Es geht betriebsam zu im Haus Freiheitsplatz im Zentrum der nordserbischen Stadt Novi Sad. In der Stiftung "Novi Sad 2021" arbeiten junge Leute konzentriert am Computer. Das Mobiliar ist funktional und zugleich stylish, wie man sich die Räumlichkeit eines trendigen Start-ups vorstellt. Nur noch wenige Tage sind es, bis Serbiens zweitgrößte Stadt Novi Sad Europäische Kulturhauptstadt wird - als Folge der Corona-Pandemie zeitversetzt um ein Jahr, also 2022 statt 2021.

Nemanja Milenkovic, der Präsident der Stiftung, empfängt im Konferenzraum. Der 44 Jahre alte Programmmacher kommt schnell auf den Punkt: "Die Botschaft lautet: Für neue Brücken! Es ist ein Appell zu handeln, aber auch eine Vision."

Novi Sad liegt am Mittellauf der Donau, dem großen europäischen Strom. Es ist die Hauptstadt der Provinz Vojvodina, wo neben Serben mehr als ein Dutzend anderer Nationalitäten leben. Im Jahr 1748 verlieh die Habsburgerin Maria Theresia der auf lateinisch Neoplanta genannten Siedlung den Titel einer königlichen Freistadt. Ihre Bürger sollten sie fortan in ihrer jeweiligen Muttersprache benennen: Neusatz auf Deutsch, Ujvidek auf Ungarisch und Novi Sad auf Serbisch.

Bis 1918 war die Stadt Teil der k.u.k.-Monarchie, was sie bis heute prägt. Drei Brücken überspannen die Donau. Sie wurden bei den Nato-Bombardierungen im Frühjahr 1999 zerstört, als das westliche Bündnis den damaligen serbischen Kriegsherrn Slobodan Milosevic zur Aufgabe des von Albanern bevölkerten Kosovos zwang. Die Brücken, die inzwischen wiederaufgebaut wurden, stehen auch für das Verbindende, unterstreicht Milenkovic.

Frauen und Migration auf der Agenda

Mit einem Budget von 60 Millionen Euro stellt die Stadt mit 340.000 Einwohnern ein ambitioniertes Programm auf die Beine. Abgehandelt werden Themen wie Migration, Frauen in der Kunst, die Zukunft Europas. "Bis Ende 2022 werden wir 5.000 europäische Künstler bei uns gehabt haben", sagt Milenkovic nicht ohne Stolz.

Zur Eröffnung am 13. Jänner - das Datum fällt mit dem orthodoxen Neujahr zusammen - gestaltet der slowenische Avantgardekünstler Dragan Zivadinov ein Open-Air-Spektakel mit dem Titel "Zeniteum". Der Titel spielt auf die stilprägende jugoslawische Avantgardekunstzeitschrift "Zenit" an, die in den 1920er Jahren zuerst in Zagreb und dann in Belgrad erschien.

Die Corona-Pandemie scheint die Kulturhauptstadtmacher nicht aus der Fassung zu bringen. "Sie ist eine große Herausforderung, aber wir haben Erfahrung gesammelt", meint Milenkovic, einer der Mitbegründer des weithin bekannten Rockfestivals Exit, das bis zu 200.000 Gäste in die Stadt lockt. Serbien hatte eigentlich nur einen einzigen harten Lockdown, im Frühjahr 2020, und dann eher milde Maßnahmen. In Novi Sad liefen seitdem viele Vorprogramme zum Kulturhauptstadtjahr.

Darunter gibt es auch zahlreiche Kooperationen mit dem Österreichischen Kulturforum in Serbien und österreichischen Institutionen. So sind etwa die Berufsvereinigung der Bildenden KünstlerInnen Österreichs und APORON 21 aus Graz Partner bei der Ausstellung "Link it, mark it", die am 22. Februar eröffnet, die Sammlung Verbund bei der Schau "The Feminist Avantgarde" ab 19. Mai und das Festival Nextcomic aus Linz bei der Konferenz "Comics, Heritage and Contemporary Art", die von 29. bis 30. Oktober über die Bühne gehen soll.

Kritik aus der freien Kunstszene

Kritiker des Kulturhauptstadtprogramms bemängeln, dass die Macher auf Schein statt Nachhaltigkeit, auf Effekt statt Tiefe setzten. Der Stiftungspräsident möge zwar ein exzellenter PR-Fachmann sein, doch stehe ihm kein kompetenter künstlerischer Leiter zur Seite, ist zu hören. Weite Teile der unabhängigen Kunstszene in Novi Sad wurden mit dem Kulturhauptstadtprojekt nicht recht warm. "Wir haben vier Jahre lang mit ihnen diskutiert. Vergebens", meint Zoran Pantelic, der das Multi-Media-Zentrum Kuda.org am Rand der Stadt leitet. "Sie interessieren sich mehr für Kultur als Präsentation und nicht so sehr für Kultur als Produktion."

Milenkovic will den Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen. Man habe verlassene Fabriken und Lagerhallen hergerichtet und betriebssicher gemacht. "All das stellen wir der Kultur zur Verfügung." Der unabhängigen Szene stünden die Türen offen. Es bleibt abzuwarten, ob die unterschiedlichen Auffassungen von Kultur zueinander finden können. (apa)