570 Kilogramm Abfall. In den USA, wo Kondo "hilft", sind es pro Kopf sogar 809 - Tendenz steigend.

Doch in all den Folgen sieht man immer nur Menschen, denen es finanziell gut geht. Riesige Häuser, vollgemüllt mit dem unnützesten Klimbim, Massen an Kleidung und Plastikspielzeug. Ein Luxus, den man sich erst einmal leisten können muss. Und so verhält es sich auch mit dem minimalistischen Lebensstil. Hier wird stattdessen auf einige wenige hochwertige und entsprechend teure Objekte gesetzt statt auf viele billige minderwertige. Aber wer sich von immerhin fast 15 Prozent der österreichischen Beschäftigten im Niedriglohnsektor Massivholztisch statt Möbelix-Spanplatte mit Beinen leisten soll, bleibt offen. Denn auch wenn man optimistisch von der Niedriglohngrenze von 1.740 Euro brutto monatlich ausgeht, lassen sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht mal eben Miete, Essen und eine Vollholz-Sitzgarnitur vom XXXLutz zahlen. Eher reichen die in Wien knapp zum Leben.

Doch im Minimalismus ist sparen sowieso nicht Sinn und Zweck. Zwei weitere Netflix-Minimalisten Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus, die sich in ihrer Dokumentation "Minimalism - A Documentary about the Important Things" dem Experiment Minimalismus gestellt haben, fassen das Prinzip so zusammen: "Minimalismus ist ein Mittel, dich des Überflusses deines Lebens zu entledigen, um dich auf das Wichtige zu fokussieren - damit du Glück, Erfüllung und Freiheit finden kannst."

Ob Tiny House oder die Beschränkung auf die klischeehaften 100 Dinge im persönlichen Besitz, Voraussetzung ist immer erstmal ein ordentliches finanzielles Polster. Schließlich kostet so ein kleines Haus auf Rädern ab 15.000 Euro - wenn man ganz sparsam ist. Unleistbar für Mieter, die so gerade eben die Kaution für die nächste Wohnung zusammenkratzen. Und auch die hundert Gegenstände klingen verklärt. Stellt sich heraus, dass man dringend etwas Neues braucht, etwa einen Anorak für den Winter, dann muss von den bisherigen 100 Gegenständen etwas weichen. Adieu Bikini - bis zum nächsten Sommer, wenn ein neuer gekauft und der Mantel entsorgt wird.

Mehr Achtsamkeit

Dabei waren die Anfänge des Minimalismus aufs Gegenteil ausgerichtet. Sozialphilosoph Richard Gregg brachte das Konzept des Werts freiwilliger Einfachheit in Gang, bei der auf den unnötigen Besitz von Plunder verzichtet werden sollte und stattdessen der Wert auf immaterielle Güter wie Freundschaft gelegt werden sollte. Sein System ging mit dem Gedanken einher, dass sich durch diese Besinnung auf Wesentliches auch zumindest das Gefühl der Armut lindern ließe, wenn Reiche freiwillig verzichten würden.

Dass dieses Prinzip nicht ganz aufging, sieht man an den klinisch minimalistischen Designervillen rund um den Globus. Und auch weitere Vertreter dieser "Voluntary Simplicity" demonstrieren Wertvorstellungen, die der von Marie Kondo eigentlich so gar nicht entsprechen. Autor Duan Elgin und Sozialwissenschafter Arnold Mitchell gehen etwa nicht nur mit der Frage danach, ob es den Menschen glücklich macht, an Gegenstände des Haushalts heran. Vielmehr fragen sie nach dem Nutzen des Besitzes - ob er zu Selbständigkeit und Aktivität ermutigt oder abhängig und passiv macht. Sie stellen schon in den Siebzigern die progressive Frage, ob man sich seiner Konsummuster und deren Auswirkungen auf Mitmenschen und Umwelt bewusst ist.

Nachgewiesen ist mittlerweile auch in der Wissenschaft, dass diese Form des Verzichts auf übermäßigen Konsum sich positiv auf die Psyche auswirkt. Teilnehmer einer Studie aus 2020 berichteten, dass sie sich durch den minimalistischen Lifestyle freier, bewusster und vor allem glücklicher fühlten.

Doch im Endeffekt will auch Marie Kondo eigentlich, was schon die Vertreter der "Voluntary Simplicity" wollen: mehr Achtsamkeit. Aber während die sich damit auf die Auswirkungen des Konsums gegenüber dem Planeten beziehen, beschränkt sich die Netflix-Ordnerin auf die eigenen vier Wände. Was außerhalb passiert, interessiert wenig.

Übrigens: Auch die Schweden haben ihre Form des Ausmistens. Beim Döstädning wird der ganze bedeutungslose Kram aussortiert, der sich in einem Menschenleben so ansammelt. Damit sich die zukünftigen Hinterbliebenen nicht mehr nach dem Ableben des Familienmitglieds noch damit abmühen müssen. Auch eine Art der Achtsamkeit.