Es ist kompliziert. In pandemischen wie digitalen Zeiten gilt das wohl für den Beziehungsstatus der ganzen Menschheit. Wie die Digitalisierung unser Lieben und Begehren bereits verändert hat und noch weiter beeinflussen wird, darüber forscht die deutsche Kulturwissenschafterin Sophie Wennerscheid. Ein Gespräch am Rande des Philosophicum Lech über digitale Sinnlichkeit, ein neues Netz an Intimität mit den Dingen und warum Technik das Begehren selbst bedroht.

"Wiener Zeitung": "Sanft nach oben streichen. Über Intimität mit Maschinen", war ein Gespräch mit Ihnen kürzlich betitelt. Gibt es das, eine Intimität mit Maschinen?

Sophie Wennerscheid ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Sie ist Professorin am Institut für Nordische Studien und Sprachwissenschaft an der Universität Kopenhagen in Dänemark. privat
Sophie Wennerscheid ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Sie ist Professorin am Institut für Nordische Studien und Sprachwissenschaft an der Universität Kopenhagen in Dänemark. privat

Sophie Wennerscheid: Es kann sie geben, wenn wir uns darauf einlassen und die Maschine nicht nur als Nutzgegenstand betrachten, sondern als ein Gegenüber. Dann entsteht eine Art Intimität, die ich mir reizvoll vorstelle. Es gibt natürlich Formen von Intimität, wo Maschinen als reiner Nutzgegenstand betrachtet werden. Auch da gibt es eine Sinnlichkeit, ein haptisches Moment - beim Polieren eines Autos, dem Wischen über ein Smartphone. Aber das ist nicht die Intimität, die mich interessiert, die ich eine posthumane Intimität nennen möchte. Dabei geht es nämlich vor allem auch um Verunsicherung. Wenn wir unser Auto oder Handy benutzen, gehen wir davon aus, dass uns die Maschine einfach zur Verfügung steht. Mich interessiert aber genau der Faktor der Unverfügbarkeit, der Unsicherheit in Bezug auf technische Dinge.

Nicht verfügbar, weil es nicht funktioniert oder weil es so programmiert ist, dass es widerständig reagiert?

Nein, eher weil jede Maschine eine uns fremde Materialität hat beziehungsweise ist. Und so, wie wir unsere menschlichen Gegenüber nie ganz durchschauen, gehe ich davon aus, dass es diese Fremdheit auch mit der Maschine gibt. Am sinnfälligsten ist das, wenn wir uns Roboter vorstellen, die ja meist menschenähnlich gestaltet sind. So einen Roboter zu berühren, fühlt sich fremd an, das ist eine gänzlich andere sinnliche Qualität. Vom Geruch über die Haptik - die Sinne werden ganz anders angesprochen. Das bezeichne ich als Moment der Fremdheit. Aber auch technisch betrachtet verstehen wir ja nie restlos, wie ein Roboter funktioniert, da gibt es also Momente der Verunsicherung auf verschiedenen Ebenen.

Jetzt ist ja die Fremdheit die Grundbedingung für Begegnung. Können wir also Maschinen begehren?

Ich würde gerne auf die Möglichkeit aufmerksam machen. Wir gehen immer davon aus, dass die Maschine so konzipiert ist, dass sie nicht fremd ist und wir über sie verfügen können. Ich würde gerne die Augen öffnen für das unverfügbare Moment - das gibt es eben neben der Verfügbarkeit auch. Und ja, in dieser Fremdheit liegt die Wurzel des Begehrens, auch einer Nähe-Erfahrung mit dem Nicht-Menschlichen. Das gilt nicht nur für die Maschine. Das kann auch der Baum oder die Steinmauer sein. Begegnung und Beziehung gibt es nicht nur zu anderen Menschen.

Verändert die Digitalisierung unsere Beziehungen, unser Begehren?

Ganz sicher. Es kommen ja immer mehr digitale Geräte auf den Markt, die wir nutzen können - ferngesteuerte Sex-Toys, Puppen mit KI, verschiedene Praktiken der online-Sexualität; Menschen können über technische Medien sexuell interaktiv werden oder direkt mit einem Medium, einem Avatar in einem Online-Spiel interagieren. Und natürlich gibt es dann auch Eingriffe in den menschlichen Körper, über die Menschen mit Technik verschmelzen, durch Sensoren in den Fingerkuppen etwa.

Begehren differenziert sich also weiter, so Ihre Grundthese. Haben Sie dafür den Begriff einer künftigen Netzwerkstruktur des Begehrens geprägt?

Ja, ich spreche von einem Netzwerk des Begehrens. Als moderner Mensch sind wir in Strukturen eingebunden, die nicht nur aus Einzelmenschen besteht. Der Gedanke, dass der Mensch als Krone der Schöpfung über allem steht, alles dirigieren und kontrollieren kann, wird mit der Netzwerktheorie infrage gestellt. Wenn man davon ausgeht, dass der Mensch mit anderen Entitäten auf einer Ebene steht, entfaltet sich auch ein utopischer Aspekt: dass der Mensch, indem er seine sich selbst zugedachte Vormachtstellung wieder aufgibt, sich auch noch einmal anders, zurückgenommener, als Teil seiner Umwelt versteht und damit pfleglicher, behutsamer, rücksichtsvoller mit ihr umgeht.

Da treffen sich Technikphilosophie und Umweltphilosophie ganz unerwartet. In der Vorstellung, dass der Mensch Teil eines Ganzen ist, eingebunden in ein Mensch-Natur-Maschine-Geflecht. Das heißt nicht, dass der Mensch alle Macht und Verantwortung abgibt, sondern dass er sich anders als bisher eingeordnet weiß. Das ist nicht nur eine Schreckvorstellung, sondern auch mit Lust verbunden, weil wir uns dadurch den Dingen noch einmal neu nähern können. Und dass wir daraus Lust gewinnen, dass die Dinge etwas mit uns tun und nicht nur wir etwas mit ihnen.

Technik steht für die absolute Kontrolle, Sexualität im Gegensatz dazu für den bewusst herbei geführten Kontrollverlust. Wie geht sich das aus?

Kontrolle über diesen Kontrollverlust zu gewinnen, ist sicher die Hauptintention bei Herstellern von Sex-Toys. Damit wollen wir Sicherheit gewinnen und Angst überwinden, dass das sexuelle Gegenüber nicht als Gefahr wahrgenommen wird, sondern als etwas, das man im Griff hat. Es ist der Versuch des postmodernen Menschen, sich da einen sicheren Ort zu schaffen. Das kann nie in dieser Vollkommenheit gelingen, wie das die Hersteller vermarkten. Das ist auch gut so. Meine Hoffnung dabei wäre, dass man über die Erfahrung, dass man auch die Dinge nicht vollständig kontrollieren kann, sich neu bewusst wird, dass man auch das menschliche Gegenüber nicht ganz kontrollieren kann. Und dass das ja nicht notwendig eine Unlusterfahrung sein muss, sondern ganz im Gegenteil zu einer Lusterfahrung wird.

Technische Programme und Puppen sind ein Versuch, den Menschen zu optimieren. Woher kommt dieses Bedürfnis?

Die Fantasie, dass der Mensch sich ein Ebenbild erschafft, finden wir in vielen Kulturkreisen. Ein schönes Beispiel ist hier Pygmalion aus Ovids Metamorphosen, der sich aus Marmor die ideale Frau meißelt, sein ideales weibliche Gegenüber. Diese Konstellation, ein Mann, der sich die perfekte Frau schafft, ist ein Narrativ, das sich durchzieht bis in die Gegenwart. Die Erzählung der Frau, die sich einen perfekten Mann schafft, ist gerade erst im Kommen. Diese Geschichten sind meist viel kritischer, da werden wir künftig neue Facetten sehen, mit neuen Erzählerinnen und Perspektiven.

Technik zielt auch jenseits der Sexualität darauf ab, Bedürfnisse schnell zu befriedigen. Die Zeit zwischen Impuls und Erfüllung wird immer kürzer. Verlernen wir damit das Begehren?

Die kulturpessimistische Antwort wäre, dass dadurch das Begehren verschwindet. Wenn wir nicht mehr zulassen ein Geschöpf mit Fantasie und Ängsten zu sein, wenn wir versuchen, alle Instabilität und Ungewissheit wegzuschneiden, um zum perfekten Orgasmus auf Knopfdruck zu kommen, dann wird das Begehren als Kulturtechnik verschwinden.

Sehen Sie die Gefahr dafür?

Es gibt eine Reihe von Sexualtherapeuten, die Menschen betreuen, die darüber klagen, dass es ihnen nicht mehr gelingt, eine komplexe Liebesbeziehung zu einem andren Menschen einzugehen, weil das Bedürfnis, alles unter Kontrolle zu haben, so stark geworden ist, dass die Beziehung zu einem menschlichen Gegenüber nur als Frustration wahrgenommen werden kann. Es gibt also Anzeichen dafür, dass wir dabei sind, diese Kulturtechnik des Begehrens, die ich als eine Kulturtechnik des Sich-Verunsichern-Lassen verstehe, zu verlernen. Aber das ist kein unumkehrbarer Prozess. Und vielleicht können uns gerade Maschinen dabei helfen, das wieder zu erkennen. Auch wenn sich das für viele, die von der Kontrollierbarkeit der Maschine ausgehen, paradox anhören mag.

Wir haben Lust von Fortpflanzung getrennt. Trennen wir jetzt Lust von Liebe?

Es könnte sein, dass man Dinge als reine Lustbeschaffungsobjekte, als simples "Toys" oder Werkzeuge benutzt. Doch den wenigsten Menschen scheint die reine Lust auf die Dauer zu reichen. Das sieht man auch in Berichten von Menschen, die mit Puppen leben. Diese Männer - meist sind es Männer - führen eine sehr zärtliche und fürsorgliche Beziehung zu diesen Puppen. Sie werden nicht als reines Sex-Objekt benutzt, sondern gekleidet, geschminkt, frisiert, gewaschen, zu Bett gebracht und an den Tisch gesetzt. Hier wird deutlich sichtbar, dass es nicht nur um sexuelle Lust geht, sondern um Nähe und Fürsorglichkeit. Diese Menschen würden das als eine Liebesbeziehung bezeichnen.

Aber es bleibt eine Einbahnstraße der Fürsorglichkeit?

Roboter-Forscher David Levy würde sagen, dass das kein Einwand sein muss. Der Mensch, der einen Beziehung zu dem Roboter eingeht, bildet sich mindestens ein oder hat die Vorstellung, dass es eine gegenseitige Liebe ist. Diese Form der Illusion gibt es in gewissem Sinne auch in zwischenmenschlichen Beziehungen. Auch da spielen Projektionen und Spiegelungen eine Rolle. Der Mythos der Gegenseitigkeit nenn Levy das, sozusagen als Grundbedingung für die Mensch-Maschinen-Beziehung. Aber ich würde das gerne ergänzen, eben mit dem Gedanken, dass das Ding, die Maschine auch immer Einfluss auf uns hat, sie affiziert uns, auch wenn sie das nicht intentional tut.

Was hat diese Pandemie, diese soziale Distanz mit den Beziehungen, mit dem Begehren gemacht?

2018 und 2019 gab es einen Hype um alles, was mit künstlicher Sexualität zu tun hat. Vom Videospiel über die Internetplattform bis zum Sexroboter. Das Netz war voll mit Themen rund um technisch vermittelte sexuelle Begegnung. Das war 2020 gar kein Thema mehr. Da hat sich die Aufmerksamkeit verschoben. Das hat sicher mit der Pandemie zu tun. Die Vorstellung, sich über das Internet sexuell zu begegnen, erschien da nicht mehr so reizvoll. Da waren alle gezwungen, über die Maschine zu interagieren und haben sich daher nach dem konkreten physischen Austausch gesehnt, nach der Begegnung mit Menschen. So gesehen haben Pandemie und Digitalisierung hier für eine gute Korrektur gesorgt. Natürlich wird das wieder kommen, aber für den Moment ist es etwa im Hintergrund.

Wenn wir auch Maschinen lieben, was bleibt exklusiv der menschlichen Begegnung vorbehalten?

Es gibt nie eine rein zwischenmenschliche Beziehung. Wir schweben ja nicht im luftleeren, technikfreien Raum, wir sind immer teil eines Netzwerkes. Insofern gibt es keine exklusiv zwischenmenschliche Beziehung. Da gibt es immer das Bett, das Licht, die Musik. Aber ich verstehe die Frage nach der Besonderheit des Menschen. Vielleicht ist es das Wissen um die eigene Endlichkeit und die damit verbundene Fragilität. Diese zeitliche Dimension macht Beziehungen wertvoll. Aber das muss ja auch nicht exklusiv gelten für menschliche Beziehungen. Auch wenn ich eine intime Beziehung zu einem künstlich geschaffenem Ding habe, oder zu einem Baum, weiß ich ja, dass das eine Beziehung unter dem Vorzeichen der Veränderung und der Vergänglichkeit ist.