Guten Morgen! - Gerade beim Frühstückskaffee? Ist es schon ein bisserl später? Kaffee nach dem Mittagessen? Kaffee zur Jause? Braucht eh keiner einen uhrzeitlichen Grund für eine Schale Kaffee!

Weshalb Österreich den Tag des Kaffees am 1. Oktober nicht gebührend begeht, also mit einem Kaffeefeiertag, Kaffeeparaden und Beflaggung der Häuser, oder zumindest der Amtsgebäude, mit Kaffeefahnen, hat eine einzige Ursache.

Und zwar - also, man stelle sich vor, Weihnachten wäre einmal pro Monat. Oder man würde seinen Geburtstag einmal pro Woche feiern. Da würde das Besondere fehlen.

Allein schon diese Vielfalt

Und Österreich feiert seinen Kaffee nicht etwa ein Mal im Monat oder ein Mal in der Woche, sondern täglich. Ach was, minütlich trinkt irgendwo irgendjemand im rot-weiß-roten Reich eine Tasse Kaffee. Der Kaffee ist, zumal in Wien, nicht Alltag, sondern Allstunde, Allminute.

Denn Wien ist die Hauptstadt des Kaffees. Lassen Sie sich ja nicht von einem Triestiner Barista etwas anderes einreden!

Allein schon diese Vielfalt!

Pardon, es muss eigenes Erleben einfließen. Innenstadt-Café, Glatzen auf den Samtbezügen, Marmortischplatten mit manch abgeschlagener Kante. Dialog zwischen einem Gast aus dem westlichen Nachbarland und dem gedämpft freundlichen Ober: ‘nen Kaffe, bitte - Gean. Wöchanen? - Na, aus Bohnen halt. - Eh. Owa wos fia an? Mia hättn an Mokka, a Melaunsch, an Vakeatn, an Kapuzina, an Franziskana, an Valängatn, an Fiaka, an Einspänna . . . - Hörn Se mia auf mit den Mönchn und den Pfeadn, da schwirrt einem ja der Kopf. Bring Se mia ’nen janz normaln Kaffe. Is doch janz einfach! - Aafoch, gnä Hea, is in Wien goa nix.

So war’s. Schmähohne. Beweis: "Wien" hat er gesagt, der Ober, nicht "Wean". "Wean" ist Wienerlied, aber nur in Ausnahmefällen Dialekt und kaum je Umgangssprache.

Oha! Ausgeschwappt. Gerade jetzt! Ein Künstler würde aus dem Kaffeefleck ein Bild machen. So wie der vielfach talentierte Victor Hugo, Autor des "Glöckners von Notre Dame", der mit seinen Zeichnungen aus Kaffeespritzern zu einem Vorläufer der Abstraktion in der Malerei wurde.

Wo waren wir gerade vor dem malheureusen Café au lait? Ach ja, bei Wien und den Kaffeezubereitungsarten, den richtigen, nicht denen von einem Barista. Es ist doch ganz einfach, obwohl in Wien, da hat der Ober schon recht, nichts einfach ist.

Außer dem Kaffee.

Also: Basis ist der Mokka, ein schwarzer Kaffee, ohne Milch, der Schwarze. Milch verwandelt ihn in einen Braunen, politisch degoutant, kaffeelich deliziös. Ein Mokka mit heißem Wasser verdünnt ergibt einen Verlängerten. Mit einem Drittel Milch plus einem Drittel Milchschaum plus einem Drittel Mokka sind Welt und Kaffee aus dem Lot und man bekommt einen Verkehrten, was ein Barista als Latte Macchiatto bezeichnet. Ein Mokka mit heißer Milch und einem Milchschaumhäubchen macht eine Melange. Mengt man dem Mokka ein paar Tropfen Schlagobers bei, setzt ihm eine Schlagobershaube auf und bestreut diese mit Schokoladeflocken, ist das ein Kapuziner, woraus der Barista einen Cappuccino gemacht hat. Ganz ehrlich? - Wien ist auch beim Schnitzel überlegen. Wird ein Mokka schlagobersbekrönt, ist das Resultat ein Einspänner und muss naturgemäß im Glas serviert werden, weil sich die Fuhrleute auf dem Kutschbock daran auch gleich die Hände wärmen konnten. Mit einem Schuss Rum wird der Einspänner zum Fiaker - die Namen, bitteschön, sind von anno dazumal, heutige Fiaker sind völlig alkoholabstinent. Ein Schelm, der anderes behauptet! Sollte das Schlagobers in einer Tasse und der Mokka im Kännchen getrennt serviert werden, dann ist das selbstverständlich ein Überstürzter Neumann.

(Schauen die Flecken da nicht aus wie Inseln? Oder wie Kaffeebohnen? Victor Hugo, blick herab!)

Keine Ahnung, was am Wiener Kaffee kompliziert sein soll.

Die Wiener Röstung

Wobei für einen echten Wiener Kaffee eine Grundregel die Voraussetzung ist: Es bedarf der Wiener Röstung. Aus italienischem Kaffee wird nie und nimmer eine akzeptable Melange. Die Wiener Röstung ist eher stark, 222 Grad müssen die Bohnen über einen längeren Zeitraum ertragen, und diese Bitternis schmeckt man ihnen an.

Allerdings: Die süditalienische Tiefenbräune ist Wiener Bohne untersagt. Nach Kaffee soll sie schmecken, nicht nach Brandrückständen. Die modernen Wiener Röstereien differenzieren im Rahmen der Wiener Röstung zwischen etwas milderen Röstungen für fruchtigere Filterkaffees und stärkeren Röstungen für den Mokka.

Was aber wäre der Wiener Kaffee ohne seine Legende? Da haben die Türken beim Fersengeldgeben nach der zweiten Belagerung 1683 Säcke mit Kaffeebohnen zurückgelassen. Der ahnungslose polnische König Jan III. Sobieski hat das seinem Offizier und Dolmetscher Georg Franz Kolschitzky übergeben, und der hat, da er die Türkei kannte, gewusst, was zu tun ist, nämlich das erste Wiener Kaffeehaus zu eröffnen.

Ist das nicht schön? Leider ein Schmäh. Nur die Zeit, die stimmt.

(Die drei Kreise, "Sonne über einem Atoll" - ehrlich: eine Kaffeetasse als Paul-Klee-Nachfolgerin!)

Zurück zum Thema: Nicht die Türken waren’s, die uns den Kaffee nach Wien gebracht haben, sondern, ausgerechnet, die Armenier. Kaiser Leopold I. erteilte am 17. Jänner 1685 einem gewissen Johannes Theodat als Dank für dessen Dienste das kaiserliche Patent, das "türkische Getränk, als Caffe, The und Scherbet, zu praeparieren". In der Rotenturmstraße 14 stand Theodats Ausschank. Da saß man auf Holzbänken vor Holztischen. Keine Rede von Kaffeehausatmosphäre - auch nicht, als das Monopol für den Kaffeeausschank auf die griechische Bevölkerung Wiens überging.

Das neue Getränk erfreute sich freilich derartiger Beliebtheit, dass ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts immer mehr Kaffeehäuser dem Wiener Katzenkopfpflaster entwuchsen. Man musste sich etwas einfallen lassen, um die Gäste anzulocken. So kamen Rauchsalons zum Kaffeehaus dazu und allmählich entwickelte sich der Kaffeeausschank zum Wiener Kaffeehaus, wie Peter Altenberg es wählte, um nicht zu Hause, aber doch nicht an der frischen Luft zu sein.

So ist das mit dem Wiener Kaffee. Genau so kann man es schmähohne einem Barista erzählen. Und die Kolschitzkygasse gehört umbenannt in Theodatgasse.

Jetzt lassen Sie sich Ihren Kaffee schmecken! Man kann übrigens auch Tee trinken.

Ja, eh . . .