Die Pandemie ist noch nicht vorbei. Mit Omikron klopft gar eine weitere Runde auf dem bekannten Krisen-Karussell an die Tür. Und selbst wenn nicht: Ein Zurück zu alten Normalität scheint nicht in unmittelbarer Sichtweite.

Je länger die Pandemie dauert, desto nachhaltiger werden die Veränderungen, die sie mit sich gebracht hat, unser Leben unwiderrufbar prägen. Denn für manche gesellschaftliche Entwicklung hat sich die Pandemie als Booster, als Beschleuniger erwiesen. Die Digitalisierung mit all ihren Nebenwirkungen, die neue Rolle des Staates, ein verändertes Verständnis dafür, was machbar ist, aber auch das Verhärten argumentativer Fronten - diese Umstrukturierungen werden uns weiter beschäftigen. Selbst wenn das Virus morgen von der Bildfläche verschwunden wäre.

Für die Digitalisierung hat die Pandemie sich am deutlichsten als Beschleuniger erwiesen. Zuvor nur angedachte Umstrukturierungen wurden konsequent umgesetzt - egal ob es den Beteiligten gefallen hat. Die immer stärkere Verlagerung des Handelns ins Netz ist kaum umkehrbar. Es wird unser Konsumieren weiter prägen. Um den Schaden für lokale Wirtschaftstreibende möglichst klein zu halten, wird es deren Fantasie, aber auch ein stärkeres Bewusstsein für den Wert des Regionalen brauchen. Zustelldienste von Waren aller Art, Essen aus Restaurants, Lebensmitteln aus Supermärkten sind jedenfalls gekommen, um zu bleiben.

Technik hat auch in Arbeit, Studium und Schule endgültig Einzug gehalten. Gerade werden auf Initiative der Unterrichtsministeriums Tausende digitale Endgeräte an 10- und 11-Jährige ausgeliefert und in den Unterricht jenseits von Homeschooling integriert. Das eröffnet eine neue Dimension des Begriffs Digital Natives. Die Folgen dieses neuen Lernens und Lehrens, vermögen wir nicht einmal ansatzweise abzuschätzen, aufzuhalten sind sie jedenfalls nicht. Homeoffice ist in allen Bereichen, in denen es möglich ist, vom verlockenden Fluchtpunkt aus dem schnöden Büroalltag einiger Privilegierter zur oft auch verfluchten Realität geworden.

Viele Firmen haben bereits generelle, Vereinbarungen für die Arbeit von Zuhause getroffen. Für die Arbeitswelt bedeutet das eine Neubewertung von Büro- und Wohnflächen. Shared Workspace steht da als Konzept im Raum, das gemeinsame Nutzen von Arbeitsplätzen durch teilweises Homeoffice aller. Das führt in machen Branchen bereits dazu, dass Büroflächen reduziert werden. Damit droht ein neuer Leerstand. Gleichzeitig müssen sich auch Mitarbeiterinnen im Homeoffice austauschen, wofür es andere, größere und flexibler nutzbare Räume brauchen wird. Unterm strich geht es dabei in Richtung Flexibilität. Eben diese ist auch für Wohnflächen vermehrt nötig. Kleinere, abgegrenzte Zimmer haben sich da etwa als nützlicher erwiesen als das offene Loft im Dachgeschoß.

Allein im trauten Heim

Diese veränderte Nutzung wird sich auf die Baubranche auswirken. Neben den neuen Anforderungen an neu zu errichtende Lebensräume, spürt auch der Immobilienmarkt bereits eine Verschiebung: Wer es sich leisten kann, schafft sich Wohnraum im Grünen an. Speckgürtel schwellen also weiter an. Ob die neu entdeckte Liebe zum Landleben auch dünn besiedelten Gegenden Zuzug bringen wird, darf als Hoffnung weiter leben.

Zuhause Arbeiten, sich dabei mit allem Nötigen beliefern lassen, dazu vielleicht selbst Brot backen und an kalten Winterabenden Socken stricken: Schon vor der Pandemie haben Beobachter ein neues Biedermeier ausgemacht. Sich vor dem Ungemach der Welt in den eigenen vier Wänden abzuschotten, ist ein Reflex, den zuletzt viele kennengelernt haben. Kritiker dieser Entwicklung sehen jedoch weit mehr Parallelen zur historischen Epoche als die neue Heimeligkeit - durch digitale Kontrolle und einen Rückzug des Einzelnen aus politischen Prozessen in die Gemütlichkeit. Dieser oft unfreiwillige Rückzug ins Private wird auch jenseits demokratischer Prozesse, die wohl auch noch den Weg ins Netz finden werden müssen, Konsequenzen haben.

Macht neuer Gewohnheiten

Die Macht der (neuen) Gewohnheit ist hier nicht zu unterschätzen. Denn während die ersten Monate der Isolation die Sehnsucht etwa nach Restaurantbesuchen, dem Kino oder einer Theater- oder Opernvorstellung verstärkt und geschürt haben, so stellt sich jetzt eine Art Gewöhnungseffekt ein. Die ersten Auswirkungen bekamen Kulturbetriebe bereits vor Lockdown vier zu spüren. Die Auslastungen lagen oft unter prä-pandemischen Zeiten. Ob sie sich je wieder von selbst erholen werden, darf bedauert wie bezweifelt werden.

Was diese Zurückgezogenheit jedenfalls bedeutet: Sie verstärkt die Probleme, die es dort immer schon gab. Auf der einen Seite die Einsamkeit allein lebender Menschen, auf der anderen Seite prekäre Verhältnisse von einkommensschwächeren Familien - also zu viel und zu wenig Raum und Zeit für den oder die Einzelne. Die traurigen Folgen davon, von der Zunahme psychischer Erkrankungen bis zum Anstieg häuslicher Gewalt, sind bekannt. Die Digitalisierung ist hier besonders tückisch: Sie kann zwar neue Räume öffnen und Brücken zu anderen Menschen aufbauen helfen, verstärkt jedoch gerade die Isolation. Das allseits beklagte Schwinden gesellschaftlicher Solidarität macht es nicht besser. Hier nicht aufeinander zu vergessen, niemanden zurückzulassen wird eine der größten sozialen Herausforderungen der kommenden Jahre.

Diese sich verändernde Begegnungskultur beeinflusst die Art und Weise, wie wir Beziehungen zu einander pflegen. Der Ton in öffentlichen wie privaten Debatten ist dabei zuletzt noch rauer geworden, Dialog wird von verhärteten Linien auf allen Seiten verhindert. Die Empörungsgesellschaft hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Es ist also stiller und zugleich lauter geworden.

Strukturell bedeutet die Krise vorübergehend: mehr Staat. Mit verordneten Maßnahmen und wirtschaftlichen Hilfen greift die Politik rechtlich wie wirtschaftlich derzeit massiv ein. Gleichzeitig mehren sich Stimmen, die mehr Bürger-Mitgestaltung bei zentralen Entscheidungen eingeräumt sehen wollen. Die finanzielle Hilfe wird aus Kostengründen auslaufen, demokratiepolitisch wird die Pandemie uns länger beschäftigen.

Wirtschaftlich geht es um deutlich mehr als um Corona-Hilfen. Unterbrochene Lieferketten bringen immer mehr Firmen zum Umdenken, der teure Industriestandort Europa wird wieder attraktiver. Es wird nicht zuletzt von der Dauer der Krise abhängen, wie nachhaltig die Umwälzungen hier sein werden. Auch der Trend zu Urlaub in Österreich hängt an der weiteren virologischen Entwicklung.

Geht nicht, gibt’s nicht

Was noch bleibt ist eine generelle Verunsicherung, die mindestens für zwei (Nachkriegs)Generationen neu ist und war. Der Glaube an ewiges Wachstum und wirtschaftlichen Aufschwung sind endgültig passé. Dass wir durch diesen tiefen Einschnitt, durch das Bewusst-Machen unserer Verletzlichkeit einen besseren Krisen-Immunschutz erlangen, Resilienz hieß das vor der Krise, ist ein gelinder Trost. Positiver stimmt da schon eine andere grundsätzliche Pandemie-Erkenntnis: Geht nicht, gibt’s nicht. Denn die Kraft des gemeinsamen Bestrebens einer Gesellschaft, eine drohende Gefahr geeint zu bannen, hat gerade im ersten Lockdown gezeigt, was alles möglich ist. Im besten Sinn. Gerade in Hinblick auf die Herausforderungen der Klima-Krise stimmt das hoffnungsvoll. Denn dort hat Corona schon ganz merkbar ein, wenn auch oft nur atmosphärisches, Umdenken aufblitzen lassen.