Nicht nur Journalismus, auch Geschichte ist Wiederholung. Und so verwundert es nicht, dass die Zeitspannen immer geringer werden, die zwischen dem Wiederauftreten von Epochen, Modeerscheinungen und auch Ansichten liegen. Der Corona-Lockdown war ein Startschuss für eine regelrechte Retrowelle, und das in vielen unterschiedlichen Aspekten und Lebensstilen.

Wer in Wikipedia nach der Passage ". . . Hausmusik, der Innenarchitektur und auch in der Kleidermode, zum anderen auf die Literatur der Zeit, die oft mit dem Etikett ‚hausbacken‘ oder ‚konservativ‘ versehen werden. Als typisch gilt die Flucht ins Idyll und ins Private . . ." sucht, kommt nicht zum Corona-Lockdown, sondern zum Eintrag des Biedermeier. Die "Neuentdeckung der eigenen vier Wände" brachte in den letzten 1,5 Jahren einen Retro-Trend in Gang, der in vielen Bereichen nicht zu erwarten war.

Sauerteig und Hüftschwung

Hula-Hoop und Neon: Die Achtziger kamen schneller und umfassender zurück als gedacht. - © Miguel Alcântara
Hula-Hoop und Neon: Die Achtziger kamen schneller und umfassender zurück als gedacht. - © Miguel Alcântara

So feierten Versuche ein autarkes Leben abseits von geschlossenen Geschäften und der entspannenden Beschäftigung mit Lebensmitteln (Brotbacken, Fermentieren, Kochkurse - virtuell, dann auch wieder in der Realität), und kontemplative Tätigkeiten in den eigenen vier Wänden (Nähen, Stricken und Kreuzworträtselhefte) eine große Wiederkehr. Sauerteige wurden en masse gefüttert und aufgefrischt, auch wenn die Bäckereien ohnehin offen hatten. Weck-Gläser, Kraut und Kimchigewürz waren Bestseller. Youtubetrainierte Hobbyköche ließen sich von Lieferdiensten die notwendigen Lebensmittel für ein feines Abendessen nach dem Homeoffice liefern. Ein Trend, den Restaurant auch in Postcorona-Zeiten noch zu spüren scheinen.

Brotbacken als Pandemiehit. - © Jeremy Yap
Brotbacken als Pandemiehit. - © Jeremy Yap

Ausverkaufte Gummibänder brachten die private und kommerzielle Maskenproduktion teilweise zum Erliegen. Mit Maske bekleidet, entdeckte man die Ausflugsziele vor der Haustüre neu und die Wälder waren gefüllt wie lange nicht mehr. Wandern wurde ebenso wiederentdeckt wie Radfahren und das Skateboard. Apropos Sport: Wer ein Kinderfahrrad in Zeiten von Corona gesucht hat, der konnte lange suchen, aber ebenso begehrt waren Hula-Hoop-Reifen - nicht selten in Neon-Farben und Glitzer.

Die 80er kamen schneller und intensiver zurück, als man das gedacht hätte. Auch die Deutsche Bundeswehr zollt den Achtzigern ungewollten Respekt und hat um nicht weniger als 600 Millionen Euro den Nachbau von Funkgeräten aus dem Jahr 1982 in Auftrag gegeben. Der Hintergrund dafür ist allerdings weniger ein nostalgischer als vielmehr das Resultat einer verpassten Technologiewende. Der Wechsel auf neuere, digitale Geräte verzögert sich seit Jahren immer wieder aufs Neue und somit musste man auf diesen Zwischenschritt zurückgreifen, bis man in das digitale Zeitalter aufbrechen kann. Bei den Funkgeräten handelt es sich um einen Nachbau des SEM 80/90, das die Stuttgarter Firma Standard Elektrik entwickelt hat. Die Firma gibt es nicht mehr, aber der französische Rüstungskonzern Thales verlangt nun 20.000 Euro pro Exemplar für die Retro-Hardware.

Neue Weltrekorde

Das Retro-Hardware richtig teuer sein kann, bewiesen in den letzten Monaten auch alte, aber originalverpackte Computerspiele. Ein 25 Jahre altes "Super Mario 64"-Videospiel ist in den USA für 1,56 Millionen Dollar (rund 1,3 Millionen Euro) versteigert worden. Damit hat das Spiel aus dem Jahr 1996 einen Weltrekord für ein originalverpacktes Videospiel aufgestellt. Dies mag zwar weniger der Hauptgrund, aber doch ein Ergebnis eines Trends sein, der sich im Corona-Biedermeier ebenfalls neuer Beliebtheit erfreute, das Keller- und Garagenräumen. Wahre Schätze kamen hier zu Tage. Eben auch alte Computerspiele.

Die Unternehmen reagierten ebenfalls und kündigten einige alte Klassiker in Neuauflagen oder verbesserten Versionen an. So warten Spieler rund um den Globus auf "Diablo 2: Resurrected" oder "Jagged Alliance 3". Alte Röhrenfernseher wurden wieder angeworfen und die Amigas, C64, MegaDrives oder SuperNES dieser Welt wieder ausgepackt. Interessant ist dabei auch, dass in dieser Zeit auch eine neue Mischung aus Retro-Gaming und Retro-Beschäftigung in den Handel kam. Lego brachte Super-Mario-Sets in den Handel, die die legendären Spiele analog nachstellen ließen. Auch ein Bausatz zu einem Nintendo Entertainment System aus Klemmbausteinen wurde veröffentlicht und adressierte definitiv keine Kinder. Auch aufgrund der steigenden Zahl an Videokonferenzen ging der Trend bei der Freizeitbeschäftigung hin zum ruhigen, entspannten Analogen. Rätselhefte wurden ebenso stärker nachgefragt wie auch Puzzles und Brettspiele.

Handarbeit und Handwerk

Wie viele Nähmaschinen aus den hintersten Ecken geholt wurden, kann man nicht genau sagen, aber falls es da draußen wirklich Jungeltern gibt, die keinerlei handgefertigte Kleidung für den Nachwuchs erhalten haben, dann wechseln sie die Freunde. Handarbeiten und Handwerk beziehungsweise langgehegte Wünsche, seiner Kreativität neue Ausdrucksformen zu verleihen, sind immer noch hoch im Kurs. Allerdings, auch das erwarten Marktbeobachter, sollte es im Winter einen klar erkennbaren Trend zur Normalität geben, dann werden die Secondhand-Plattformen eine regelrechte Schwemme an gebrauchten Bastel- und Handarbeitsutensilien erleben.

Und zu guter Letzt zeigt sich auch ein Trend hin zum Sammeln. Briefmarken, Münzen und allerlei wiederentdeckte Schätze in den eigenen vier Wänden werden derzeit nicht nur angeboten, sondern auch verstärkt nachgefragt. Es scheint, als wolle man nun wieder alle mehr oder weniger notwendigen Dinge in seiner unmittelbaren Nähe haben. Man weiß ja nie. Und wer weiß schon, was kommt. Dass 2022 dann wieder das Jahr der Fortgehens, Auswärtsessens, der Kino- und Theaterbesuche wird, scheint derzeit sehr wahrscheinlich. Ob es dann auch wieder große Reminiszenzen an vergangene Perioden geben wird, bleibt noch abzuwarten. Ob Toast Hawaii und Co. bald wieder in Restaurants angeboten werden? Für Friseure heißt es jetzt schon: Zahlreiche ikonische 70er-Jahre-Frisuren wie der Shag Cut und Curtain Bangs feiern ein großes Comeback. Der Waft Fringe, die voluminöse Mähne der Schauspielerin Farrah Fawcett, meldete sich ebenso zurück. War irgendwie zu erwarten, wenn die körpernahen Dienstleister so lange zu hatten.