Bacon sandwich and a tea?", wird rhetorisch aus der Imbissbude gerufen, als ein Black Cab Driver seinen Wagen abstellt und schon von Weitem erkannt wird. "Lovely jubbly!", jubelt er zurück und verschwindet durch das kleine Seitentürchen ins sogenannte "Cabmen’s Shelter". Es ist acht Uhr in der Früh in der Londoner Kensington Road, Nähe Royal Albert Hall.

Vielen sind sie noch nie aufgefallen, andere fragen sich seit jeher, wozu diese kleinen grünen Hütten dienen. Mittlerweile stehen von dieser Londoner Eigenart nur noch 13, und nicht alle von ihnen gerade: In jenes Bretterhäuschen am Thurloe Place, einen Katzensprung vom Kaufhaustempel Harrods, donnerte kürzlich ein Auto. Die "Shelters" in Soho und beim Chelsea Embankment sind von Baustellenzaun umwickelt. "Wir aber waren auch in den Corona-Zeiten offen, ab sechs in der Früh. Takeaway geht immer", sagt Billy und nippt an seinem Smiley-Häferl, während seine Frau Hazel Speck und Würstel in zwei Pfannen brutzelt. "Unseres ist bekannt als ‚The All Nations Shelter‘", sagt sie nicht ohne Stolz, "wegen all der Botschaften rundherum."

Die "Cabmen’s Shelters" wurden ab 1875 als Unterschlupf für Pferdekutscher errichtet, damit sie sich aufwärmen und stärken konnten. "Und um sie aus den Pubs rauszukriegen", sagt Billy über jene Zeit der rauschfeindlichen "Teetotalers". Aus diesem Wunsch wurden die grünen Stände mit strikten Verboten belegt, und zwar: "Kein Alkohol, kein Glücksspiel, kein Fluchen", meint Hazel und fügt lachend hinzu: "Aber das Fluchen lassen wir ihnen mittlerweile durchgehen."

Gemanagt und vergeben werden die Buden vom 1875 gegründeten "Cabmen’s Shelter Fund". Dort kann man sich als Interessent anmelden und kommt auf eine Warteliste, erklärt Billy: "Bei uns hat es acht Jahre gedauert, bis wir eine Zusage bekommen haben - da hatten wir unsere Bewerbung ehrlich gesagt schon wieder vergessen." Davor war er als Buchmacher bei Pferderennen tätig, mittlerweile betreibt er das "Shelter" mit Hazel seit sieben Jahren: ein bestens eingespieltes Team auf engstem Raum.

Des Taxlers Kantine

Bis 1914 wurden 61 dieser viktorianischen Kabäuschen mit Belüftung im Dachtürmchen erbaut. Sie sehen alle gleich aus und dürfen seit Anbeginn nicht größer sein als von den Pferdenüstern bis zum Ende der Kutsche, da sie auf öffentlichen Straßen stehen - und mittlerweile unter Denkmalschutz. Ihre Architektur änderte sich nicht, aber sie gingen mit der Zeit und öffneten ihre Luke für benzinbetriebene Droschken, als diese die Pferdefuhrwerke ablösten. Bei den Taxis in London war noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts die Fahrerkabine offen, was die Wagenlenker dem britischen Wetter genauso gnadenlos aussetzte wie die Kutscher. Das schwarze Geländer, das sich nach wie vor um die "Shelters" ringelt, diente dem Anbinden der Pferde, und heute hat hier jeder Hinz und Kunz zu stehen, der keine Black-Cab-Lizenz vorweisen kann. Für ihre Prüfung lernen die Fahrer der schwarzen Taxis im Durchschnitt drei Jahre lang, um sich im Stadtmoloch auch blind zurechtzufinden: In diesen Kreisen heißt diese Fähigkeit schlicht "The Knowledge".

Drinnen sind seit jeher eine Zwergenküche und eine u-förmige Bank, man muss aufpassen, sich nicht auf die Füße zu steigen. "Die Plätze sind recht exklusiv‘", so Billy, "aber zehn Eingeschworene haben Platz, wenn sie eng zusammenrücken." Ein korpulenter Taxler, der jeden Tag vorbeikommt und seit 41 Jahren im Dienst ist, sitzt breitbeinig bei seinem "Full English Breakfast" und sagt zwischen zwei Bissen: "Aber nur, wenn sie so schlank sind wie ich!"

Wenn die richtige Runde zusammenrückt, rennt der Schmäh im Kreis, und die Betreiber sollten jene direkte Eloquenz innehaben, die auch des Stammbeisls Wirts schärfste Waffe ist. Es sind kleine Gemeinschaften, die sich hier regelmäßig wie am Stammtisch austauschen - nur ohne Alkohol. "Heute kommen hauptsächlich die älteren Semester, die jungen Fahrer sind in WhatsApp-Gruppen und brauchen keine physischen Orte mehr, an dem sie sich treffen", zuckt Billy mit den Schultern. "Wir", sagt einer der anwesenden Veteranen, "sind die Dinosaurier."

Ein Happen mit Churchill

Eine Zäsur für die "Shelters" war der Erste Weltkrieg: Fahrer und ihre Wägen wurden in die Kriegshandlungen eingezogen, viele kamen nicht mehr zurück. Im Zweiten Weltkrieg wurden einige Buden direkt von Bomben getroffen, später schleifte sie die Stadtverwaltung im Zuge von Straßenerweiterungen.

Die heute noch stehenden Hütten befinden sich im zentralen London: in Chelsea, um den Hyde Park, um den Buckingham Palace. Hier können sich Bewohner und Touristen - sowie Investoren aus dem russischen und arabischen Raum - die traditionellen Chauffeure leisten, die doch um einen ganzen Tick teurer sind als andere Taxis. Das "Knowledge" hat seinen Preis in einer Stadt, die einem an jeder Ecke große Löcher in die Geldtasche reißen kann. Das diese Tatsache beweisende Gegenteil sind die "Cabmen’s Shelters" höchstselbst: Bacon Rolls 2,20 Pounds, English Tea 80 Pence, "in cash, no cards!". Zu Stoßzeiten stehen lange Schlangen vor den Hüttchen, und wenn ein Eingeweihter hineingeht, dringt Gelächter durch die halboffene Tür.

Jedes "Shelter" hat sein eigenes Profil: Eins wurde früher "The Kremlin" genannt, weil dort die sozialistische Taxlerschaft verkehrte. Das legendärste, mittlerweile spurlos verschwundene stand am Hyde Park Corner und firmierte - benannt nach einem nahegelegenen exklusiven Herrenklub - unter der Budel als "Junior Turf Club": In den "Roaring Twenties" wurden Champagner und Whiskey in rauen Mengen reingeschmuggelt, und auch die Aristokratie vergnügte sich hier. Ihre Nerzmäntel, Smokings und Zigarren wurden toleriert, sie mussten aber einen ordentlichen "Touristenaufschlag" zahlen, damit sie hier um fünf Uhr in der Früh ihre Afterhour feiern durften, während die Cabmen sich im "Cockney Rhyming Slang" in einen neuen Arbeitstag hineinfluchten.

Auch im "All Nations Shelter" hat sich Geschichte zugetragen: "Winston Churchill war öfter hier auf ein Sandwich", sagt Billy, "und der Comedian Benny Hill, der ja gleich um die Ecke wohnte."

Denkmalschutz und -pflicht

Heute, mit geschlossenen Fahrerkabinen, Wagenheizung und Fast Food überall, hat sich die Relevanz der "Shelters" geändert: Die Mahlzeiten sind nach wie vor wichtig, aber fast noch wichtiger ist die soziale Ebene, der Austausch der "Dinosaurier" untereinander. "Obwohl du als Fahrer dauernd Leute um dich hast, ist es ein sehr einsamer Job", sagt einer von ihnen. Hazel nennt das, was sie hier diskutieren, "cab talk". Die Stammgäste haben ihre eigenen Kaffeehäferl zwischengelagert, die auch gleich verraten, welcher Fußballmannschaft sie verfallen sind. Wenn ein Team gnadenlos abstinkt, kann es passieren, dass am nächsten Tag eine schwarze Schleife daran hängt.

Denkmalschutz umfasst nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten: So ist streng festgelegt, unter welchen Auflagen die "Shelters" saniert werden. Was wo anders mit einer Handvoll Pfündern erledigt wäre, wirkt durch die strengen Regeln oft so, als würde jeder Nagel nach dem Goldpreis verrechnet. Eine Sanierung für das, was für Unwissende eine Gartenhütte aus ein paar Brettern ist, wird auf 30.000 Pfund geschätzt. Sogar die "Shelter-"Farbe ist an die historischen Vorbilder gebunden: Dulux Buckingham Paradise 1 Green. Für Einhaltung und auch Bezahlung sorgt der "Cabmen’s Shelter Fund", an den die Betreiber ihre Miete zahlen: "Einmal war der Ofen kaputt, wir haben sie angerufen, und am nächsten Tag haben sie ein neues Gerät gebracht und eingebaut", sagt Hazel und wendet den Frühstücksspeck: "Die sind wirklich gut und effektiv, aber es ist trotzdem kein einfaches Geschäft." Billy nimmt einen Schluck aus seinem Teehäferl und meint: "Sagen wir so: Es bringt uns über die Runden, aber wir werden uns in der Pension kein Haus in Südfrankreich kaufen."

Dafür ist ohnehin keine Zeit. Das nächste Black Cab parkt sich gerade ein. Lovely jubbly.