Ist Jesus göttlich? Eine Frage, die den Wiener Theologen Adolf Holl ein Leben lang beschäftigte und der er sich im Buch "Jesus in schlechter Gesellschaft" widmete. Ein Unterfangen, das ihn als Priester in Konflikt mit der katholischen Kirche brachte und 1976 schließlich in seiner Suspension mündete.

50 Jahre nach Publikation ist der Klassiker jetzt als Band I der "Adolf-Holl-Gesamtausgabe" im Residenz Verlag erschienen. Im Gespräch mit Walter Hämmerle, Chefredakteur der "Wiener Zeitung", diskutierten die Direktorin der Diakonie Österreich Maria Katharina Moser und Holls Nachlassverwalter Walter Famler in der Wienbibliothek im Rathaus über Holls Werk und Glauben.

Ob Holl an Gott glaubte oder nicht, dazu wollen sich weder Famler noch Moser äußern. Fest steht für den Nachlassverwalter aber, dass der Publizist sicher auf eine Weise ein gläubiger Mensch war - Holl sei nie von Jesus losgekommen. Er habe sich aber auch immer geweigert die Frage nach seinem Glauben zu beantworten. Auch die Direktorin der Diakonie Österreich will das "Christsein" Holls nicht beurteilen - viel wichtiger scheint ihr die Frage danach, wie seine Beziehung zu Jesus war.

Während sie in Jesu die Menschwerdung Gottes sieht und im Leben und Leiden Jesu dessen Ausdruck der Solidarität für den Menschen, sieht Holl, laut Famler, Jesus als einen Menschen, der sich mit Aussätzigen, Kriminellen und Prostituierten beschäftigte statt mit der herrschenden Klasse. In Jesus sieht er eine Ikone, mit der sich Holl ein Leben lang auseinandersetzte. Zuerst in Predigten, später dann in "Jesus in schlechter Gesellschaft".

Die Laufbahn eines Vorzeigepriesters

Das Buch sei durch den Geist der Sechzigerjahre beeinflusst wie auch durch die Biografie Holls. Vaterlos aufgewachsen, habe der erst in seiner Auflehnung gegen die katholische Kirche eine Art Rebellion ausgelebt. Dabei habe Holl eigentlich die Laufbahn eines Vorzeigepriesters absolviert. Die katholische Kirche wusste, so ist sich Famler sicher, was für ein Ausnahmetalent Holl war und sanktionierte sein Verhalten erst spät, als seine Texte in andere Sprachen übersetzt wurden und er offen nichtzölibatär lebte.

Für Moser erfährt man in "Jesus in schlechter Gesellschaft" mehr über Adolf Holl als über Jesus. Sie liest aus dem Buch sehr viel über Holls Ringen mit der katholischen Kirche sowie mit deren Verständnis vom Priesteramt und von Gehorsam. Auch Famler stimmt dem zu, das Buch sage viel über die Auseinandersetzung Holls mit seiner Priesterrolle, gerade auch weil diese immer auch in Verbindung mit Jesus stünde, schließlich sei ein Priester für seine Gemeinde ein Stellvertreter Jesu.

Der Nachlass Adolf Holls, inklusive seiner Bibliothek, findet sich mittlerweile in den Lesebereichen der Wienbibliothek - Bibliotheksdirektorin Anita Eichinger empfiehlt einen Blick in die Bücher des Publizisten, nicht nur aufgrund der interessanten Auswahl an Texten, sondern auch wegen der Lesespuren, die er hinterlassen habe.