Das Programm steht, und das Warmlaufen hat bereits begonnen: Kaunas wartet sehnsüchtig auf seinen Start als Europäische Kulturhauptstadt 2022 – um einen neuen Mythos zu schmieden und sein Profil zu schärfen. Modern und europäisch will sich Litauens zweitgrößte Stadt präsentieren, mit viel Kultur, Geschichte und Selbstbewusstsein. Dies soll helfen, weiter aus dem langen Schatten der Hauptstadt Vilnius herauszutreten.

Kaunas besitze eine "außergewöhnliche, komplexe, wechselhafte Geschichte", betonte der litauische Kulturminister Simonas Kairys bei der Vorstellung des Programms des Kulturhauptstadtjahrs. Es soll am 22. Jänner offiziell eröffnet werden. Sichtbar sei in der von mehreren Hügeln umgebenen und am Zusammenfluss zweier Flüsse gelegenen Stadt das "ganze Kaleidoskop der Epochen und politischen Systeme".

Bestie als Maskottchen

Kernstück des Programms ist die Trilogie "Mythos von Kaunas" - eine an drei Wochenenden stattfindende Veranstaltungsreihe. Gestaltet von Künstlern aus Litauen und dem Ausland, soll eine neue verbindende und identitätsstiftende Legende für die 300.000 Einwohner zählende Stadt geschaffen werden. Unter den Themen "The Confusion" (19. bis 23. Jänner), "The Confluence" (20. bis 22. Mai) sowie "The Contract" (25. bis 27. November) sind Konzerte, Ausstellungen, Feuer- und Lichtshows und vieles mehr geplant. Nicht wenige davon drehen sich um die neu erfundene Bestie von Kaunas - eine Art Maskottchen.

Insgesamt sollen im Kulturhauptstadtjahr mehr als 40 Festivals, 60 Ausstellungen und jeweils über 250 Veranstaltungen der darstellenden Künste und Konzerte stattfinden. Zu den Höhepunkten gehören die Einzelschauen von Künstlern wie William Kentridge, Yoko Ono und Marina Abramović und eine Theaterinszenierung von Robert Wilson.

"Ich bin daran interessiert, nach Litauen zu kommen, um zu sehen, wie es sich anfühlt und ob mein imaginiertes Land und seine Geschichte dem entsprechen, was ich vorfinde, wenn ich dort bin", sagt Kentridge. Die erstmalige Ausstellung des südafrikanischen Künstlers mit litauischen Wurzeln über selektive Erinnerung gilt in Kaunas als eine der wichtigsten Veranstaltungen im Kulturhauptstadtjahr.

Retrospektive von Yoko Ono

Gleichfalls hohe Erwartungen weckt die Retrospektive von John Lennons Witwe Yoko Ono, die als Konzeptkünstlerin der Fluxus-Bewegung die Kunstszene mitprägte. Fluxus gilt als eine der einflussreichsten Kunstrichtungen weltweit - sie geht auf den in Kaunas geborenen George Maciunas zurück. Er hatte Anfang der 1960er Jahre in New York mit Happenings und Performances neue künstlerische Ausdrucksweisen etabliert.

Kaunas soll nun von einer in Nostalgie schwelgenden Stadt zu einer wachsenden, offenen Stadt werden, die an sich und ihre Zukunft glaubt. Zum Ausdruck kommt dies auch im offiziellen Motto des Kulturhauptstadtjahres: "From temporary to contemporary". Damit spielt die Stadt auf ihre vielleicht besten Tage an: Kaunas diente nach dem Ersten Weltkrieg von 1919 bis 1940 als provisorische Hauptstadt der neugegründeten Republik Litauen.

Traumata als Thema

Doch dann wurde der Baltenstaat von der Sowjetunion besetzt und Vilnius wieder Hauptstadt. Die dunkle Geschichte des Zweiten Weltkriegs, der Holocaust an litauischen Juden und die sowjetische Besatzung belasten die Stadt bis heute. Diese lange verborgenen Traumata sollen rund 30 Jahre nach der wiedererlangten Unabhängigkeit Litauens nun im Kulturhauptstadtjahr angegangen werden.

"Kaunas verlor seinen Ruhm, seinen Stolz und wurde eine sehr traurige Stadt", sagt die Kulturhauptstadt-Direktorin Virginija Vitkiene. Lange hatte sich die Stadt nicht vom Verlust des Hauptstadtstatus erholt, obwohl sie in vielerlei Hinsicht durchaus bemerkenswert ist. Kaunas war als einzige Stadt Litauens direkt mit der Hanse verbunden, hatte die erste in Litauisch lehrende Universität und ist das ultimative Mekka von Litauens zweiter "Religion": Basketball.

Eine Besonderheit ist auch die modernistische Architektur der Stadt, die einen weiteren Schwerpunkt des Programms bildet. "Wir glauben, dass dies etwas ist, mit dem sich alle Europäer identifizieren können", meint Programmmacherin Vitkiene. Kaunas beherbergt rund 6.000 modernistische Bauten aus der Zwischenkriegszeit, als die Stadt eine Blütezeit als diplomatisches und kulturelles Zentrum erlebte. (apa)