Wenn man an Burgen denkt, hat man in den meisten Fällen imposante Gebäude vor Augen, die aus Verteidigungszwecken auf Bergen errichtet wurden. Ganz anders verhält es sich bei der Grazer Burg, die in den nächsten Jahren umfassend renoviert werden soll. Sie befindet sich mitten in der Grazer Altstadt und liegt fast versteckt, sodass sogar Ortsansässige kurz ins Nachdenken kommen, wenn sie nach dem Standort der Burg gefragt werden. Verräterisch sind dann aber doch die umliegenden Gebäude und Adressen: Burgtor, Burggasse und Burggarten deuten die feudale Vergangenheit nicht nur an. Die Burg steht in der Hofgasse 13-15, direkt gegenüber dem Grazer Dom. Sie liegt an der ehemaligen Stadtmauer, an die der heutige Burggarten und der Stadtpark anschließen. Seit 1922 ist die Burg - wenig spektakulär - der Sitz der steirischen Landeshauptleute und einiger Abteilungen der Steiermärkischen Landesregierung, sie kann jedoch auf eine bewegte Vergangenheit zurückblicken.

Einstiger Regierungssitz

Um noch einmal auf das Klischee von der Burg am Berg zurückzukommen: Auch in Graz gab es früher eine solche, nämlich die Festung am Schlossberg. Diese entstand schon im 12. Jahrhundert, war eine echte Befestigungsanlage und wurde 1809/10 von den Franzosen im Rahmen des Fünften Koalitionskrieges zerstört - übrig blieben nur das heutige Wahrzeichen von Graz, der Uhrturm und der Glockenturm, da die Einheimischen eigenmächtig Geld gesammelt und die beiden Bauwerke freigekauft hatten. Die Grazer Burg war durch einen unterirdischen Gang mit der Festung am Schlossberg verbunden, um sich im Falle eines Angriffs in Sicherheit bringen zu können.

Die Burg selbst wurde ab 1438 von Herzog Friedrich V., dem späteren römisch-deutschen Kaiser Friedrich III., erbaut. Nach ihm ist auch der bis heute erhaltene Friedrichsbau benannt, der durch einen zweigeschoßigen Verbindungsgang mit dem Grazer Dom verbunden ist. Nach Erzherzog Maximilian I. und Ferdinand I. fanden 1564 einige Veränderungen an der Burg statt: Graz wurde durch eine Erbteilung der Habsburger die Hauptstadt der innerösterreichischen Länder und die zuvor nicht durchgehend bewohnte Grazer Burg somit bis 1619 Sitz der Erzherzöge. Darum wurde sie unter Karl II. um ein Palasgebäude (Karlsbau), den Registraturtrakt und Gartenanlagen erweitert. 1600 ließ der neue Erzherzog Ferdinand II. den Ferdinandsbau errichten. Als Ferdinand 1619 Kaiser wurde, zog er nach Wien und die Burg verlor ihre Funktion als Sitz der Landesfürsten. Mit den Jahren verfiel das Gebäude, 1853/54 wurde fast die Hälfte der Bausubstanz - Teile des Friedrichsbaus, des Ferdinandsbaus, der Hofkapelle, der Prunktreppe und des Übergangs zum Grazer Dom - abgerissen.

Wiederentdeckte Bedeutung

Anfang des 20. Jahrhunderts ging es mit der Burg dann wieder bergauf, als sie zum Amtssitz der steirischen Landeshauptleute wurde. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Bausubstanz teilweise schwer beschädigt, aber ab 1947 wieder aufgebaut und auch ein Zubau errichtet, der heute als Neue Burg bezeichnet wird.

Die Burg ist heute nur teilweise für die Öffentlichkeit zugänglich: Gäste können die Burghöfe, die Ehrengalerie und die Doppelwendeltreppe besuchen. Das soll sich nach Umsetzung der neuen Renovierungspläne nun ändern. Christine Klug, Leiterin der Abteilung Zentrale Dienste der Steiermärkischen Landesregierung, erklärt: "Im Moment hat man in den Räumen nicht den Eindruck, dass man sich in einer Burg befindet." Viele Flächen wurden in den letzten Jahrzehnten nur als Lagerräume genutzt. Es hat zwar schon mehrere Anläufe gegeben, das Gebäude zur revitalisieren. Diese scheiterten bisher jedoch aus budgetären Gründen. Darum soll sich in den nächsten 10 Jahren laut dem "Masterplan Grazer Burg" so einiges tun. Klug, die ihren Arbeitsplatz selbst auch in dem historischen Gebäude hat, gibt einen Überblick über die angedachten Renovierungen:

Eine Halle im Karlstrakt, die aktuell nur als Lager genutzt wird, soll saniert und adaptiert werden. Geplant ist eine neue Empfangs- und Informationszone, in der Interessierte Informationen zur Burg, Audioguides und Folder erhalten.

Im Friedrichstrakt befindet sich eine "verborgene" hochgotische Burgkapelle. Diese wurde im 19. Jahrhundert durch eine Zwischendecke zweigeteilt. Der untere Teil dient heute als Abstellraum, der obere ist das sogenannte Kapellenzimmer, in dem Sitzungen stattfinden. Die Zwischendecke soll nun wieder entfernt und die ursprüngliche Optik und Akustik der Kapelle herausgearbeitet werden.

In unmittelbarer Nähe der Burgkapelle befindet sich die Dreisäulenhalle, deren drei Kammern laut Plan zu einer großen umgebaut werden. Dieser Raum soll, wie die nahegelegene Einsäulenhalle, zu Ausstellungsflächen umfunktioniert werden, wo Gäste Interessantes über die Geschichte von Graz als Hof und Residenzstadt finden.

Das Unter- und Erdgeschoss des Registraturtrakts wird im Moment ebenfalls als Lager genutzt. Künftig sollen dort jüngere Landespolitik und -geschichte sowie aktuelle Projekte der Verwaltung Platz finden. Auch Seminarräume für Diskussionen oder Workshops sollen hier entstehen, das genaue Anforderungsprofil wird jedoch erst festgelegt. Der angrenzende Arkadengang, der teilweise zugemauert wurde, könnte ebenfalls wieder geöffnet werden.

Den drei Burghöfen stehen große Veränderungen bevor. Im Moment sind sie teilweise asphaltiert, gepflastert und werden als Parkplätze genutzt. "In Zeiten wie diesen wollen wir diese Oberflächen öffnen, damit Besuchende sich dort wohlfühlen können", sagt Klug. Der erste Burghof soll zu einer Veranstaltungs-, Repräsentations- und Empfangszone umgestaltet werden. Der zweite und der dritte Burghof könnten zu Gartenzonen werden, die eventuell auch für Kunst- und Kulturveranstaltungen in Kooperation mit dem nahegelegenen Schauspielhaus genutzt werden.

Keine Beamtengarage

Außerdem wird über eine Tiefgarage unter dem zweiten Burghof nachgedacht, was in den regionalen Medien bereits für einige Kritik gesorgt hat. Darauf angesprochen betont Klug: "Da ist keine ‚Beamtengarage‘ geplant, sondern eine Quartiergarage mit E-Ladesäulen als Zukunftsprojekt." Die Voruntersuchungen sowie eine Bedarfserhebung laufen noch, die Überlegungen seien noch am Anfang, jedoch würde eine Verlegung der Oberflächenparkplätze "nach unten" mehr Platz für Grünflächen im Burghof schaffen.

Architekten-Ausschreibung

Die geschätzten Kosten für die Revitalisierung der Grazer Burg belaufen sich auf 25 bis 30 Millionen Euro (mit Vorbehalt), von denen eine Hälfte vom Bund, die andere vom Land getragen wird. Für die Gestaltung des Großprojekts wird im Frühjahr 2022 EU-weit eine Architekten-Ausschreibung erfolgen. Da schon viele Vorbereitungen getroffen wurden, könnte der Baustart bereits 2023 anstehen. Die Fertigstellung wird im Moment auf 2028/2030 geschätzt. Insgesamt ein ziemliches Mammutprojekt - aber Klug ist überzeugt, dass sich der Aufwand lohnt: "Die Burg ist ein sehr spannendes historisches Gebäude, das weit unter seinem Wert gesehen wird und so viele Schätze hat, die der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Das sollte zugänglich gemacht und ihre Geschichte präsentiert werden."

Anders als im Märchen soll in Graz künftig also keine Prinzessin, sondern die Burg selbst aus dem Dornröschenschlaf erweckt werden.