Die Bilder könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Weihnachtstage 2020 schlossen ein Jahr ab, das die Welt verändert hat. Mit Abstand, Tests und Vorsicht machte man sich daran, von dem Jahr zu retten, was zu retten war. Ein Jahr, das niemand vorausgesehen hatte und in dem wir uns von vielen unser Leben schön machenden Gewohnheiten verabschieden mussten. Und von Menschen, die unser Leben schön gemacht haben. Ein Weihnachtsfest also, das irgendwo zwischen Trotz, Trauer und Ausnahmesituation angesiedelt war.

Doch da war noch etwas anderes. Zuversicht. Die ersten Impfungen waren soeben zugelassen worden. Sie sind der Weg aus der Pandemie, unser Ticket zurück ins gewohnte Leben. Zumindest war es das, was sich viele Menschen davon versprochen hatten. Man erinnere sich noch an die Live-Übertragung im Fernsehen. Ein dunkler Grenzübergang, mitten in der Nacht. Ein Klein-Lkw fährt zu, ein Wachorgan führt die Hand an die Schläfe zum militärischen Gruß. In dem Lkw ist sie drin, die erste Lieferung der Firma Biontech. Kurz darauf die ersten Impfungen, ebenso live im Fernsehen übertragen, die Siegesgeste des Arztes, der die heiße Ware in den Arm bekommt. Jetzt ist es bald so weit: Durchhalten! Bald haben wir es geschafft. Das gab ungemeine Hoffnung. Das Licht am Ende des Tunnels, das der Bundeskanzler zu erkennen glaubte, es war zu sehen. Zumindest scheinbar.

Heute stehen wir als Gesellschaft vor einem gigantischen Trümmerhaufen dieser Hoffnung. Die Impfungen, sie hielten nur bedingt, was wir uns versprachen. Kurze Wirkungsdauer, seltene, aber doch nicht gänzlich vernachlässigbare Nebenwirkungen, und vor allem in den deutschsprachigen Ländern eine nicht nachvollziehbare breite Ablehnung gegen Impfungen an sich. Die Arznei wurde zum Tool der Rechtsaußen-Bewegung instrumentalisiert. Kein Argument zu haarsträubend (DNA-Veränderung! Fruchtbarkeit! Alle Geimpften sterben!), als dass sich nicht beachtliche Teile der Bevölkerung fanden, die den Unfug wirklich glaubten.

Das führte zu einem Riss in der Gesellschaft, der wohl nur mehr mit sehr viel Zeit zu kitten sein wird. Sofern das Grundproblem "Impfung ja oder nein" wegfällt (wonach es ja nicht aussieht). Familie, Freundschaften, Beziehungen, die an der Frage zugrunde gingen. Und mitten in die Debatte platzt eine Variante herein, die vieles in sich vereint, was Experten als gefährlich sehen. Sehr ansteckend und den Immunschutz von Genesung und Impfung gleichermaßen aushebelnd. Keine Woche hat es gedauert, bis klar war, dass uns Omikron, wie eine Zeitmaschine, wieder in den März 2020 zurückwerfen wird. Die Pandemie, die wir noch vor ein paar Monaten als im Wesentlichen bewältigt gesehen haben, nimmt einen weiteren Anlauf. Nur diesmal war sie vorher im Fitnessstudio und im Solarium. Sie ist fit wie ein Turnschuh und bereit, uns wieder dort zu treffen, wo es wehtut. Liest man die Berichte in den Zeitungen, möchte man am liebsten sofort Klopapier kaufen fahren. Nur mit dem Unterschied, dass diesmal sogar Skeptiker meinen, dass wir den Vorrat auch tatsächlich brauchen könnten.

Experten in der Plicht

Wer das so einfach wegsteckt, bloß weil das Datum wieder einmal auf den 24. Dezember springt, ist zu beneiden. So mancher ist müde, emotional ausgelaugt und in keiner Verfassung, den ganzen Wahnsinn von vorne zu erleben. Man sucht sich Strohhalme, an denen man sich festhalten kann. Milde Verläufe, gar nicht so viele Tote, wie es sein könnten, und vielleicht hilft er ja doch ein bisschen besser, der Booster.

In diesem Zusammenhang muss man auch die Experten und wohl auch die Medien in die Pflicht nehmen. In einem großen Interview auf die Frage "Wann ist Corona endlich vorbei?" ernsthaft zu sagen: "Niemals", mag aus medizinischer Sicht eine völlig begründbare und möglicherweise korrekte Einschätzung sein, aber ist es auch hilfreich? Was bringt es, jetzt Spekulationen zu bringen, von denen niemand seriös sagen kann, wie wahrscheinlich sie sind. Woran kann man sich also noch festhalten, in einer Zeit, wo der eine oder andere ins Grübeln kommt? Zum Beispiel daran, dass unsere gar nicht so weit entfernten Vorfahren ganz andere Krisen gemeistert haben. Gigantische Krisen. Weltkriege, Massenvernichtung, Revolution, Hunger - sie haben es überstanden. Warum ist das so? Weil wir sonst nicht da wären. Darum ist das so. Wir haben zuletzt eine ungewöhnlich lange Phase relativ ruhigen Lebens hinter uns, zumindest was globale Katastrophen anbelangt. Kein Grund also, bei der ersten Gelegenheit, bei der unsere Generation ernsthaft gefordert ist, in Selbstmitleid, Mutlosigkeit und Tristesse zu ertrinken.

Weiters spricht für das kommende Jahr, dass wir den Gegner bereits kennen. Wir wissen, dass wir mit Abstand, Kontaktreduktion oder gar einem Lockdown jeder Mutation den Zahn ziehen können, sofern die Maßnahmen früh genug kommen. Man darf bei dem irrationalen Geschrei der Maßnahmengegner eines nicht vergessen: Die schweigende Mehrheit hält sich an die Maßnahmen, ja viele übererfüllen sie sogar. Man denke nur an die vielen, vielen Menschen, die sich längst an die FFP2-Masken gewöhnt haben und sie ganz freiwillig auch dort tragen, wo sie gar nicht vorgeschrieben wären.

Die Vernünftigen, Verlässlichen, Pflichtbewussten, die, mit denen man rechnen kann, sind nach wie vor weit verbreitet. Man hört sie nur nicht, weil sie sie nicht die ganze Zeit damit beschäftigt sind, "Diktatur!" zu brüllen und sich dann über eine "Spaltung" zu beklagen, die sie selbst herbeigeführt haben. Man kann nicht sagen, dass zum Streiten zwei gehören, wenn immer derselbe anfängt. Die "Diktatur!"-Radaubrüder sind nämlich nicht "das Volk", wie sie gerne skandieren, sondern eine minimale (wenngleich laute) Minderheit in diesem Volk. Diese Leute haben auch nicht überhandgenommen, sie werden auch nicht immer mehr, wie man annehmen könnte. Sonst müssten sie nicht im Internet Fotos von Massenprotesten fälschen, die es nie gab.

Wir werden es meistern

Faktum ist: Wir werden auch diese schwierige Zeit meistern. Mit Vorsicht, Rücksicht, Vorbereitung und dem Willen zum Durchhalten. Wenn alle ein bisschen mehr tun, als sie eigentlich müssten, und nur wenige alles ausreizen, was gerade noch erlaubt ist, hat die Hoffnung eine Chance. Die Stimme der Vernunft ist bekanntlich leise. Aber wenn ganz viele zur gleichen Zeit etwas ganz leise tun, ist es in Summe auch nicht zu überhören. Also tun wir, was zu tun ist: Gehen wir auf Nummer sicher. Gehen wir testen. Und dann gehen wir gemeinsam in die nächsten Runde. Möge es die letzte sein. In diesem Sinne: Frohe Festtage.