Als Friedrich Nietzsche seine Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen verkündete, reagierten die Zeitgenossen einigermaßen amüsiert. Der Gedanke, dass sich alles wiederholen müsse, schien dem fortschrittstrunkenen 19. Jahrhundert zu absurd, als dass sich eine ernsthafte Auseinandersetzung damit lohnte. Die Veränderungen, die Wissenschaft und Technik, Marktwirtschaft und Industrie für das Leben der Menschen gebracht hatten, waren offenkundig, der Zeitpfeil zeigte in eine Richtung, nämlich nach vorne. An dieser Einstellung hat sich, trotz furchtbarerer Rückfälle in die Barbarei, wenig geändert. Wenn alles schief geht, droht womöglich die Apokalypse, der große Untergang. Aber eine Wiederkehr des Gleichen? Unsinn!

Wissenschaftsskepsis aus romantischen Quellen

Wer das vergangene Jahr Revue passieren lässt, wird sich bei dem Gedanken ertappen, dass Nietzsche so unrecht nicht hatte: ein einziges großes Déjà-vu. Die Infektionskurven und die Ansteckungswellen, die Maßnahmen und ihre Kritiker, die Lockdowns und die dazugehörigen Ausnahmen, die Modellrechnungen und Prognosen, die Hoffnungen und die Enttäuschungen - alles wie gehabt. Keine neuen Ideen, keine neuen Argumente, keine neuen Einsichten, keine Änderungen des Verhaltens. Nur das Virus erneuert sich und mutiert so lange, bis auch die rasch entwickelten Impfungen ihre Wirksamkeit verlieren. Die Mühe hätte sich dieser gefährliche und lästige Erreger aber sparen können. Infiziert mit krausen Theorien, die bis ins Mittelalter zurückreichen, bieten die Impfverweigerer ohnehin einen fruchtbaren Boden für Ansteckungen aller Art. Neu ist das auch nicht: Die aktuell grassierende Wissenschaftsskepsis wird aus romantischen, esoterischen und spirituellen Motiven gespeist, die den Prozess der Aufklärung seit langem begleiten.

Wir bewegen uns im Kreis. Das ist für moderne Menschen nur schwer auszuhalten. Die Verhärtung der Fronten zeugt davon. Manchmal scheint es, als richtete sich der Groll vieler Maßnahmengegner deshalb mit solcher Vehemenz gegen die Regierung, weil diese nicht imstande ist, das Virus gemäß den Interessen der Gastronomie und Tourismuswirtschaft zu manipulieren. Leicht geht dabei das Augenmaß verloren. Jede Lockerung wird euphorisch begrüßt, jede vorgezogene Sperrstunde wird zur Katastrophe.

Dass das Neujahrskonzert nicht mehr aus einem leeren, sondern aus einem halbgefüllten Musikvereinssaal in die Welt übertragen werden kann, sorgt für Erleichterung und gute Stimmung; dass hingegen der Opernball zum zweiten Mal abgesagt wurde, gilt als böses Omen. Wie schon zu Beginn des abgelaufenen Jahres hören wir die frohe Botschaft, dass bald die ersehnte Normalität wiederkehren werde. Nun ja. Da es ein schwerer Fehler gewesen war, aus Gründen der Opportunität das Ende der Seuche zu verkünden, lautet die neue Zauberformel nun: Verwandlung der Pandemie in eine Endemie, mit der es sich leben lässt. Hoffentlich widerlegt das trickreiche Virus nicht diese Prognose.

Die Wiederkehr des Gleichen beherrscht die politische Bühne auch jenseits von Corona. Die Intrigen und Machenschaften, die wenig geschmackvollen privaten Nachrichten und Absprachen, die zu einem spektakulären Reigen des Auf- und Abtretens geführt hatten, gemahnen in einem tieferen Sinn an Nietzsches umstrittene Lehre. Wohl werden bei jeder Angelobung einer neuen Regierungskonstellation wortreich ein neuer Stil, eine neue Politik, eine neue Kommunikationskultur beschworen, sehr bald aber schimmern dahinter die alten Verfahren und Mechanismen der Macht durch. Bestechlichkeit und Korruption, ein rüder Umgangston und die Denunziation von unliebsam gewordenen Parteifreunden gehören zum politischen Geschäft, seit dieses aktenkundig geworden war. Die Kraftausdrücke, die sich in diversen Chat-Protokollen finden, nehmen sich in Hinblick auf legendär gewordene Beschimpfungen dabei nicht einmal sonderlich originell aus. Karl Marx‘ Kunststück, Ferdinand Lassalle, seinen Konkurrenten innerhalb der Arbeiterbewegung, einen "jüdischen Nigger" zu nennen, ist schwer zu toppen. Was bleibt, ist die mit geheuchelter Empörung gepaarte voyeuristische Freude, einen Blick hinter die Kulissen zu erhaschen und zu sehen, wie gut gecoachte Funktionäre und glatte Karrieristen die Kontrolle über ihre Message verlieren, wenn sie sich unbeobachtet fühlen.

Idee des Fortschritts misst sich an Modellen des Silicon Valley

Und dennoch: Jeder Jahreswechsel verführt ungeachtet der Kontinuität menschlicher Schwächen zur Beschwörung einer lichten, besseren Zukunft. Die Prognostiker, Trendforscher und Futurologen bemerken gar nicht, wie sehr ihre Silvesterpredigten sich Jahr für Jahr gleichen. In naher Zukunft werden wir nicht nur Corona, sondern auch den Krebs besiegt haben, die Lebenserwartung wird weiter steigen, die Diversität der Lebensentwürfe zunehmen, und das meiste wird sich in einem virtuellen Raum, dem von Mark Zuckerberg ausgerufenen "Metaversum", abspielen. Man bleibt zuhause, setzt sich eine Datenbrille auf und befriedigt seine Konsumbedürfnisse in einer künstlichen 3-D-Welt, ohne sich und die Umwelt mit schmutziger Materie und echten Begegnungen zu belasten. Es ist schon verblüffend, dass der in der Pandemie immer wieder beklagte Mangel an realen sozialen Kontakten, unter dem vor allem Jugendliche ganz schrecklich leiden sollen, zu keinem Umdenken in Hinblick auf die Heilsversprechen der Digitalwirtschaft geführt hat.

Unverdrossen misst sich die Idee des Fortschritts an den Geschäftsmodellen des Silicon Valley. Diese lassen keinen Zweifel daran, dass der Mensch als leiblich-seelisches Wesen dramatisch an Bedeutung verloren hat. Wichtig sind im Guten wie im Schlechten einzig die vielfach verwertbaren Datenspuren, die wir hinterlassen, sie beeinflussen unsere Stellung in der Welt, sie entscheiden über Aufstieg und Fall, über Höhenflüge und Bruchlandungen. Der Deutung des Menschen als Datenbündel haftet etwas Inhumanes an. Darüber kann keine Rhetorik der Menschenfreundlichkeit hinwegtäuschen.

Unsere Bereitschaft, hartnäckig daran zu glauben, dass sich etwas ändern und in der wenig erbaulichen Routine des politischen Geschäfts das Gute aufleuchten werde, ist trotz allem ungebrochen. Wider alle Evidenz - noch jede politische Bewegung ließ sich korrumpieren - an dieser Hoffnung festzuhalten, stellt eine Wiederholung des Immergleichen dar, doch ohne optimistische Perspektiven wollen wir ein neues Jahr nicht beginnen lassen. Gerade Demokratien, die stärker als alle anderen Herrschaftsformen Gefahr laufen, an ihren eigenen Ansprüchen zu scheitern, bedürfen zahlreicher Illusionen, um einigermaßen zu funktionieren.

In diesem Sinne werden wir also - wie schon in den vergangenen Jahren - die Dialogbereitschaft erhöhen, die Korruption bekämpfen, die Klüngel von Politik, Wirtschaft und Medien aufbrechen, die Digitalisierung vorantreiben, das Klima schützen und mehr Fortschritt wagen. Eher früher als später werden wir allerdings erkennen, dass Johann Nestroys Aperçu, nach dem es der Fortschritt so an sich hat, größer auszuschauen als er ist, einiges für sich hat. Natürlich ist auch diese Einsicht vom Fluch der ewigen Wiederkehr gezeichnet. Ein großer Trost ist das nicht.