Ein abstrahierter Saurier - Marke Stegosaurus, pflanzenfressend, rundes Rückgrat, gedrungen, artischockenblattartige Schuppen - darunter der Vermerk ,Evolution‘: Aus dieser Skizze entwickelten die Berliner Architekten Karsten Liebner und Marcel Backhaus ihr Projekt des neuen Biologiezentrums der Universität Wien. Es setzte sich unter 43 Beiträgen durch, weil es so klar strukturiert und doch flexibel ist. Der Grundriss von Erdgeschoss und erstem Stock folgt gleichermaßen dem zu einer Gerade gebogenen Saurierrücken: Eine zweigeschosshohe Erschließungsspange, die vom Eingang bis zum Glashaus am Ende fast 110 Meter lang durch das Gebäude führt. Sie ist zugleich Foyer, informelle Kommunikationszone und öffentlicher Bereich. Von diesem Strang aus ragen wie Saurierschuppen vier trapezoid geformte Baukörper fingerförmig leicht auseinandergespreizt in den dahinter liegenden Freiraum. Sie erinnern an Schollen, die im Eis treiben, und lugen als pavillonartige, freundliche Gebilde aus dem Sockel dieser Universität, die ansonsten recht hermetisch wie ein Hochseedampfer - sechs Geschosse hoch und 183 Meter lang - an der Schlachthausgasse entlang gleitet. Rückseitig aber, im Osten, wo an der Erne-Seder-Gasse das Wohnquartier Carée St. Marx beginnt, zeigt sie sich dank der leichtfüßig zwischen kleine Höfen gesetzten Baukörper von ihrer weichen Seite. Erste entdeckungsfreudige Kinder erobern den Campus schon für sich.

Jeder siebte Ziegel

"Unser Entwurf wurde 1:1 umgesetzt", stellt Architekt Karsten Liebner fest. "Für uns ist Nachhaltigkeit auch ein robustes Gebäude, das in zehn Jahren immer noch gut aussieht." Dieser Anspruch ist dem Biologiezentrum anzusehen: Es ist rundum mit hochgebrannten Klinkerziegeln verkleidet. Sie haben ein Sonderformat von 4 Zentimeter x 30 Zentimeter - also besonders schmal und lang, die Ecken des Baukörpers rund: Dafür mussten eigens spezielle Formziegel hergestellt werden. Damit die Fassade etwas vom Unregelmaß alles Lebendigen hat, wurde jeder siebte Ziegel umgedreht und rückseitig vermauert. Ein Jahr lang verlegten spezialisierte Maurer aus Italien und Lettland für ein österreichisches Unternehmen 400.000 Klinkerziegel aus der Slowakei. Diese Fassade ist schön, langlebig, wartungsarm und altert mit Würde. Außerdem stellt sie einen Bezug zu den historischen Ziegelbauten des Schlachthofs St. Marx her.

400.000 Klinkerziegeln wurden ein Jahr lang von spezialisierten Maurern aus Italien und Lettland verlegt. - © Bruno Klomfar
400.000 Klinkerziegeln wurden ein Jahr lang von spezialisierten Maurern aus Italien und Lettland verlegt. - © Bruno Klomfar

Die Ecke Schlachthausgasse / Viehmarktstraße ist zwar stark befahren, doch die Anbindung an den öffentlichen Verkehr ist gut und die Nachbarschaft des Vienna Biocenter hervorragend. Schließlich ist es der größte Life Science Cluster Österreichs, an dem auch die Universität mit dem Zentrum für Molekulare Biologie und den Max Perutz Labs beteiligt ist. "Wir haben zusammen mit der Universität Wien diesen Standort gewählt, weil es in der unmittelbaren Umgebung für Forscherinnen und Forscher an der Universität sehr viele Synergien gibt", sagt Gert Widu, Projektleiter der Bundesimmobiliengesellschaft, die das Projekt als Bauherr und Liegenschaftseigentümer verantwortet hat. "Wissenschaft und Forschung sind permanent im Wandel, das Gebäude muss sehr anpassungsfähig sein." Man betritt es an seiner südlichen Stirnseite in der Viehmarktgasse. Weil das nicht unbedingt eine vertrauenserweckende Adresse ist, wurde sie Djerassiplatz getauft.

Der auskragende Labor- und Bürotrakt schafft vor dem Eingang einen gedeckten Vorplatz. "Die Universität soll junge Leute anziehen und eine Strahlkraft in die Umgebung entwickeln. Unser Foyer ist als attraktiver, halböffentlicher Raum mit Sitzgelegenheiten gedacht", so Architekt Liebner. Siebeneinhalb Meter hohe, hellgraue Pilzstützen, die sich wie eine Trompete zur Decke hin verbreitern und zum Boden hin verjüngen, tragen den auskragenden Bauteil und prägen den Charakter des Foyers, dessen Wände auch mit Klinkern verkleidet sind. Die Stützen lassen Assoziationen mit Pflanzen und dem Johnson Wax Headquarter von Frank Lloyd Wright zu. Sie gliedern den hohen Raum, der sich durch das gesamte Gebäude hinzieht und immer wieder zu den einzelnen kleinen Baukörpern der "Schollen" abzweigt. Die erste beinhaltet Serviceeinrichtungen für Studierende, die ÖH, einen Hörsaal für 100 Personen und Seminarräume, die zweite - ziemlich in der Mitte des Foyers - zwei Hörsäle für 300 und 400 Personen mit Ausblick ins Freie und natürlicher Belichtung. Darauf folgt die Mensa, die sich mit einer großen Glasfront zu einer Terrasse öffnet. Hier kann man bei gutem Wetter draußen sitzen und öffnet sich das Gebäude zu einem großen Ladebereich, der von der Schlachthausgasse aus befahren wird. Das frei flottierende Glashaus setzt einen Schlusspunkt am Ende der Universität. Auch sein Bau war eine Herausforderung: In seinen Kammern herrschen tropisches Klima, Wüstenklima und normales Klima für verschiedene Versuchspflanzen.

Komplexe Laborinfrastruktur

Das Anforderungsprofil war höchst komplex. 300 Seiten umfasste das Raumprogramm bei der Ausschreibung des Wettbewerbs. Insgesamt über 5.000 Studierende, Tendenz steigend, sowie etwa 500 Mitarbeitende aus Forschung, Lehre und Administration der Universität Wien werden hier auf rund 19.000 m² Nutzfläche lernen und lehren. Zukunftweisende Studienrichtungen - ein Großteil der Fakultät für Lebenswissenschaften, Verhaltensforschung, Biomedizin, das Zentrum für Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaften - sind hier gebündelt. Sie brauchen Hörsäle, Seminarräume, eine Fachbibliothek, Mensa, Büros - dazu aber noch Laborinfrastruktur, die als Cluster mit shared Labs organisiert ist. Jede Versuchsanordnung hat ihre eigenen Bedingungen, einige benötigen Reinräume, Schmutzschleusen, konstante Temperaturen, andere brauchen hochsensible Gerätschaften wie beispielsweise einen NanoSIMS, der drei Tonnen wiegt und speziell gelagert werden muss. Die Labore erfordern eine Zutrittskontrolle, sie sind ab dem zweiten Stock an umlaufenden Gängen rund um einen Lichthof angeordnet. Hier befinden sich auch Büros. Die Konstruktion ist so ausgelegt, das sich einige Büros auch zu Labors aufrüsten ließen.

Baubeginn war im Sommer 2018, insgesamt wurden 50.000 m³ Erde ausgehoben, 24.000 m³ Beton und 3.400 Tonnen Bewehrungsstahl verbaut, sowie elf Kilometer Erdungsleitungen verlegt. Ein alter Baum, der dem Gebäude weichen musste, wurde vom amerikanischen Künstler Mark Dion gleichermaßen geborgen und in ein Vivarium eingebettet. Dort liegt er nun im Foyer in einer Art Gewächshaus mit ein paar anderen Pflanzen, treibt aus, verbreitet Sporen, wird zur Heimstätte von Pilzen, verrottet und verwandelt sich. Ein anschauliches Beispiel für das Werden und Vergehen der Natur, das die Basis der hier betriebenen Forschung ist.